Aufstand der einfachen Leute gegen die „da oben“

Gelbwesten-Protest (Bild: Screenshot)
Gelbwesten-Protest (Bild: Screenshot)

Die Ironie der Weltgeschichte entgeht den meisten Bewertern des Zeitgeschehens heute. Stünden wir mit dem Wissen von heute vor unseren Vätern und von vor 50 Jahren und würden versuchen ihnen zu erklären, dass es nach dem Ende des Kalten Krieges keinen Klassen- und Ideologiekrieg zwischen Kapitalismus und Sozialismus geben würde, sondern eine ideologische Synergie beider Kräfte, würde man uns wohl für verrückt erklären.

Daher wäre die These, dass der liberale, vor allem einem rechten Bürgertum zugeordnete Kapitalismus des letzten und vorletzten Jahrhunderts, sich linker bzw. extrem libertärer Elemente bedienen könnte, unter damaligen Gesichtspunkten als Idee von Schwachsinnigen abgetan worden. Die protestantische Ethik (Weber) des Kapitalismus existiert nicht mehr. Sie bildete jedoch den Unterbau für für die liberal-kapitalistische Gesellschaft des 20. Jahrhunderts in den USA und auch in Teilen Europas. Ihr Sieg nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der Sowjetunion, war jedoch nicht von Dauer. Obwohl der klassische Marxismus-Leninismus gescheitert ist (mehr als einmal!), hat die Ideologie in unterschiedlichsten Formen, heute vor allem maskiert als eine Version des sogenannten Linksliberalismus, überlebt. Es hat den Anpassungsschock, die große Katastrophe des Systemzusammenbruchs überdauert und sich angepasst an die neuen Verhältnisse. Nur noch besonders harte Ideologen, die aus der Zeit gefallen sind, halten an den alten Formen von Marxismus-Leninismus fest. Hingegen hat der sogenannte linke Liberalismus Massentauglichkeit gewonnen.

Dabei hat dieser Liberalismus heute rein gar nichts mehr mit dem Liberalismus von vor 50 oder 100 Jahren zu tun. Diesen verortet man heute am rechten bzw. rechtsradikalen/rechtsliberalen Rand des politischen Spektrums. Was die SPD vor 100 Jahren sagte(Stichwort: Reichsbanner -Schwarz,Rot,Gold), würde sich heute kein Politiker der AfD trauen auch nur zu denken. Viele Positionen der in den 60er Jahren noch extremen Linken, finden sich heute bei den angeblich gemäßigten Rechten und Zentrumsparteien. Ergo fand eine ideologische Wanderbewegung statt, die das ursprüngliche Koordinatensystem, mit dem leider in der Politikwissenschaft immer noch gearbeitet wird, völlig untauglich für die Analyse gemacht hat. Eine Menge der Ideen, die in den 1970er Jahren noch zum gesellschaftlichen Konsens im Westen gehörten, beispielsweise traditionelles Rollenbild von Mann und Frau, die Achtung von Fleiß und Pünktlichkeit sowie Akzeptanz der Nation als sinnvollste Einheit, in der soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Anstrengung eine Chance auf Entfaltung haben, gelten heute als überholt. Eine Meinung konträr zum heutigen Hauptstrom zu vertreten, gilt beinahe schon als Gedankenverbrechen. Selbst die angeborene Geschlechtsidentität als Basis eines menschlichen Lebens und einer Persönlichkeit, das Minimum der Biologie, wird nicht mehr akzeptiert.

Dieser Umkehr der Positionen auf dem politischen Koordinatensystem liegt die Hybridisierung von einem mittlerweile atheistischen Liberalismus und eines neuen, kulturell definierten Marxismus zu Grunde, der nicht nur, aber auch von Personen wie Jean-Paul Charles Aymard Sartre, Herbert Marcuse, Theodor Adorno und Jürgen Habermas usw. geprägt wurde. Diese neue Synergie hat auch eine neue Klasse als Projektionsfläche ihrer Ideen. Eine Klasse, die zwar bürgerlich ist und im goldenen Käfig wohnt, sich aber kulturell nicht über einen tradierten Konservatismus, sondern über pseudo-religiöse Ideologie von Humanismus und kulturrevolutionärer Rhetorik definiert. Sie lebt rechts, redet aber links. Auch ihr Subjekt ist nicht mehr der Arbeiter des eigenen Volkes, der sowieso eher konservative Positionen vertritt und heute weiter rechts steht, als das Bürgertum selbst. Das neue Subjekt ist ein globales, multinationales Proletariat («die Edlen Wilden: Jean-Jacques Rousseau» ), das ist keinem realen Zusammenhang mehr mit der eigenen Nation oder dem ursprünglichen Staatsvolk steht. Erkennbar wird dies unter anderem am raschen Absterben der Sozialdemokratie in Europa, die sich immer auf die Fahne schrieb (fälschlicherweise), dass sie der Vertreter der Arbeiterklasse sei, was sie nie wirklich war. Diese Wahrheit dringt langsam auch zum Wahlvolk durch, das die SPD und andere Sozialdemokraten im Westen endlich für den kaum versteckten Ekel abstraft, den dieses linke Bürgertum in Verkleidung genossenschaftlicher Arbeitervertreter, ihren eigenen (mehrheitlich) weißen Wählern entgegenbringt.

Die Klasse der Globalisierungsverlierer, gerne auch als «Dunkeldeutsche» bezeichnet, ist als eigene Klasse zu definieren, wenngleich nicht alle aus den üblichen Arbeiter- und Bauernfamilien kommen. Am Beispiel von Frankreich sehen wir es am Aufstand der Gelbwesten, die in einem guten Beitrag von Sezession treffend als die Menschen aus dem «peripheren Frankreich» bezeichnet werden. Also all jene, die nicht zu denen gehören, die nicht im 8. Arrondissement oder in einer schicken Neubauwohnung mit Jugendstilelementen im Eingangstor in Prenzlauer Berg wohnen. Jene, die sich nicht als Weltbürgertum betrachten können, weil sie nicht an die Reise nach Bali oder Tunesien denken, sondern nur daran wie sie die Rechnungen am Ende des Monats bezahlen können.

Populistische (im positiven Sinne) Parteien, die sich dauerhaft etablieren wollen, müssen einen starken sozialpatriotischen Flügel haben und sollten nicht den Fehler begehen, sich nur auf ein elitäres, aber liberakonservatives Bürgertum zu stützen, das sich demographisch («Deutschland schafft sich ab») auf dem absteigenden Ast befindet. Langfristiger Erfolg wird nur gelingen, wenn das tradierte Bürgertum mit den liberalkonservativen Ideen und die entfremdete Klasse der einstigen Arbeiter, vergrößert und zusammengefasst als Globalisierungsverlierer, in einer Partei Platz finden und die Interessen beider Seiten zusammengeführt werden. Kurz: Die AfD braucht beide Flügel, um abheben zu können.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf younggerman.com

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14 Kommentare

  1. Man sollte dabei auch im Auge behalten, dass dieses – in meinen Augen alles andere als elitäre – Bürgertum meist direkt oder indirekt an der Staatstitte hängt. Um einmal diesen treffenden Begriff zu benutzen.

    Wenn Posten und Pöstchen, staatliche Subventionen und Förderungen oder auch lukrative Staatsaufträge wegbrechen, wird es mit der Herrlichkeit wohl größtenteils vorbei sein.

    In absehbarer Zeit wird dieser Zeitpunkt in Folge leerer Kassen zweifellos kommen. Dann beginnt auch bei den heutigen Möchtegern-Eliten das große Heulen und Zähneklappern …

  2. Das seh ich ganz genau so.
    Erklärbaren: super
    Und wer ist gemeint mit „einfachen Leuten“? Die meisten von den einfachen Leuten sitzen doch im Bundestag.

  3. Wenn keine Familienväter mit Axt und keine Söhne mehr da sind, erscheint trotzdem bald ein Mann mit Axt in der Türe.

    Das haben die grün-bunten Feministinnen noch nicht begriffen.

    Der Diskurs an der Tür, über ihre Gender- und Selbstverwirklichungsansprüche, wird dann jedoch äusserst kurz ausfallen.

  4. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen ….. nur dass die dumbe Masse die Worte zwar lesen kann, aber nicht verstehen ….. 🤔☹

  5. Wer sind die „einfachen“ Leute? Diejenigen, die früh aufstehen, zur Arbeit gehen, die auch abends und nachts vor Ort sind.
    Ich habe einen Wunsch: Jeder Bundestagsabgeordnete sollte zwangsweise am Stück 4 Wochen im Pflegedienst tätig sein, in allen Schichten, mit allem was dazu gehört – waschen, streicheln, Hintern abwischen, füttern. Und für diese 4 Wochen bekommen sie nicht ihre selbst verordneten Diäten, sondern den Lohn, den die Pflegekräfte vor Ort erhalten.

    • Nicht nur in der Pflege.Die Befürworter von H4 und Leiharbeit sollen selber einmal von diesen Hungerlöhnen leben.Oder ein Viertel Jahr auf H4 Niveau.Gern auch mit den üblichen Sanktionen.Sie dürfen sich auch an der ,,Tafel“ mit den Merkelgästen um abgelaufene Lebensmittel prügeln.

    • Sowie Einquartierung in ein ,,buntes“ Stadtviertel.Der Nachwuch besucht währenddessen eine der üblichen,,Schule mit Courage“anstatt eine Privatschule.

  6. Ich habe noch keinen Vogel mit einem Flügel fliegen gesehen. Nur auf zweiFlügeln lässt sich Höhe gewinnen.

  7. „….dass es nach dem Ende des Kalten Krieges keinen Klassen- und
    Ideologiekrieg zwischen Kapitalismus und Sozialismus geben würde,
    sondern eine ideologische Synergie beider Kräfte…“

    Das ist in der Tat verrückt und stellt die Fakten auch völlig falsch dar. Wir befinden uns mitten in einem Ideologiekrieg zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Synergeien finden nicht statt, weil das gar nicht möglich ist; denn beide Wirtschaftsformen schließen sich kategorisch aus. Man muß schon sehr wenig Ahnung von Ökonomie haben, um das nicht zu sehen. Wir leben in einer Art Korporatismus, der mit Kapitalismus (i.S.v. freier Marktwirtschaft) sehr wenig, mit Sozialismus aber umso mehr zu tun hat, als daß er sich diesem stetig annähert. Leider erkennen das nur wenige, wie man ja auch hier sehen kann. Stattdessen wird oft genuin linke Ideologie vereinnamt und auf rechts gedreht. Aber man sollte die Hoffnung nicht aufgeben.

    • Sehe ich auch so. Den Kapitalismus / Marktwirtschaft gab es noch vor 100 Jahren, und ist stetig von einer sozialistischen Staatswirtschaft zurückgedrängt worden. Es gibt zwar in der EUdSSR Privateigentum (noch) an Produktionsmitteln, aber der Staat bestimmt, was damit zu tun ist. Der westliche Korporatismus ist ein Zusammenspiel von privaten Geldfürsten (Rotschild, Soros,…) und den Gutmenschen-Demokraten.

  8. Nur begreift die AfD bzw. die Karrierirsten in dieser Partei das nicht. Egal, ob eine Partei, eine Gesellschaft, ein Unternehmen, gleichgemacht und gleichgeschaltet schwächt, ist das Balancieren auf einem Bein. Wie lang geht das gut?

  9. Genau dieses Szenario hat Carl Friedrich von Weizsäcker in seinem Buch „Der bedrohte Frieden“ schon 1982 beschrieben.Nur in einem irrte er-es sind nicht 20 Jahre sondern ca. 30 Jahre vergangen.Er hatte wohl das Gelddrucken nicht auf dem Plan.Erstaunlich das sich die „Intelligenz“ davon nicht beirren ließ und ihren verhängnisvollen Irrweg fortsetzte.Hochmut kommt vor dem Fall sagt man so schön.Sehen wir die Gierhälse bald von den Wolkenkratzern springen?

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