Was uns der Spanische Bürgerkrieg noch sagen wollte

Public Domain / Bombardierung von Barcelona 1938

Kürzlich traf ich mich mit einem Bekannten, der gerade eine wissenschaftliche Arbeit über den Spanischen Bürgerkrieg verfasst. Wir sprachen beim Kaffee über meinen letzten Urlaub in Barcelona und die Veränderungen innerhalb der deutschen Gesellschaft. Als Spanier, der hier nur studiert und bald wieder abreisen wird, hat er eine nüchterne und wenig hysterische Perspektive auf Deutschland. Er betrachtet die Bundesrepublik als Zuschauer von außerhalb und erfreut sich der Tatsache, dass viele Entwicklungen in unserem Land denen ähneln, die er anhand der Geschichte Spaniens in den 20er- und 30er-Jahren rekonstruieren konnte.

Nun soll dies keine wissenschaftliche Abhandlung über den Bürgerkrieg auf der iberischen Halbinsel sein, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg das Tor zu den schlimmsten Abgründen der menschlichen Seele nochmals öffnen sollte. Aber uns beiden entging nicht, dass in den Schilderungen in El terror rojo en España von José Javier Esparza doch deutliche Ähnlichkeiten zum Zustand in Frankreich, England, Deutschland und womöglich sogar den USA herrschen könnten. Der «rote Terror in Spanien» befasst sich mit den Gräueltaten der republikanischen (linken) und internationalsozialistischen Kämpfer im Bürgerkrieg. Über die Untaten der Frankisten und Faschisten ist genügend erzählt worden. Dass auch die angeblich demokratisch-freiheitlichen Republikaner der zweiten Republik sich nicht mit Ruhm bekleckert haben, ist ein kaum gelesenes Blatt der Geschichte. Aber darum soll es auch nicht gehen. Interessant ist eher, dass sich die spanische Gesellschaft in den Jahren vor dem Krieg molekular zersetzt hat. Anders als die vereinfachende Geschichtsschreibung uns glauben machen will, sind es nicht unbedingt bestimmte Daten und Ereignisse, die Konflikte auslösen. Die Ursachen liegen selbstverständlich viel tiefer.

Schon in den frühen und mittleren 20ern, also knapp zehn Jahre vor dem Ausbruch des eigentlichen Bürgerkrieges, war die spanische Gesellschaft enorm polarisiert. In den Anektdoten und Orginalquellen, teilweise Tagebüchern und den Fachbüchern, die mein Kollege mir zeigte, wird in etlichen Facetten gezeigt, dass die Spanier als Volk 1929 spätestens in zwei verschiedenen Realitäten gelebt haben. Es gab in dieser Periode des Umbruchs, die viele alte Ideen hat sterben sehen, zwei politische Pole, die mit Gravitationskraft alles an sich zogen, was den Schiffbruch der alten Ordnung überlebt hatte. Da gibt es Geschichten von Söhnen und Vätern, die sich aufgrund unterschiedlicher politischer Ansichten trennten, nur damit der Sohn Jahre später heimkehrt und den eigenen Vater erschießt. Auch Morde zwischen Brüdern, richtigen Verwandten, waren keine Anomalie im Bürgerkrieg. Selbst Familien hatten sich entlang politischer Ideologien entzweit.

Dabei ist auffällig, dass viele Trends sich zu wiederholen scheinen. Die Anhänger des Sozialismus und des demokratischen Sozialismus, die Republikaner und ihre Unterstützer, hatten viele Fürsprecher in den wohlhabenderen Gebieten von Barcelona und anderen Örtlichkeiten. Die Frankisten, Monarchisten und Faschisten hingegen rekrutierten einen Großteil ihrer Anhänger aus der bäuerlichen Unterschicht, der Mittelschicht und aus dem Adel sowie dem katholisch-konservativ geprägtem Lager. Was nicht heißt, dass die Republikaner mit ihrer Klassenkampf-Ideologie aus der UDSSR nicht auch viele einfache Leute für sich gewinnen konnten. Aber Barcelona und die Katalanen sehen sich nicht grundlos in ihrer progressiven Tradition von Sozialismus, Feminismus und Republikanismus. Weibliche Kämpfer waren bei den Republikanern keine Seltenheit, entstammten aber sicherlich nicht selten aus bürgerlichen Verhältnissen. Auch hier gibt es wohl Geschichten von familliären Brüchen, wenn die eigene Tochter zu den Roten geht, die Familie aber bei den Monarchisten oder anderen auf der rechten Seite verbleibt.

Der Bürgerkrieg hat die Gesellschaft Spaniens nachhaltig dysfunktional gemacht. Bis heute wird in akademischen Kreisen gestritten, wie viele Spanier denn eigentlich getötet wurden. Wie viele kamen um durch Kampf und wie viele durch Hunger und Durst? Wie viele wurden Opfer von politischen Massakern? Sowohl die Rechten als auch die Linken begingen dergleichen Massenmorde. Die Enthemmung in den Lagern war so groß, dass Leichenschändungen, Erschießungen von Zivilisten, ungeachtet von Alter und Geschlecht, für viele Täter scheinbar kein Problem mehr darstellte.

Bedeutsam für uns mag nur sein, dass im Vorfeld des Krieges eine tiefgehende Spaltung des spanischen Volkes für Jedermann ersichtlich war. Und das sagt mein Kollege auch über Deutschland im Jahr 2018. Republikaner tranken nicht zusammen mit Monarchisten oder Katholiken, jeder hatte seine eigene Gesellschaft, seine Bars und Gegenden. Umgang mit dem jeweils anderen galt als zumindest verdächtig, wenn nicht sogar verräterisch. Hinzu kommt, dass die Lager relativ gleichstark waren oder zumindest sich in einem ähnlichen Kräfteverhältnis bewegten. Hier muss erwähnt werden, dass wir hier nicht an diese immer wiederholte Mär von der «schweigenden Mehrheit glauben» (auf Deutschland und die Migrationsfrage bezogen).

Anfang 1930 war dann auch endgültig klar, dass kulturell und politisch zwischen diese streitenden Fraktionen kein Haar mehr passt. Eine Eskalation in Gewalt fand da bereits im Kleinen statt, wenngleich größere Kampfhandlungen noch eine Weile auf sich warten ließen. Beunruhigend ist für mich vor allem die menschliche und persönliche Dimension der Geschichte, wenn die tiefe Spaltung durch Freundeskreise, Familien und Städte geht. Für uns heute mag es absurd klingen und keiner will gerne eine Verstärkung dieser politischen Fliehkräfte in Deutschland herbeireden. Aber ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass die Polarisierung auch in Deutschland aufgrund der Unvereinbarkeit der Ideen, nämlich wohin die Reise Deutschlands gehen soll (national oder global), nur zunehmen und sich letztendlich irgendwie entladen wird.

Die Reibungsenergie nimmt zu und die Fahrt beschleunigt sich. Wo ist der nächste Halt? Hoffentlich nicht die Betonmauer am Ende der Straße.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf younggerman.com

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20 Kommentare

  1. Doch, wir brauchen die Betonmauer am Ende der Strasse.
    Der Worte sind genug gewechselt und irgendwann muss aufgeräumt werden.
    Kein National-Konservativer wird sich durch noch so viel sozialistisches-linkes-liberales Geschwätz zum Sozi oder grünen Gutmenschen werden und umgekehrt.
    Ein Franco wäre keine schlechte Lösung.

  2. Es scheint ja so, dass es auch für die Europäer im 21 JH nur zwei Denkrichtungen gibt. „Links oder rechts“ „Rot oder Schwarz“ „Konservativ oder FORTSCHRITTLICH (wobei sich fortschrittlich auf Ideologie und nicht auf Fortschritt in Naturwissenschaft und Technik bezieht).
    Im Grunde ist das ,das „uralte“ Freund-Feinddenken. Also Zivilisation sollte anders aussehen, und zwar ein friedfertiges NEBENEINANDER. Die Ideologie ob politisch oder religiös ist abgesagt, sie ist lebensfeindlich, unproduktiv, und führt nur zur Vernichtung.

  3. …dass wir hier ein historisch einzigartiges Experiment wagen, und zwar eine monoethnische und monokulturelle Demokratie in eine multiethnische zu verwandeln. Das kann klappen, das wird, glaube ich, auch klappen, dabei kommt es aber natürlich auch zu vielen Verwerfungen.“
    Der Politikwissenschaftler Yascha Mounk. An was wird der wohl gedacht haben?

    Und von weitere 10 Millionen wird offiziell gesprochen. Es werden mehr sein, viel mehr!
    Friedlich wird das niemals über die Bühne gehen!

    • … Sprach der deutsch-amerikanische Politwissenschaftler Yascha Mounk, Dozent an der Harvard-Uni, lebt in den USA.
      .
      Mit WIR meinte er die Amis, die dieses Experiment in Europa in die Wege geleitet haben.
      .
      .
      Vor dem Schreiben ist es immer gut, Grundwissen zu haben und sich eventuell selbst weiter zu informieren.

    • Habe ich auch gehört, aber ich glaube bei Neuwahlen kriegt er richtig eins aufs Dach! 🙂
      Die Vox und das ganze patriotische Lager werden richtig abräumen. Gut so!

    • Der Haushalt ist krachend gescheitert, eine Einigung nicht in Sicht, also blieb dem Genossen nichts anderes übrig. Ist wie in Frankreich, die kleinen Beruhigungsmacrönchen genügen werder den spanischen schon länger dort Lebenden, noch den Franzosen.

  4. In Deutschland gibt es leider keine zwei gleichgroßen Gruppen, die sich gegenüberstehen. Man hat die, die AFD wählen und das sind 13,7%. Die haben null Unterstützung nirgendwo, zum großen Teil nicht einmal bei Blogs, die für dieselben politischen Dinge kämpfen wie zum Beispiel Achgut oder Tichy. Die anderen „Konservativen“ und „Liberalen“ sind ohne jeden Widerstand so weit nach links gerückt, daß sie von den Sozialdemokraten oder sogar den Grünen nicht mehr zu unterscheiden sind. In wichtigen Fragen (Einwanderung, EU, Klima, Energie) sind hier alle größeren Parteien einer Meinung, egal ob CSU oder Die Linke. Im Gegensatz zu den Anhängern einiger der Altparteien sind die der AFD ausnehmend friedlich. Hier gibt es keine Massen, die man mobilisieren könnte, denn die meisten Wähler der AFD arbeiten oder sind nicht miteinander vernetzt. Es wird in Deutschland erst Unruhen geben, wenn den Bürgern weiter und weitaus einschneidender als jetzt an ihr Geld gegangen wird oder wenn sich eine wahrnehmbare Konkurrenz entwickelt, deren Bürger sichtlich besser leben. Bis dahin wird die Situation einfach so weiterlaufen wie bisher: Eine allmähliche Destabilisierung des Landes und immer mehr Bürger, die das Vertrauen in den Staat verlieren. Mehr aber vorerst nicht.

    • Im Prinzip ja, aber es gibt die noch schweigende Mehrheit, die sich abduckt. Und wie schnell etwas eskalieren kann, zeigt 1989. Da war es ähnlich. Niemand hat vermutet, das so schnell die Mauer fällt und so schnell Massen auf die Straße gehen

    • Das höre ich seit 5 Jahren. Daran glaube ich im Westen nichtmehr.
      Der Wendepunkt wäre in einer einigermaßen heilen Gesellschaft Silvester 2015 gewesen.

    • Die Bewegung wird auch aus dem Osten kommen. Der westen ist naiv. Unerfahren , leichtgläubig. Leider wird es die Frage sein,ob der Westen sich im Resentiment gegen den Osten fangen läßt und dort den Feind sieht, oder in Berlin

    • 1989 war aber eine ganz und gar andere Situation. Da gab es einen gemeinsamen Feind, das Wissen um eine nahe, bessere Gesellschaft und es gab das Westfernsehen. Heute haben wir ein Medienmonopol, welches – egal ob privat oder öffentlich-rechtlich, die Meinung der Regierung vertritt, Zeitungen, die die Meinung der Regierung vertreten, Gewerkschaften, die die Meinung der Regierung vertreten, Universitäten, die die Meinung der Regierung vertreten und Künstler, Intellektuelle und Sportler, die die Meinung der Regierung vertreten. Das alles beeinflusst die Menschen und nur die wenigsten haben das Selbstvertrauen, zu sagen, daß sich alle diese Institutionen und Menschen irren können beziehungsweise daß sie das alles sogar absichtlich und nicht zum Wohl der Bürger dieses Landes machen.

      Aber ich stimme Ihnen auch zu: Viele sind wütend und ich hoffe auch, daß sich das einmal entlädt.

    • MMh- bis auf das Westfernsehen gleicht alles dem Osten. Die Medien waren damals auch gleich geschaltet. alles andere ist 1.1 wie in der DDR. meine Hoffnung ist ja, das Bannon einen Fernsehsender aufmacht. Deutschsprachig-das könnte den Stein ins Rollen bringen

    • Stimmt, aber die AfD wird immer stärker. Wir dürfen nicht aufgeben, sondern müssen eben aus dem Untergrund kämpfen!

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