Frankreich: Die „Gegenbewegung“ – die roten Schals sind rote Socken!

Barbara Kostolnik vom WDR berichtet aus Paris. Die Protestbewegung der Gelbwesten habe in den vergangenen Monaten ganz Frankreich in Aufruhr versetzt. Jetzt aber gebe es Widerstand aus den Reihen der Bürger: die „roten Halstücher“ (Les Foulards rouges).

Ihr Bericht erweckt den Eindruck, dass da ein paar krakeelende Rüpel die Republik erschüttern, während die schweigende Mehrheit dem Treiben fassungslos, aber still zugesehen habe und nun – endlich! – komme das wahre Volk mit geballter Macht auf die Straße, um diese Randalierer zur Räson zu bringen. Die Demokratie dürfe nicht infrage gestellt werden, nun gehe die schweigende Mehrheit auf die Straße, man wolle die Republik bewahren. Die Gelbwesten werden mit Begriffen belegt wie Gewalt, Plünderung, Blockaden an den Kreisverkehren, Freiheit beschneiden.

Doch die riesigen Massen der schweigenden Mehrheit sind eher ein kleines Häuflein. Das erwähnt Frau Kostolnik irgendwie nicht so gern. Die Organisatoren der roten Halstücher hatten mit 20.000 Menschen gerechnet, gekommen waren etwa 1.000. Trotzdem überschlagen sich die Systemmedien in Frankreich und Deutschland mit Vorschusslorbeeren und zeigen große Sympathie mit den „roten Halstüchern“. Was man in den französischen Medien lesen konnte, ließ Hunderttausende erwarten. Was aber schon von vorneherein nicht sein konnte, denn Umfrage über Umfrage brachte neue Rekorde an Zustimmung für die Gelbwesten, die „gilets jaunes“, bis zu 87%. Von einer schweigenden Mehrheit für Präsident Macron konnte also keine Rede sein. Daher titelte die taz zu Recht: „Peinliche rote Schals“.

Viele Franzosen sehen den Auftritt als inszenierte und bestellte Pro-Macron Aufführung für die Presse und das Ausland. Und tatsächlich wird offensichtlich an den 30. Mai 1968 angeknüpft, als Hunderttausende Pariser Bürger dem Chaos der Studentenrevolte und der gefährlichen, innenpolitischen Krise durch eine spontane Massendemonstration klar machten, dass das Volk diesen Umsturz nicht will. Charles de Gaulle hatte damals die Franzosen hinter sich. Die Studentenrebellen waren damals wirklich eine radikale, linke Minderheit. Nachdem de Gaulle eine Radioansprache hielt und sagte, „diese Macht, die sich den Sieg zunutze machen wird, ist die des totalitären Kommunismus“ sowie Neuwahlen ankündigte, wirkten selbst die mächtigen Gewerkschaften auf die aufgestachelten Arbeiter ein. Sogar der KPF-Parteisekretär Rochet sagte: „All unsere Aktivitäten haben im Dienst des Volkes gestanden. Ich bekräftige, dass es vor allem die ruhige und entschlossene Haltung der Kommunistischen Partei war, die ein blutiges Abenteuer in unserem Land verhinderte.“ Aus den folgenden Neuwahlen gingen die Gaullisten mit 487 Stimmen statt vorher 358 hervor.

Eine Neuwahl würde heute nicht zugunsten Präsident Macrons ausgehen. Undenkbar. Die heutige Situation ist grundverschieden von damals und die gewollte Anspielung auf 1968 zieht nicht. Auch die angeblichen Ziele, die von damals wiederverwendet werden, „Ruhe und Ordnung“ und man sei eigentlich apolitisch, wirken wenig glaubwürdig. Heute steht ein Präsident Emmanuel Macron wegen seines politischen Führungsstils und wegen der prekären Lage der meisten Franzosen ganz persönlich im Kreuzfeuer von Bürgern aller politischen Couleur, die sich ausgeplündert, übergangen und verachtet fühlen. Diesmal sind es keine linken Studenten, Söhne und Töchter wohlhabender Familien, die ihre linksradikalen Utopien durchdrücken wollen. Hier ist es wirklich das Volk, was die Faxen dicke hat.

Sogar die linke taz schreibt: Im gegenwärtigen, weiterhin sehr gespannten Klima fällt es allerdings schwer zu glauben, dass diese Initiative nicht zum Ziel hat, die Staatsmacht und mit ihr den Staatspräsidenten Emmanuel Macron zu konsolidieren. Um „Missverständnisse“ zu vermeiden, riet die Regierungspartei „La République en marche“ ihren Parlamentariern, nur im persönlichen Namen und ohne Trikolore-Band an diese Demonstration zu gehen. Zur Teilnahme rief sie offiziell nicht auf.“

Wunderbar und so demaskierend: Die Systempolitiker machen eine eigene Gegendemo gegen die, die ihre Fehlpolitik anprangern!

Da überrascht es auch nicht, dass der Initiator der „Rote Schals“-Bewegung, Laurent Soulié, ein Anhänger der Macron-Partei „La République en Marche“ und ein sozialistischer Gewerkschafter sein soll. Viele Franzosen vermuten dahinter eine von oben gesteuerte Schein-Opposition. Man setzt bei den Roten Schals auf die Verurteilung der Gewalt, die seit Wochen auf den Straßen herrscht – und die wirklich die Franzosen sehr verunsichert – und schiebt die Schuld den Gelbwesten zu.

Tatsächlich gibt es ja auch, wie immer, ein paar Grüppchen, die den Protest für Ausschreitung und Sachbeschädigungen, leider auch für Gewalt gegen Polizisten nutzen. 1.000 Ordnungskräfte sollen mittlerweile verletzt worden sein. Im Großen und Ganzen geht die Gewalt aber eindeutig eher von den Sicherheitskräften aus. Auf Seiten der Gelbwesten wurden rund 2.000 Menschen verletzt, zu einem erschreckend hohen Anteil sogar schwer. Viele haben ein Auge verloren durch Gummigeschosse aus kürzester Entfernung.

Auf einen der Anführer der Gelbwesten, Jérome Rodriguez, wurde ein Mordanschlag verübt. Auf dem Weg zu einer angemeldeten und genehmigten Feier der Gelbwesten auf dem Platz der Republik, wo Zelte aufgestellt waren und Essen ausgegeben wurde, schoss jemand (anscheinend aus den Reihen der heranstürmenden Polizei) Herrn Rodriguez aus fünf Meter Entfernung mit voller Absicht mit einem Gummigeschoss ins Auge. Sanitäter konnten den Mann stabilisieren. Trotz allem hatte er Glück, das hätte auch tödlich enden können, und allem Anschein nach war das auch der Plan gewesen. Während alle schockiert um den Verletzten herumstanden, wurden auf dem Platz die Zelte abgerissen und die Stände und die Soundanlage gestohlen.

 

 

Jedes Wochenende gibt es neue Verletzte, Tote hat es auf Seiten der Gelbwesten auch schon gegeben. Die sogenannten „nicht tödlichen“ Waffen haben schon vielen das Augenlicht zerstört, einer liegt dadurch im Koma. Schwerste Verletzungen werden von Seiten des Staates offenbar bewusst in Kauf genommen. Doch wir hören keinen Aufschrei von Politik und Medien. Und jetzt stellen wir uns einmal vor, so etwas würde in Russland oder Ungarn geschehen! Was können wir anderes daraus entnehmen, als dass die Medien im Dienste des Systems stehen?

Das Video hier unten wurde von Jérome Rodriguez gefilmt. Bei Minute 09:20 wird er getroffen:

 

Wie die Sicherheitskräfte aufgerüstet sind, kann man hier sehen. Interessanterweise gibt es „Kämpfer“ auf der Seite der Polizei, die zwar nicht als Polizisten zu erkennen sind, dafür aber mit „Waffen“ ausgestattet, wie z.B. Zimmermannshämmern. Wer mit einem solchen Hammer mit den Spitzen auf den Kopf geschlagen bekommt, der kann daran ohne weiteres sterben. Wer sind diese potentiellen, nicht regulären Mörder? So ein Hammer ist auch in diesem Video zu sehen und oben im Beitragsbild:

 

 

 

 

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