NATO & Bundesmarine: Keine Seefahrt ist auch nicht lustig

Max Erdinger

Was die Seestreitkräfte früher hatten, bezeichnete man als Fregatten - Foto: Von BNK Maritime Photographer/Shutterstock

Die NATO verliert das Vertrauen in die Bündnisfähigkeit der Bundesmarine. Vier neue Fregatten wollte die Bundeswehr anschaffen. Beschlossen wurde das vor zwölf Jahren. Bis heute hat sie nicht eine davon. Lediglich das Bundesverteidigungsministerium hat am 17.12.2013 eine bekommen. Und das ist keineswegs das einzige Problem. Die Nato-Verbündeten verzweifeln allmählich, wie die FAZ in einer Analyse nahelegt. 

Zwei parallel laufende Einsätze reichen derzeit aus, damit die Marine ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Das ist allerweil in der Ägäis und vor Libyen der Fall. Deswegen kann Deutschland keine Fregatten in die vier Ständigen Einsatzverbände der NATO entsenden. Das führt innerhalb der Allianz wegen Deutschlands fehlender Bündnisfähigkeit zur Verzweiflung. In der NATO werde auf die Verläßlichkeit der deutschen Seestreitkräfte nicht mehr viel gegeben, wie ein ranghoher Marine-Offizier ausplauderte. Die finanzielle Knappheit sei auch ein Grund dafür, daß bald keine Bundeswehrschiffe mehr an der „Sophia“-Mission vor der libyschen Küste teilnehmen werden.

Wie konnte es dazu kommen?

Es hilft ein Blick zurück. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor nunmehr bald dreißig Jahren verringerte die Marine die Zahl ihrer Schiffe und Boote um ein Drittel. Von damals 15 Fregatten und Zerstörern sind noch neun in Betrieb, wovon wiederum ein Schiff in diesem Jahr stillgelegt werden soll. Die Fregatten jedoch gelten als das „Rückgrat der Seestreitkräfte“. Sie sind vielseitig verwendbar und eignen sich zur Bekämpfung von U-Booten, Überwasserschiffen und Bedrohungen aus der Luft gleichermaßen. Allerdings sind die meisten der Fregatten schon über 20 Jahre alt und es stehen dringende Reparaturen an.  Doch auch neuere Schiffe sorgen für Kopfzerbrechen. Auf der 15 Jahre alten „Sachsen“ kam es vergangenes Jahr zu einem folgenschweren Unfall, als ein Flugkörper zwar zündete, aber nicht startete und an Bord ausbrannte. Drei Fregatten des Typs F-124, eine davon die „Sachsen“, sind seither nur eingeschränkt einsatzbereit.

Die Marine-Schiffe wurden in den vergangenen Jahrzehnten bei Einsätzen verschlissen, für die sie nicht konzipiert sind. Einsätze gegen Piraten am Horn von Afrika, sowie der Unifil-Einsatz vor der Küste des Libanons und die seit 2015 laufenden Missionen in der Ägäis und vor der Küste Libyens infolge der Flüchtlingskrise sorgten wegen der hohen Belastung für erhöhten Reparaturbedarf. Die Fregatten mussten häufiger zurück in die Werft, als die Bundesverteidigungsministerin zum Friseur.

Als besonders erschwerend erweist sich zudem die jahrzehntelange Umsetzung einer Marinephilosophie. Derzufolge hat jedes Schiff seine eigene Besatzung zu haben. Allerdings verlangen die Europäische Arbeitszeitverordnung und die von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) geforderte Familientauglichkeit des Dienstes seit einigen Jahren eine strikte Begrenzung der Zeit auf See für die Marine-Soldaten. Kein Soldat soll Familie und Heim für länger als sechs Monate missen. Da aber ein Einsatz wie die Mission „Sophia“ einen gut zweiwöchigen Transfer vom Heimathafen Wilhelmshaven ins Mittelmeer erfordert, ergibt sich, daß aufs Jahr hochgerechnet drei Schiffe samt Besatzung zur Verfügung stehen müssen.

Dadurch binden allein die beiden Missionen in der Ägäis und vor der Küste Libyens bereits sechs Schiffe der Bundeswehr. Deswegen kann die Marine auch seit längerer Zeit kein Schiff mehr für die Anti-Piraterie-Mission vor Somalia bereithalten. An die Abstellung von Fregatten in die maritimen Verbände der Nato ist überhaupt nicht mehr zu denken, obwohl die NATO nach der russischen Intervention in der Ukraine im Frühjahr 2014 ihre Präsenz auch auf See wieder erhöht hat.

Nach jahrzehntelangen Stabilisierungseinsätzen, denen allenfalls einmal ein Piratenboot am Horn von Afrika zum Opfer fiel, wird aber von der Marine derzeit wieder das Gefecht über und unter dem Wasser gefordert. Das braucht genügend Schiffe und einsatzfähige Besatzungen. Es wird wohl beides so bald nicht verfügbar sein. Schuld ist nicht zuletzt die Marine selbst, heißt es in der FAZ.

Schuld der Marine

Vor bereits zwölf Jahren beschloß der Bundestag die Beschaffung von vier Fregatten des Typs F-125. Das Konzept dieses Typs ist ausgerichtet auf Stabilisierungsoperationen wie die am Horn von Afrika. Deshalb fehlen dem Schiff die Ausstattungen zur U-Boot-Jagd und für eine weitreichende Flugkörperabwehr. Allerdings kann es zwei Jahre lang in einem Einsatzgebiet operieren. Die anderen Fregatten der Bundeswehr müssen wesentlich früher zurück in die heimatliche Werft.

Mit dem neuen Schiffskonzept kommt auch ein neues Besatzungskonzept. Die bisherige Philosophie vom Schiff mit seiner eigenen Crew wird fallengelassen. Künftig gibt es acht Besatzungen für die vier Fregatten, und jede wird auf jedem Schiff eingesetzt werden können. Erreicht werden soll, daß ständig zwei Fregatten gleichzeitig für Einsätze zur Verfügung stehen und daß alle vier Monate die Crew gewechselt werden kann. Unterdessen soll das dritte Schiff in der Werft auf Vordermann gebracht – und das vierte als Ausbildungskutter genutzt werden.

Das ist alles nur graue Theorie. Die „Baden-Württemberg“, das erste Schiff der Klasse F-125, hätte der ursprünglichen Planung nach bereits vor viereinhalb Jahren in Dienst gestellt werden sollen. Bis heute hat aber keine einzige der neuen Fregatten ihren Marinedienst aufgenommen, weil sich bei der Erprobung eine bunte Vielfalt technischer Mängel offenbart hatte. Seit Jahren versucht das Herstellerkonsortium ThyssenKrupp Marine Systems und Lürssen, jener bunten Vielfalt Herr zu werden, bisher erfolglos.

Allerdings gilt das nicht als einziger Grund dafür, daß die Marine ihr neues Schiff noch nicht mit militärischen Ehren zu Wasser lassen kann. Sie trägt selbst erhebliche Schuld an diesem mißlichen Umstand. Die Ursachen dafür, daß sie auf lange Sicht nicht genügend moderne Kriegsschiffe verfügbar hat, beschrieb der Bundesrechnungshof erst kürzlich in einem internen Prüfbericht.

Demnach habe es die Marine verbummelt, vor der Beschaffung der Fregatten termingerecht ein detailliertes Ausbildungskonzept vorzulegen – mit schwerwiegenden Folgen. Laut Bundesrechnungshof ist bis etwa 2030 nur eine eingeschränkte Ausbildung der Besatzungen möglich. Das wiederum bedeutet, daß entgegen aller Planung nicht zwei Schiffe auf Dauer gleichzeitig eingesetzt werden können, sondern höchstens eines. Und das auch nur, wenn es nicht kaputt geht.

Marine-Kreise bestätigen diesen Befund. Schweren Herzens müsse man wohl davon ausgehen, daß die neuen Fregatten der Fregatte im Bundesverteidigungsministerium  in den nächsten zehn Jahren nicht so zielgerichtet genutzt werden können, wie ursprünglich geplant, so die resignative Expertise eines ranghohen Marine-Offiziers. Damit ergibt sich ein neues Problem für die Damen und Herren bei den Seestreitkräften. Sollten Ende 2020 alle vier Fregatten des Typs F-125 von der Werft zu Wasser gelassen worden sein, hätte die Marine zwar ausreichend Schiffe, dafür aber zu wenig einsatzfähige Besatzungen, was einer Umkehrung des bisherigen Malheurs gleichkäme.

Die Baubehörden der Länder

Das alles liegt aber nicht allein an der Bundeswehr. Zuständig für Infrastrukturmaßnahmen auf Militärstützpunkten sind die Kompetenzler in den Baubehörden der Länder. Doch dort, so heißt es bei der Marine, fehle das Personal. Ob es an den fehlenden Ausbildungsanlagen für angehende Beamte der Baubehörden liegt, weiß angeblich kein Mensch. Mit der kompletten Fertigstellung der „Fregatte F-125 Ausbildungsanlage“ sei jedenfalls nicht vor 2028 zu rechnen. Bis dahin muß die Ausbildung der Marine-Besatzungen direkt auf den Schiffen stattfinden, die dann allerdings wieder nicht für Einsätze zur Verfügung stehen.

Politfregatten an der Macht, schon bin ich um den Schlaf gebracht.“ (frei nach Heinrich Heine)

 

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