Süddeutsche Zeitung: Kommunistische Radfahrer

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In der Süddeutschen Zeitung gibt es einen sehr aufschlußreichen Artikel über Kopenhagen. Die Stadt wurde zur Radfahrer-Hauptstadt der Welt gekürt. Der Autor, Kai Strittmatter, ist begeistert.

Es geht hier weniger um die Tatsache, daß in Kopenhagen prozentual mehr Bürger als in Amsterdam oder in Berlin das Fahrrad jedem anderen Verkehrsmittel vorziehen. Kopenhagen ist flach, es ist nicht allzu groß, und allein deswegen bietet es sich für die Einwohner schon an, das Fahrrad zu benutzen. Hier geht es hauptsächlich um einen einzigen verräterischen Satz des Autors. Er illustriert sehr gut eine freiheitsfeindliche (Un)geisteshaltung, die auch in Deutschland – besonders unter Grünen und der Regierung („Nudging„) – weit verbreitet ist, und die der Hauptgrund für die künstlich inszenierte Feinstaubhysterie beispielsweise in Stuttgart sein dürfte.

Kai Strittmatter: „Breite Wege, Garagen, grüne Welle: Die Dänen erziehen die Bürger ihrer Hauptstadt mit Privilegien zu Radlern – und haben Erfolg damit.“

Strittmatter ist eine dieser deutschen Figuren, die sich für eine Überwachung durch den Verfassungsschutz qualifiziert hätten. Der oben zitierte Satz eignet sich hervorragend für die dazu nötige Begründung.

  1. Der Autor der Süddeutschen behauptet einen Unterschied zwischen den Dänen und den Bürgern der dänischen Hauptstadt.
  2. Aus irgendwelchen nicht näher genannten Gründen sind diese ominösen „Dänen“ die Erziehungsberechtigten der „Bürger ihrer Hauptstadt“.
  3. Strittmatter lügt: Die äußerst fragwürdige Erziehung der einen durch die anderen erfolgt nicht durch die Schaffung von Privilegien für die Radfahrer, sondern durch die Schaffung von Erschwernissen für die Autofahrer. Die behaupteten Privilegien sind keine. Ohne Gängelung der anderen wären sie nicht zustande gekommen.

In der Mitte des Artikels dann verräterisch und groß: „Unterwegs in die Zukunft – Leben ohne eigenes Auto.“ – Darum dürfte es im Grunde gehen. Noch ist das nicht mehr als eine Unterstellung. Eine naive Unterlassung wäre es aber, zukünftig nicht jede Äußerung aus den einschlägigen Kreisen zum Automobil als erstes daraufhin zu untersuchen, inwiefern sie ein Baustein auf dem Weg zur komplett autolosen Gesellschaft sein könnte. Es ginge hier um nichts weniger, als um die Streichung der Freiheit, im eigenen Auto zu jeder Tages- und Nachtzeit überall hinfahren zu können, egal, wie nah oder wie weit das Ziel der Reise entfernt liegt.

Als nächstes macht Strittmatter weiter im Relotius-Style: „Es gibt auch andere Tage, jetzt im Winter sowieso. Tage, wo einem der Regen von vorn ins Gesicht peitscht. Und der Wind, Himmel, der Wind. Mitschreiben geht erst einmal viele Minuten lang nicht, als man klamm vom Fahrrad steigt und dann ins Büro von Morten Kabell stakst, die Finger starr vor Kälte. Erste Frage also: Wie um alles in der Welt schaffen Sie das, die Kopenhagener aufs Fahrrad zu setzen?

Na, per Privileg, Strittmatter, alter Dummkopf. Es ist ein Privileg, sich auf dem Fahrrad den Arsch und die Finger abzufrieren. Es ist auch ein Privileg, bei 30 Grad im Sommer tropfnass vor Schweiß durch Kopenhagen zu strampeln. Die „ihre Bürger der Hauptstadt“ sind total scharf darauf, sich von „den Dänen“ privilegieren zu lassen. Was soll also die Frage, wie Morten Kabell es schafft, die Kopenhagener aufs Fahrrad zu setzen? Mit Privilegien schafft er das!

Wir dürfen annehmen, daß Strittmatter selbst bei Sauwetter in Kopenhagen im Winter unterwegs gewesen ist, um den „Umweltbürgermeister“ aufzusuchen. Kopenhagen ist schließlich nicht Fergus Falls. Was soll das eigentlich sein, so ein „Umweltbürgermeister“? Ist die Umwelt jetzt auch schon ein Bürger? Ist Kabell nicht eigentlich ein „Umweltmeister“?

Kabell war bis vor Kurzem als Umweltbürgermeister zuständig für die Fahrradpolitik, jetzt leitet er „Copenhagenize“. Und auch er sagt nun den Satz, den ich zuletzt als kleines Kind so oft zu hören bekam wie die letzten Wochen in Kopenhagen: „Es gibt kein schlechtes Wetter. Es gibt nur schlechte Kleidung!“ Nein, fügt er dann hinzu, die Kopenhagener radelten nicht aus Überzeugung und nicht wegen eines schlechten Umweltgewissens. „Sie radeln ganz einfach deshalb, weil es heute die schnellste und bequemste Möglichkeit ist, hier vorwärts zu kommen.

Aha, Gewissen, Abt. Umweltgewissen. Und mit dem Wetter ist es so: Es gibt kein schlechtes. Warum gibt es dann bspw. Schlechtwettergeld für Bauarbeiter? Können die sich nicht einfach gut kleiden, um weiterzuarbeiten, weil das die schnellste und bequemste Möglichkeit wäre, mit der Baustelle voran zu kommen? Sensationell: Kabell und Strittmatter haben das schlechte Wetter besiegt! Kabell hätte aber gar nicht erst zu betonen brauchen, daß die Kopenhagener radeln, weil das die schnellste und bequemste Möglichkeit ist, vorwärts zu kommen. Schließlich hat er mit der Einschränkung der Autofahrer dafür gesorgt, daß das so geworden ist.

Die gute Nachricht sei, sagt Morten Kabell, dass das Rad nicht nur die effizienteste, sondern für die Stadt auch die billigste Investition sei. „Kopenhagen hat in all den Jahren 280 Millionen Euro in die Fahrrad-Infrastruktur investiert“, sagt er. „Das ist zufällig genau die Summe, die uns eine drei Kilometer lange Autoumgehung im Norden Kopenhagens gekostet hat.“ Wann immer ihn ein Bürgermeister irgendwo auf der Welt frage, wie Kopenhagen sich all die Investitionen ins Fahrrad leisten konnte, sei seine Antwort stets dieselbe: „Wie kannst du dir es leisten, das nicht zu tun?

Das ist eine knifflige Frage: Wie kann es sich ein Bürgermeister leisten, nicht weniger vom Geld der Bürger auszugeben? Schließlich müsste er das nicht ausgegebene Geld der Bürger dann an diese Bürger zurückzahlen, nehme ich an. Wahrscheinlich bekommt jeder radelnde Kopenhagener am Ende des Jahres seinen Anteil an dem Geld zurück, das die Stadt eingespart hat dadurch, daß sie die Verkehrsinfrastruktur für die Radfahrer verbessert hat, statt die weit teuerere Variante der Autoverkehrs-Infrastruktur zu wählen. Wenn der Kopenhagener radelt, spart der Bürgermeister Geld. Was macht er denn mit der ganzen gesparten Kohle? Er wird sie wohl nicht ernsthaft zurückerstatten. Klar: Er macht etwas anderes damit. Das wäre ein interessanter Aspekt gewesen. Leider spart der Strittmatter den völlig aus. Mich hätte interessiert, wofür in Kopenhagen das eingesparte Geld ausgegeben wird.

Man kann nichts dagegen haben, wenn Leute mit dem Rad fahren, wenn sie das wollen. Wogegen man absolut etwas haben muß, das ist, daß sie wollen müssen. Und genau das ist in Kopenhagen der Fall. Etwas wollen zu müssen, so haben wir gerade gelernt, ist ein Privileg. Der Strittmatter hat es uns aufgeschrieben. In der Süddeutschen Zeitung. Ich habe schon lange keine Fragen mehr zur (Un)geisteshaltung, die dort gepflegt wird.

 

 

 

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