Pro & Contra Kulturmarxismus: Nur noch eine Gewaltfrage?

Max Erdinger

Rudi Dutschke (1940 - 1979) - Foto: Imago

Der Begriff „Kulturmarxismus“ ist unter Linken und den sog. Gutmenschen verpönt. Sie bezeichnen ihn als „Schlagwort der Neuen Rechten“, wobei die Evaluierung des Begriffs natürlich nicht anhand seiner Bezeichnung als Schlagwort erfolgt, sondern anhand der Feststellung, wer ihn verwendet. Die Phrase „Schlagwort der Neuen Rechten“ ist in sich eine kulturmarxistische Perfidie. Er ist höchstens ein Schlagwort, sonst nichts. Nötig ist der Begriff allemal geworden, um die verschiedenen Phänomene, aus denen sich der Kulturmarxismus zusammensetzt, unter einem Oberbegriff zusammenzufassen. „Kulturmarxismus“ ist eine geniale Wortschöpfung, da sie kurz und präzise beschreibt, worum es geht: Um Marxismus minus kommunistische Planwirtschaft und staatliche Repression. Letzterer Punkt scheint zur Disposition zu stehen.

Am 3.12.1967 strahlte das ZDF die erste von drei Folgen eines Interviews aus, das Günter Gaus, später Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR, mit Rudi Dutschke führte. Wer sich die Zustände in der heutigen Bundesrepublik erklären will, kommt nicht darum herum, sich alle drei Folgen in voller Länge anzusehen. Rudi Dutschke war marxistischer Soziologe und politischer Aktivist. Er fungierte als Wortführer der Studentenbewegung in den 60er Jahren in West-Berlin und in Westdeutschland. Wenige Monate nach Ausstrahlung des Interviews gab es 1968 ein Attentat auf ihn, bei dem er schwere Hirnverletzungen erlitt. An den Spätfolgen dieser Verletzungen starb Dutschke 39-jährig im Jahr 1979 .

Im Gespräch mit Gaus äußerte Dutschke sich 1967 über das, was später als die ´68er Kulturrevolution bezeichnet werden sollte, sinngemäß folgendermaßen: Es gehe um eine friedliche Revolution mit einer angesetzten Dauer von etwa 30 Jahren. Daß „sein Ding“ ein Selbstläufer werden würde („The Revolution never stops“), mit dem nach 30 Jahren noch lange nicht das Ziel erreicht sein würde, konnte Dutschke damals nicht wissen. Rudi Dutschke war Deutscher durch und durch, er war Sportler und intelligent – und man darf getrost unterstellen, daß er heutigen Multikulturalisten und Gender-Ideologen den Vogel gezeigt hätte, wenn es solche verblasenen Trottel in seiner Gefolgschaft  damals schon gegeben hätte. Dutschke war in der DDR aufgewachsen, wo er in der evangelischen Kirche Luckenwalde mit dem „religiösen Sozialismus“ in Berührung gekommen ist, einer protestantischen Glaubensausrichtung, in der auch Angela Merkel sozialisiert wurde.  Wie Merkel später, war auch Dutschke Mitglied der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ). Vor dem Mauerbau 1961 ging er in den Westen, um gegen die „NS-Strukturen“ samt ihrer dazugehörigen Mentalität anzukämpfen. Diese Strukturen sah er sowohl in der DDR, als auch in der BRD noch als quicklebendig an.

Gewaltlosigkeit

Dutschkes Revolution befindet sich nun schon jenseits ihres fünfzigsten Geburtstages, wenn man so will. Im Grunde genommen wäre alles, was 1967 gefordert worden ist, 1997 bereits erreicht gewesen. Aber Dutschkes Ding ging weiter. Inzwischen ist das Ding ein bösartiges Geschwür. Und es befindet sich an einem Punkt, an dem die heute maßgeblich Handelnden, – fast allesamt viel zu jung, um selbst noch miterlebt zu haben, wogegen die ´68er sich gewandt hatten -, keinen persönlichen Bezug mehr haben zu den „vorrevolutionären“ Zeiten. Sie sind sozusagen in der laufenden Kulturrevolution aufgewachsen. Und damit verblasst auch die revolutionäre Prämisse der Gewaltlosigkeit. Viele der heutigen Genderisten, Ökologisten, Feministen und Multikulturalisten wissen gar nicht mehr, wogegen es anfangs ging – nämlich gegen tatsächlich vorhandene NS-Strukturen. „Nazi“ ist ihnen zu einem Begriff geronnen, der praktisch alles umfaßt, was ihnen mit Widerspruch begegnet. Alles, was heutige, junge „Antifaschisten“ oft wissen, ist, daß „Nazi“ ein Synonym für „böse “ ist. Der Gedanke, daß die Entstehung des Nationalsozialismus nur zu verstehen ist, wenn man den zeitgeschichtlichen Kontext kennt, in dem er entstand, ist ihnen fremd. Das ist das Verhängnisvolle an sozialdemokratischen „Bildungsreformen“: Daß sie das geschichtliche Wissen im wesentlichen auf die Zeit des Dritten Reichs selbst beschränkt haben, ohne dafür zu sorgen, daß die Zeit zwischen dem Westfälischen Frieden über die Reichsgründung 1871, den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik bis hin zu den Reichstagswahlen 1932 ebenso gründlich behandelt wird. Es ging in der Bildungspolitik der letzten Jahrzehnte nie darum, ein Verständnis dafür zu schaffen, warum es den Nationalsozialismus gegeben hat, sondern einzig und allein darum, daß es ihnen gegeben – und was er angerichtet hat.

Den heutigen Gutmenschen gilt fast alle Vergangenheit als „nazi“. Sie können „Nazi“ nicht mehr einordnen. Er dient ihnen tatsächlich nur noch als ihr persönliches Feindbild in der Gegenwart. Sie selbst begreifen sich als „Nichtnazi“, weswegen jeder, der sie kritisiert, automatisch „nazi“ ist. Fatal ist zudem, daß sich die Gewißheit etabliert hat, „Meinung“ hänge an keiner anderer Vorbedingung als dem persönlichen Willen, Wissen erläßlich. Diese Leute fühlen sich ganz persönlich bedroht durch Kritik. Wer sich bedroht fühlt, denkt allerdings nicht gern an jene Gewaltlosigkeit, die einstmals Prämisse der Revolution gewesen ist. Das erklärt die Haßtiraden und die Gewaltaufrufe gegen die AfD und alles andere, das heute als „irgendwie nazi“ gilt. Heutige Antifaschisten sind oft nichts weiter, als ungebildeter Pöbel, der es „gut meint“. „Gut gemeint“ haben es die Originalnazis subjektiv allerdings auch. Gemacht haben sie es objektiv schlecht. Und genau das droht heute den „Gutmenschen“ wieder in ihrem gnadenlosen Subjektivismus.

Zeitgeschichtliche Standortbestimmung

Womit man es vor mehr als zwanzig Jahren hätte gut sein lassen können, befindet sich aufgrund seiner weiteren „Metastasierung“ heute an einem Punkt, an dem der konservative Backlash deswegen heraufzieht, weil sich der Kreis vom Nazi weg allmählich wieder zu schließen droht, um erneut beim Nazi anzukommen, auch, wenn der „neue Nazi“ sich selbst nicht mehr als einen solchen begreift, sondern als seinen Gegner. Bekannt ist das Zitat von Ignazio Silone – sinngemäß: Wenn der Faschismus wiederkommt, wird er nicht sagen „Ich bin der Faschismus“, sondern er wird sagen „Ich bin der Antifaschismus“. Oder Friedrich Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“: Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Die revolutionären Kulturmarxisten des Jahres 2019 sind allmählich das geworden, wogegen Dutschke sich anfangs gewandt hatte. Sie ähneln in ihrem Totalitarismus immer mehr ihren eigenen Feindbildern. Und sie sehen, wie sehr ihnen die Realität auf die Pelle rückt. Die EU gespalten, in Russland Putin, in Amerika Trump, in Brasilien Bolsonaro, in Ungarn Orban usw.usf. In ihren einstmals favorisierten Ländern läuft es miserabel: Venezuela, Südafrika, Zimbabwe. Sie würden am liebsten nicht darüber reden. Es wird allmählich verdammt eng für die Kulturmarxisten. Die Feinstaublüge zerfällt, die Mär vom edlen Flüchtling kollabiert zusehends, das Volk spricht ungehalten von Verbotspolitik und Gängelung sowie von der Abschaffung der Freiheit, die AfD ist größte Oppositionspartei und die Systemmedien offenbaren sich als das, was sie die vergangenen Jahre mit Vehemenz von sich gewiesen haben – als Lügenmedien. Eine herbeiphantasierte Traumwelt zerbricht.

Noch wollen die Kulturmarxisten in Medien und Politik nicht offen gewalttätig werden, anders als die heutige SA (Antifa), die sie aber vorsorglich schon einmal an Staates Brust nähren. Der Kulturmarxist Macron in seiner Verkleidung als Liberaler zeigt seine Demokratieverachtung noch halbherzig. Hartgummigeschosse gegen diejenigen, die ihn weghaben wollen, den französischen Souverän, sind nunmal eine halbherzige Angelegenheiten. Das ist noch staatliche Gewalt zur Zurückdrängung des Volkswillens, nicht zur Vernichtung des Volks. Aber es ist schon ziemlich gewalttätig. In Deutschland versucht die kulturmarxistische Elite ebenfalls noch, sich vor physischer Gewaltanwendung zu drücken. Durch NetzDG, Verfassungsschutz, Denunziation und Diffamierung des politischen Gegners hoffen sie noch, sich vor der offensichtlichsten Repression drücken zu können, der Anwendung roher physischer Gewalt gegen ihre Kritiker. Sie sind panisch, weil sie nicht abschätzen können, wie weit zurück genau der konservative Backlash das drehen würde, was sie als „ihre Errungenschaften“ begreifen, womit sie sich persönlich identifizieren: Hirnverbrannter Ökologismus aus Prinzip, hirnverbrannter Egalitarismus in fast allen Dingen, hirnverbrannte Gender-Ideologie, hirnverbrannter Multikulturalismus, hirnverbrannter Antinationalismus, hirnverbrannter Globalismus etc.pp. Alles das schien bereits gesicherte Revolutionsernte zu sein. Die Ahnung wächst, daß alles das keinen Bestand haben könnte. Da sind Lebensentwürfe und Weltbilder bedroht, Einkünfte, Pfründe, Ansehen, gesellschaftliche Geltung und vieles mehr. Außerdem ist die Rache derjenigen zu fürchten, denen sie bisher schon maximal auf die Nüsse gegangen sind. Argumentativ können die Kulturmarxisten schon längst nichts mehr ausrichten. Keinesfalls sollte man in diesen Zeiten deshalb die alte Jägerweisheit vergessen, derzufolge die angeschossene Wildsau die gefährlichste ist.

 

 

 

 

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