Verständnisrepublik Deutschland: Warum Flüchtlinge Messer brauchen

Max Erdinger

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Nach einer Reihe ähnlicher Vorfälle kam es am Donnerstag zu einem weiteren Messerangriff in Halle a.d. Saale. Ein 17-jähriger Syrer stach mit einem Messer auf einen 14-jährigen Deutschen ein und verletzte ihn schwer. Der Junge wurde im Krankenhaus stationär aufgenommen. Die Verständnis- und Beschwichtigungsmaschinerie läuft auf Hochtouren, wie dem mz-web zu entnehmen ist. 

Uwe Bachmann ist Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Sachsen-Anhalt (GdP) und warnt vor einer Verallgemeinerung, was messernde Flüchtlinge angeht. „Nur weil in dem aktuellen Fall ein Syrer der Täter war, heißt es nicht, dass alle Syrer mit einem Messer herumlaufen ( …) Um solche Behauptungen aufstellen zu können, müsste es verlässliche Statistiken geben, die es aber nicht gebe. Das gelte auch für die Behauptung, dass immer mehr Messerdelikte vorkommen.“

Was Bachmann meinte, war offenbar, daß es keine verlässlichen Polizeistatistiken gibt, die Auskunft über die Täterherkunft und die Zunahme bei Messerattacken gibt. Andere Statistiken gäbe es allerdings schon. Man müßte lediglich die Pressearchive der vergangenen Jahre durchforsten, die Anzahl der Attacken zählen, mit früheren Jahren vergleichen, „Statistik“ oben drüber schreiben – und schon hätte man eine. Der GdP-Vorsitzende hat also nur recht, so weit es Polizeistatistiken betrifft. Außerdem ist nur logisch, daß die Zahl der Messerattacken gestiegen ist, denn mz-web schreibt: „Angriffe wie dieser sorgen aufgrund ihrer Brutalität für Aufsehen in der Saalestadt„. Das wäre anders, wenn es diese Brutalität immer schon gegeben hätte. Woran man gewöhnt ist, würde nämlich in keiner Saalestadt mehr für Aufsehen sorgen. Bachmanns Beruhigungsversuch läuft also ins Leere. Daß „nicht alle Syrer“ mit einem Messer durch die Gegend laufen, ist eine Binsenweisheit, die er gar nicht erst hätte erwähnen müssen. Das hat nämlich niemand behauptet. Interessant wäre, den Prozentsatz „aller Syrer“ zu kennen, die mit einem Messer herumlaufen, im Vergleich zum Prozentsatz „aller Deutschen“, die das tun. Absolute Zahlen interessieren in dem Zusammenhang nur sekundär. Deshalb ist die Einlassung des GdP-Vorsitzenden auch nur als „nett gemeinter Versuch“ zu verstehen.

Die subjektive Wahrnehmung ist innerhalb der Gesellschaft im Bezug zu Messerattacken sehr viel stärker geworden“, sagte Bachmann. Es sei derzeit sehr kompliziert, eine Einschätzung zu der Anzahl der Messerdelikte zu geben, weil die Polizei diese bislang eben nicht gesondert erfasst. Laut Bachmanns Einschätzung gibt es aber eine „marginale Zunahme“, die nicht „dramatisch“ sei.

Der Leser denkt hier aber mit und fragt sich sogleich, ob man nicht sogar sehr genaue polizeiliche Statistiken bräuchte, um zu der Aussage zu kommen, es gebe lediglich eine „marginale Zunahme“. Der aufmerksame Leser findet es seltsam, daß eine undramatische, „marginale Zunahme“ auch ohne Statistik festzustellen gewesen sein soll, und fragt sich, inwieweit ohne Statistik die „subjektive Wahrnehmung innerhalb der Gesellschaft“ weniger wert sein soll, als die subjektive „Einschätzung“ Bachmanns.

„Konkretere Angaben soll es bald geben: Die Innenministerkonferenz hat beschlossen, Messerangriffe bundesweit genau zu erfassen. Für Bachmann steht dabei fest, dass Jugendliche schneller zu einem Messer greifen, als es früher der Fall war. Das liege vor allem an einer Verrohung.“

Ist es die Möglichkeit? Nachdem überall bereits herausposaunt worden ist, daß es bspw. in Berlin sieben Messerattacken täglich gibt, ist die Innenministerkonferenz doch schon so weit, daß sie Messerangriffe bundesweit genau erfassen will? Man hätte glatt angenommen, daß es bei aller Überraschung angesichts der plötzlich auftretenden Fälle und der damit verbundenen Eile lediglich zu einer ungenauen Erfassung reichen könnte. Die Innenminister scheinen über sich selbst hinauszuwachsen. Das wäre direkt löblich, sapperlott.

Nun aber zur „Verrohung“ als Ursache der statistisch unbewiesenen, „marginalen Zunahme“ bei Messerattacken: Daß die „marginale Zunahme“ mit zunehmender Zivilisiertheit nichts zu tun haben kann, hat man sich ja schon beinahe gedacht. Aber wann verroht der Mensch denn ganz besonders? Im Krieg womöglich? Und wenn das so wäre: Wo hätte es denn in der jüngeren Vergangenheit einen gegeben? In Deutschland, oder doch eher in Syrien? Das sind so Fragen. Aber der GdP-Vorsitzende Bachmann wird immer differenzierter, wie folgendes Zitat zeigt:

Unter den Jugendlichen ist es cool, wenn man ein Messer in der Hosentasche hat“, erklärte er. Daher fordert GdP-Chef Bachmann, dass Kinder schon in der Schule für die Gefahren sensibilisiert werden, die von Messern ausgehen und ihnen deutlich wird, dass diese gefährliche Waffen sein können.

Fast ist man geneigt, anzunehmen, die lieben Jugendlichen aus egal welchem Land könnten keine Ahnung haben, warum sie es cool finden, ein Messer in der Hosentasche zu haben – und daß diese Ahnungslosigkeit daran liegen könnte, daß ihnen in der Schule niemand erklärt hat, was sich mit einem Messer alles anstellen läßt. Weil sie ihre Alltagserfahrungen ausschließlich in der Schule sammeln und außerhalb der Schule dumm wie Brot bleiben. Eigentlich muß es genau so sein, weil uns ein GdP-Chef wohl kaum für blöd verkaufen wollen würde, oder?

Aber ein Bachmann kommt selten allein. In einer „marginalen Zahl“ aller Fälle bringt er einen Pfeiffer mit, der Christian heißt und ein berüchtigter SPD-Kriminologe ist. Und was ein solcher erst alles weiß, übersteigt endgültig jedes normale Begriffsvermögen.

„Kriminologe Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, ist über den halleschen Fall nicht verwundert. „Solche Angriffe sind nicht überraschend – auch nicht, dass Flüchtlinge Messer bei sich führen“, so Pfeiffer. Sie hätten sich teilweise zum Schutz auf der Flucht mit Messern bewaffnet. „Dass sie diese hier nicht brauchen, müssen sie erst begreifen – die Abrüstung kann lange dauern“, so der Kriminologe. Daher fordert er, dass die Geflüchteten nicht nur Deutsch lernen, sondern auch mit den sozialen Aspekten Deutschlands vertraut werden und die Polizei für ihren Schutz sorgt.“

Ein Wahnsinn, der Typ, direkt ein Ressentimentbeladener. Der ehemalige Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens unterstellt Flüchtlingen mit Messern in der Hosentasche, daß sie zu dumm sind, um zu bemerken, wann die Flucht vorbei – und der sichere Hafen erreicht ist. Außerdem unterstellt er ihnen, daß sie zu blöde seien, zügig die „sozialen Aspekte Deutschlands“ zu begreifen, was evident nicht stimmen kann. Denn den sozialen Aspekt, daß Deutsche eher nicht mit Messern bewaffnet sind, haben sie sehr schnell begriffen. Schließlich erfolgen ihre Messerattacken nicht deswegen, weil sie sich ihrerseits gegen die Messerattacke eines Deutschen zur Wehr zu setzen hätten, sondern deswegen, weil sie wissen, daß er meistens kein Messer einstecken hat. Einen Krieg können sie hier auch nirgends entdecken. Und völlig mysteriös bleibt, wovor die Polizei solche begriffsstutzigen Messerflüchtlinge überhaupt schützen soll. Weiß der Pfeiffer, was der Kriminologe damit gemeint hat.

Es ist so: Zwar bekommt man in keiner Saalestadt körperliche Stichwunden von den Äußerungen eines GdP-Vorsitzenden oder denen eines ehemaligen Direktors des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens. Es sticht lediglich ins Auge, daß man von solchen Leuten verarscht werden soll – und das tut auch weh. Im Grunde ist es so, daß die Einlassungen der beiden Herren einen verbalen Angriff auf die Zivilbevölkerung darstellen, der dem Messerangriff auf den Einzelnen oben draufgesetzt wurde.

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