SPIEGEL-Affäre: Claas Relotius muß das Bundesverdienstkreuz bekommen

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Große Pupillen im Scheinwerferlicht: Claas Relotius bei der Verleihung des Reemtsma Liberty Awards - Foto: Screenshot Youtube

Überall, wo Märchenonkel Claas Relotius seine rührseligen Geschichten publizierte, herrscht heute das blanke Ensetzen. Alle mimen die Betrogenen. Von der Süddeutschen Zeitung über die ZEIT und eben besonders beim SPIEGEL, – niemand will sagen, was der größte Medienskandal seit den Hitler-Tagebüchern wirklich bedeutet.

Der Name Relotius ist ungewöhnlich. Rothius, Rotelius, Retolius – es hat lange gedauert, bis ich in den letzten Tagen den ungewöhnlichen Namen Relotius auf Anhieb richtig schreiben konnte. Immer wieder mußte ich nachsehen. Der Mann war mir bis vor wenigen Tagen kein Begriff. Ich hatte seine Geschichten nie gelesen, und daß er ein vielfach ausgezeichneter Reportagestar gewesen ist, war mir ebenfalls nicht geläufig. Gestern habe ich erstmals einige seiner berühmten Reportagen gelesen. Der Erkenntnisgewinn war enorm.

Um es vorweg zu nehmen: Wenn beim SPIEGEL heute im Tonfall der Erschütterung über die hausinterne Dokumentationsabteilung berichtet wird, in der 60 Mann damit beschäftigt sind, noch die unbedeutendste Angabe auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen, und daß man beim SPIEGEL vor einem Rätsel stünde, wie die vielgerühmte „Dok“ im Hause derartig versagen konnte, dann sind das nichts weiter als Krokodilstränen. Es handelt sich ganz offenkundig bei Relotius´ Vorgesetzten nicht um Betrogene. Es muß vielmehr in der SPIEGEL-„Dok“-Abteilung eine inoffizielle Anweisung  gegeben haben, Relotius´Texte von allzu genauer Überprüfung auszunehmen. Daß Relotius mit seinen Märchen alle hausinternen Sicherungssysteme beim SPIEGEL „überwinden“ konnte, ließe ansonsten nur den Schluß zu, daß die SPIEGEL-„Dok“ mit ausgesuchten Naivlingen besetzt ist – und somit generell keinen Schuß Pulver taugt. Das ist aber eher unwahrscheinlich.

Relotius´ Reportage „Königskinder“ strotzt nur so vor Ungereimtheiten. In dem Märchen geht um ein syrisches Geschwisterpaar aus Aleppo, Ahmed und Alin, zehn und elf Jahre alt, das in die Türkei flieht. Ihre Eltern sind in Aleppo umgekommen. In der Türkei werden sie voneinander getrennt und ihre Arbeitskraft wird ausgebeutet. Es liegen viele Kilometer zwischen den Beiden, und das Einzige, womit sie in Kontakt zueinander bleiben, sind zwei alte, verkratzte Mobiltelefone. Der zehnjährige Ahmed arbeitet als Schrottsammler und seine ältere Schwester als Näherin. „Manchmal, im Traum, erscheint ihnen Angela Merkel.“, schrieb Relotius. Die ganzen erbarmungswürdigen Lebensumstände, von denen er „berichtet“, hätten schon hinsichtlich der Frage Skepsis in der „Dok“ verursachen müssen, wo zwei Kinder in einer solchen Lage ihre zerkratzten Telefone eigentlich aufladen, wenn der Akku leer ist – und wer die Mobilfunkrechnung bezahlt, resp., woher sie das Geld für Prepaid-Karten hatten. Ahmed verdiente für das nächtliche Sammeln von bis zu 300 Kilogramm Schrott umgerechnet 4 Euro 50, wie Relotius schrieb. Unzweifelhaft mussten sich Ahmed und Alin von solchen Summen auch noch ernähren.

Am Ende des Artikels dann der Hinweis, Relotius stünde mit den beiden Kindern in telefonischem Kontakt, seit er sie in der Türkei besucht hatte. Das ist einerseits lächerlich, andererseits aber auch erschreckend. So, wie das Schicksal dieser beiden erfundenen Protagonisten beschrieben worden war, hätte es für Relotius die Option gar nicht gegeben, zurück nach Hamburg in sein SPIEGEL-Büro zu reisen und die Reportage zu veröffentlichen. Das Märchen ist derartig traurig, daß es jedem fühlenden Menschen das Herz zerreißt. So viel steht fest: Ein fühlender Mensch mit einer „relotius-riesigen Empathie“ hätte diese beiden Kinder, so sie denn tatsächlich existiert hätten, nie wieder verlassen, sondern alles was er hat und kann darangesetzt, sie aus dieser Hölle zu befreien und mit nach Deutschland zu nehmen, anstatt „telefonisch mit ihnen in Kontakt zu bleiben.“

Daß die Behauptung, Relotius stünde mit ihnen in telefonischem Kontakt, unter dem Artikel noch abgedruckt wurde, als ob sie geeignet sei, die besonders hohe Ethik des SPIEGEL-Märchenonkels zu beweisen, ist im Grunde alarmierend. Tatsächlich bedeutete sie nämlich, daß Relotius zwei Kinder, die er sehr gut kennengelernt hatte und deren Vertrauen er besaß,  in ihrer Not einfach zurückgelassen hat, anstatt sich ihrer anzunehmen. Die Mittel dazu hätte er gehabt. Spätestens hier hätten in der „Dok“ alle Alarmglocken schrillen müssen. Das ist offensichtlich nicht geschehen.

Daß es nicht geschehen ist, wirft wiederum ein grelles Schlaglicht auf die Befindlichkeiten des pestilenzartigen, deutschen Gutmenschentums, welches voller Tränen der Rührung die herzzerreißende Geschichte verschlungen hat, und im Gegenzug Claas Relotius mit Bewunderungsschreiben eindeckte. Es geht nicht um die Übel dieser Welt, sondern darum, sich selbst als besonders „menschlich“ zu erleben. Alles, was diesem Ziel dient, wird nicht mehr auf Plausibilität hin überprüft. Nicht in der SPIEGEL- „Dok“ und, – fast alarmierender noch -, auch in der Leserschaft nicht. Ganz offensichtlich fehlte es auch bei den Lesern durch die Bank an der Bereitschaft zur Skepsis. Daß Relotius mit solchen Phantastereien durchgekommen ist, beweist besser als alles andere, womit Deutschland geschlagen ist: Mit der gnadenlosen Egozentrik derjenigen, die geradezu süchtig danach sind, sich täglich für lau als Angehörige einer moralischen Elite begreifen zu dürfen. Das sind Infantile, denen im Grunde stante pede das Wahlrecht entzogen gehört. Jede Grüne vom Schlage einer Roth oder einer Göring-Eckardt, die bei der Lektüre der „Königskinder“ das Wasser in den Augen stehen hatte, müsste sofort aus dem Bundestag entfernt- und mit einem politischen Wiederbetätigungsverbot belegt werden.

„Löwenkinder“ handelte ebenfalls von einem Geschwisterpaar. Zwei Jungen, 12 und 13 Jahre alt, werden vom IS als Selbstmordattentäter mißbraucht. Relotius kennt ihre Namen. Das liest sich dann so: „Vier Minuten bevor Nadim, Kind mit geröteten Augen, den Auslöser an seiner Weste ergriff, um sich mit neuneinhalb Kilo Sprengstoff in den Tod zu reißen, riefen die Muezzine von Kirkuk über Lautsprecher in alle Viertel der Millionenstadt zum Abendgebet. Es war ein Sonntagabend im August, noch immer laut und heiß, genau sieben Uhr. Die Sonne über dem Nordirak war gerade untergegangen, Hunderte Gläubige strömten zur blauen Moschee neben dem Marktplatz, da näherte sich, unbemerkt, aus einer der engen Backsteingassen, ein dünner Junge mit schwarzem Haar und schmalen Schultern.“ – Vier Minuten? Warum nicht viereinhalb? Hat Relotius die geröteten Augen des Jungen gesehen? Wie kann das in der SPIEGEL-„Dok“ als Reportage durchgehen?

Es ist ein immer wiederkehrendes Muster in Relotius´Texten: Seine Szenen sind atmosphärisch viel zu dicht, als daß er sie selbst so miterlebt haben könnte. Und über all die Jahre, in denen Relotius seine preisgekrönten Märchen verbreitete, regte sich nirgends ein Verdacht? Das kann nicht sein. Es muß sich Verdacht geregt haben. Aber wie muß mit ihm umgegangen worden sein?  Ganz offensichtlich handelte es sich um einen unerwünschten, unangenehmen Verdacht, der das Gefühl vom eigenen Gutsein störte. Also mußte er als lästig zur Seite geschoben werden. Patricia Riekel (69) , Ex-Chefin der BUNTEN räumt das in einem Schreiben an Claas Relotius unfreiwillig ein, ohne es freilich geschrieben zu haben. Aber ihre Worte sind verräterisch. Schon wieder so eine traurige Flüchtlingsgeschichte, habe sie gedacht, als sie – mit geröteten Augen? – ihren Brief verfasst, aber sie habe nicht aufhören können zu lesen. Selbsttäuschung im Quadrat. Sie konnte deswegen nicht aufhören zu lesen, weil Relotius´ Text ihre Eigenwahrnehmung widerspiegelte, nicht, weil Relotius eine interessante Reportage geschrieben hatte.

Und so distanzieren sie sich nun alle vom gefallenen Reportagestar des SPIEGEL, mimen die Hintergangenen, die Enttäuschten – und das alles erneut nur, um ihre Eigenwahrnehmung nicht infrage stellen zu müssen und so weitermachen zu können wie bisher. Relotius hat 2017 den Katholischen Medienpreis bekommen, aber auch im Dunstkreis des Oberprotestanten Bedford-Strohm dürfte es nicht Wenige gegeben haben, die Relotius als den journalistischen Heiland begriffen. Ein weitres Indiz dafür, daß der Gottglauben sich in einen GLauben an den göttlichen Menschen verwandelt hat.  Alle tun sie heute so, als seien sie bitter enttäuscht von Relotius. Die Wahrheit sieht anders aus. Der Märchenonkel vom SPIEGEL ist aufgeflogen, der Skandal ist riesig, und er ist mitnichten nur ein Medienskandal auf der Publikationsseite, sondern mindestens ein genau so großer auf der Leserseite.

Im Grunde genommen gehört Claas Relotius ein Orden verliehen für seine Demaskierung jener ungeistigen Pestilenz, mit der das ganze Land vielköpfig geschlagen ist, personell am besten vertreten durch Angela Merkel als Bundeskanzlerin. Claas Relotius bestätigte in beeindruckender Weise, was unsereiner seit Jahren schreibt: Das deutsche Gutmenschentum ist eine schwere Heimsuchung mit dem Potential zum maximalen Desaster.

Keine dieser Figuren tritt heute hervor, um sich vor Claas Relotius zu stellen und den gefallenen Liebling mit ehrlichen Worten zu verteidigen. Alle üben sie sich heute in maximaler Distanz, weil sie keinesfalls mitgehangen werden wollen. Dabei wäre die Wahrheit kurz und zutreffend darzustellen (freilich mit geröteten Augen): „Es ist doch egal, ob das alles so stimmt, wie der Claas es aufgeschrieben hat. Die Gesinnung stimmt. Und das ist und bleibt auch in Zukunft das Wichtigste. Wir fühlen uns gern „menschlich“ und voll der Empathie, wenn wir uns bei Prosecco und Häppchen gegenseitig seine wahren Geschichten über unser eigenes Gutsein vorlesen.“

Es wird weitergelogen

Daß Ullrich Fichtner, Kollege von Relotius beim SPIEGEL, und selbst mehrfach preisgekrönter Autor, in diesen Tagen vom Entsetzen schreibt, welches im Hause angeblich herrscht angesichts des erschütternden Verstoßes gegen die Leitlinien des verstorbenen SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein, darf man getrost ebenfalls für ein Märchen halten. Beispielsweise schreibt er in seiner Stellungnahme für den SPIEGEL nicht, daß er selbst zeitweilig verantwortlicher Leiter des „Relotius-Ressorts“ gewesen ist.

Bei W&V packte am 21.12. der Münchner Pressefotograf Mirco Talierco aus, der mit Juan Moreno seit Jahren eng zusammenarbeitet. Moreno ist derjenige, der Relotius´Ressortchef von dessen Märchen in Kenntnis setzte, eigentlich, „versuchte, ihn in Kenntnis zu setzen“. Taliercos Resümee: „Sie wollten es bis zum Schluß nicht glauben„. Und wo man etwas trotz vorgelegter Videobeweise partout nicht wahrhaben will, da ist der Verweis auf eine hausinterne, in der Branche vielgerühmte „Dok“-Abteilung nichts weiter als ein erneutes Ablenkungsmanöver, die nächste Lüge sozusagen. Als Relotius am 3. Dezember den Deutschen Reporterpreis 2018 erhält, bröselt seine Glaubwürdigkeit beim SPIEGEL schon seit längerer Zeit. Moreno hatte sich erstmals 2017 an den SPIEGEL gewandt. Beim Hamburger Abendblatt heißt es heute, am 22.12. gar, Leute wie Relotius würden gezüchtet. Wer aber züchtet, der will auch ernten.

Den Gipfel der Selbstgefälligkeit erklimmt allerdings Hening Sußebach in einem Tweet. Der ZEIT-Journalist: „Bei aller Scham wegen #Relotius bin ich übrigens dankbar, in einer Branche zu arbeiten, die sich angesichts dieses Betruges voller Furor (wieder mal) selbst befragt. Man vergleiche das mit der Autoindustrie.“ Übersetzung: Wir sind trotzdem besser als Andere. Sußebach ist nicht einmal mehr willens, einen Unterschied zu machen zwischen einem „Betrug“, der zwischen Autoindustrie und einer politisch-ökologistischen Klasse der vollständig Verpeilten stattgefunden hat, und einem, der die ohnehin schon schwer angeschlagene Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche zerstörte, deren eigentliche Aufgabe es gewesen wäre, das ganze alberne Getue um den „Abgasbetrug“ als das zu entlarven, was er realiter ist: Eine politisch-ideologisch-korrekte Luftnummer an jedweder Relevanz vorbei.

Worum es alles in allem geht

In ihrem tiefsten Grunde ist die aktuelle SPIEGEL-Affäre keine Geschichte von Lüge und Betrug, sondern eine Flutlichtanlage, die einen mehrheitlichen Geisteszustand schonungslos beleuchtet. Resultat: Unser gutmenschlich besetztes Land ist nur noch zum Kotzen. Die Medienmacher sind die eigentllichen Politiker – und die gewählten Politiker die Getriebenen ihres anmaßenden Haltungsjournalismus´.

Es wird auch nicht dadurch besser, daß man Relotius – und ihn allein – auf den Scheiterhaufen stellt, während sich der ganze Rest der Meute pharisäerhaft die Hände in Unschuld wäscht. Die Jobs von Georg Restle oder Anja Reschke, den beiden ARD-Stars z.B., die einen „Haltungsjournalismus“ befürworten, müssten nach diesem Skandal, ganz unabhängig von Relotius, zur Disposition stehen. Hier wäre ein gründliches Ausmisten angesagt, quer durch alle Sendeanstalten und Redaktionen. Es wird unterbleiben. Relotius´Kumpane im Ungeiste haben sich in den Opferstatus geflüchtet. Das ist formal möglich. Die Integrität dieser ungeistigen Pestilenz erhöht das nicht. Relotius ist jetzt freilich draußen. Das heißt, daß dieser ganze Saustall um lediglich eine ihrer erbärmlichen Figuren geschrumpft ist. Am grundsätzlichen Problem ändert das gar nichts.

Sarkastisch ausgedrückt ist es vielmehr so: Claas Relotius müsste jetzt erst, nach dem Skandal, einen deutschen Medienpreis erhalten. Keiner hat mit seinen Fake-Reportagen jemals eine realistischere Reportage über den kollektiven Geisteszustand der medialen und der politischen „Eliten“ eines ganzen Landes abgeliefert.

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