Schunke zu Relotius: Haltungsjournalisten in Dunkeldeutschland

Anabel Schunke

Anabel Schunke (Foto: Tom Frey)

Bevor die Realität so richtig ungemütlich für das linke Spektrum wurde und infolgedessen eigentlich nur noch harte Beleidigungen à la „Nazi“ und „Rassist“ gegenüber dem politischen Gegner um sich griffen, gab es 2015 und Anfang 2016 zunächst noch die Phase des „besorgten Bürgers“.

Der „besorgte Bürger“ war jemand, der die komplexen weltpolitischen Zusammenhänge einfach nur nicht richtig verstanden hatte. Der sich angeblich weniger um kulturelle Verwerfungen und die Sicherheit in diesem Land sorgte, denn um seinen eigenen wirtschaftlichen Abstieg. Vor allem war der „besorgte Bürger“ aber jemand, der „diffuse Ängste“ hatte und dem man diese „Ängste“ durch „Fakten“ nehmen musste. Wo der „besorgte Bürger“ mit dem „Gefühl“ argumentierte, sollte man ihm den logischen Verstand entgegensetzen. Vor allem nach der Kölner Silvesternacht war es jenes Narrativ, dessen Umsetzung ein Großteil der deutschen Journalisten als ihre Hauptaufgabe betrachteten.

Für die Mehrheit der „besorgten Bürger“ und späteren „Nazis“ war das natürlich schon damals eine himmelschreiende Lüge und nichts weiter als Trick 17 einer medialen Öffentlichkeit, die damit von der eigenen, jegliche Fakten entbehrenden Gefühlsduseligkeit ablenken wollte und einen ganzen Bevölkerungsteil politisch entmündigte, indem man seine Argumente zu irrationalen Ängsten degradierte.

GENAU vor diesem Hintergrund ist die Causa Claas Relotius einzuordnen, dessen gefühlige, irrationale Märchenstories über Flucht und Migration sogar mit den höchsten Journalistenpreisen dieses Landes gewürdigt wurden. Wer heute die Texte von Relotius liest, der muss sich schwer wundern, dass in all den Jahren niemand zuvor auf die Idee gekommen ist, dass dieser kitschige Schwachsinn zu einem Großteil erstunken und erlogen war.

Umgekehrt blickt man auf sich selbst und seine Kollegen bei der Achse des Guten, Tichys Einblick und anderen Seiten, Zeitungen und Magazinen, die sich von Anfang an kritisch mit der Asylpolitik Angela Merkels auseinandergesetzt haben. Man denkt an all die Diffamierungen, die Verleumdung den Rufmord. An den Werbeboykott auf Die Achse des Guten, an Roland Tichys Rücktritt bei Xing. Daran, wie Tichy mich irgendwann ermahnte, nicht mehr solche „gefühligen“ oder wütenden Texte zu schreiben, obwohl diese so gut bei den Lesern ankamen, weil sie ihre Stimmung, ihre Ohnmacht und Wut in Worte gossen. Wie ich um jedes Wort kämpfte. Wie wir für jeden einzelnen Text hohe Standards anlegten, alles sauber recherchierten. Wie wir bis ins letzte Detail akribisch arbeiteten, um uns nicht im geringsten angreifbar zu machen.

Bei Claas Relotius hat man das bei mindestens einem „seriösen Medium“ indes nicht so genau mit den Belegen genommen. Und wenn es darum ging, positiv über das Thema Flucht und Migration zu schreiben, wenn es nicht um die Gefühle eines Teils der deutschen Gesellschaft ging, konnte es anscheinend gar nicht gefühlig und kitschig genug sein. Nein, nicht wir waren die Gefühligen, die Geschichten erfanden, sondern die. Nicht wir waren die Besorgten, die Angst hatten, sondern die. Vor allem vor der Realität und der Wut der Menschen in diesem Land.

Ich glaube, es gab bis dato – trotz all der Ungeheuerlichkeiten der letzten Jahre – keinen Fall, der derart offenbart hat, wie sehr es im deutschen Journalismus nicht mehr um Wahrheitsfindung und ehrliche, kritische Berichterstattung geht, sondern nur noch um Ideologie. Um das, was ins Weltbild passt. Das, was man vermitteln möchte.

Umso trauriger ist das, weil die Dinge, die auf dieser Welt passieren, eigentlich tragisch genug sind. Wie eingeschlossen in seiner Welt und verblendet muss man sein, um zu glauben, man müsse rührselige Geschichten erfinden, wenn uns doch die Welt tagtäglich lehrt, dass sie genug Unerträgliches produziert?

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Claas Relotius hat nicht nur sich selbst eine Bärendienst erwiesen, sondern seiner ganzen Branche, die mehr denn je um Glaubwürdigkeit ringt und vor allem jenen Kollegen, die, vielleicht mit etwas weniger Kitsch, ähnliche Geschichten in der Realität gefunden haben und denen man diese nun nicht mehr abnimmt.

Was für „gute, moralisch besser ausgestattete Menschen“ Personen wie Claas Relotius, die so empathisch über Flucht und Migration schreiben, darüber hinaus sind, offenbarte er damit, dass er seinem Kollegen, der ihn outete, noch mit einer Rufmord-Kampagne überzog.

Es zeigt sich: Nein, es ging ihm nicht um eine „höhere Sache“, auch wenn dies nichts besser gemacht hätte. Es ging ihm allein um sich. Um seine Karriere, seinen beruflichen Erfolg und das auf dem Rücken geflüchteter Menschen. Wie nennt man das doch gleich? Ach ja, richtig: Instrumentalisierung. Perfider geht es nicht.

Und somit hat Claas Relotius jeden Spott verdient, der ihm nun zuteil wird und was bleibt, ist die Frage: War er der Einzige?

 

Anabel Schunke schreibt u.a. für Tichys Einblick und Die Achse des Guten.

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