Spieglein, Spieglein in der Hand, wer ist der größte Lügner im ganzen Land?

Max Erdinger

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Und wenn der "Spiegel" kommt, dann laufen wir! (Foto: Collage)

Beim SPIEGEL ist man dieser Tage eher kleinlaut. Gehen in Sack und Asche ist angezeigt. Der berühmte Kollege Relotius, mehrfach ausgezeichneter Spitzenjournalist, beliebt und geschätzt, hatte all die Jahre nicht viel mehr gehabt, als eine blühende Phantasie und eine literarische Begabung. Fakten hatte er keine. Und das ist jetzt aufgeflogen. Entdeckt wurde der Skandal beim SPIEGEL selbst. Betroffen sind auch andere Zeitungen, in denen Claas Relotius publizierte, darunter die ZEIT. Relotius  räumte am Sonntag sein Büro und kündigte am Montag. Es herrscht kalkulierte Fassungslosigkeit beim SPIEGEL, wie die Rekonstruktion des Falls durch Ullrich Fichtner im SPIEGEL nahelegt.

Der Baron Münchhausen vom SPIEGEL ist nicht irgendwer. Vier Deutsche Reporterpreise hat Claas Relotius erhalten, den Peter Scholl-Latour-Preis, den Konrad-Duden-, den Kindernothilfe-, den Katholischen und den Coburger Medienpreis. Erst jetzt sind seine Betrügereien aufgeflogen. Von CNN wurde er zum „Journalist of the Year“ gekürt. Den Reemtsma Liberty Award gab es außerdem für den talentierten Märchenonkel. Der junge SPIEGEL-Redakteur landete auf der Forbes-Liste der „30 under 30 – Europe: Media“. Eindeutig zuviel der Ehre für einen linken Lügenbaron.

Claas Relotius, Jahrgang 1985, veröffentlichte als Autor oder Co-Autor 55 Originaltexte im SPIEGEL, schreibt Fichtner.  Drei davon wurden ins Englische übersetzt und erschienen bei SPIEGEL-International. Achtzehn Texte wurden in Zweitverwertung digital weitervertrieben.  Über zehn bis  elf Jahre habe Relotius auch als Journalist in „Cicero“, in der „Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag“, der „Financial Times Deutschland“, der „taz“, der „Welt“, im „SZ-Magazin“, in der „Weltwoche“, auf ZEIT online, in „ZEIT Wissen“ und in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ publiziert. Relotius selbst sagt, er habe auch für den britischen „Guardian“ geschrieben. Und nun das: Kaum etwas davon hatte sich so zugetragen, wie Relotius es berichtet hat.

Ullrich Fichtner müht sich in seiner Rekonstruktion des Falls redlich, Relotius als einen Einzeltäter darzustellen, der nicht nur die Leser, sondern vor allem auch seine Kollegen getäuscht hat – und somit auch enttäuschte. Der SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein wird bemüht, sein Motto zitiert: „Sagen, was ist„. Und: „Alle im SPIEGEL behaupteten Tatsachen haben zutreffend zu sein„. Hohes Berufsethos beim SPIEGEL. Man betreibe eigene Dokumentation, läßt Fichtner wissen. Jede Tatsachenbehauptung eines SPIEGEL-Redakteurs wird dort vor Erscheinen des SPIEGEL überprüft. Und einer, nur ein einziger, habe nun die internen Sicherungssystem überwunden und die untadelige Reinheit des Hauses beschmutzt: Relotius, der journalistische Roßtäuscher. Das ist das, was der Leser als nächstes glauben soll. Der jedoch denkt sich etwas anderes: Ullrich Fichtner könnte ebenfalls nicht ganz bei der Wahrheit geblieben sein. Und dafür sieht der Leser gute Gründe.

Welcome, Relotius!

Claas Relotius´Reportagen im SPIEGEL hatten immer einen sehr – wie man heute sagt – „menschlichen“ Touch. Seine Geschichten aus Syrien, aus den USA und von Sonstwo hatten Titel wie „Die letzte Zeugin“ oder „Zwei Königskinder“. Die Masche war immer dieselbe: Persönliche Schicksale aufzeigen, nah an den Protagonisten seiner Reportagen dranbleiben, den Leser an den Seelennöten seiner Figuren teilnehmen lassen, größere Zusammenhänge in einen Bezug zum jeweiligen Protagonisten stellen, im Leserschädel einen Kinofilm vorführen. Das war ein cleveres Konzept zum beruflichen Erfolg eingedenk jener Klientel, welcher Relotius auftragsgemäß den SPIEGEL vor das Gesicht zu halten hatte. Der SPIEGEL-Leser liebte seinen Relotius, weil der ihm in den schönsten Worten aufschrieb, was die Weisheit seiner überlegenen Weltsicht bestätigte – und zwar auf die „menschliche“ Art.

Die Sache hatte nur einen Haken: Viele von Relotius´Protagonisten gab es in Wirklichkeit gar nicht. Sie sind einfach seiner Phantasie entsprungen. Er hat den Lesern und dem SPIEGEL fiktive Charaktere als real existierende Personen angedreht. Wo er die Fiktiven zitierte, zitierte er sich selbst in deren fiktiver Gestalt. Tatsächlich stattgefundene Gespräche wurden um frei erfundene Zitate ergänzt und dergleichen mehr. „Jaegers Grenze“, eine Reportage über amerikanische Bürgerwehren an der Grenze zu Mexiko, wurde ein Medienerfolg. Relotius hat aber die Leute, von denen er berichtet, als habe er Tage und Nächte mit ihnen zugebracht, in Wahrheit nie getroffen. Ullrich Fichtner sinngemäß: Wo in Relotius´Texten die Stelle kommt, an der jemand die Musik anstellt – und die kommt oft – da fängt die Lügengeschichte an. Claas Relotius ließ seine erdachten Figuren auch oft ein Liedchen singen. Kurz: Wenn Relotius einmal nicht Münchhausen gewesen ist, dann war er immer noch der Karl May des SPIEGEL. Der wurde anfangs des 20ten Jahrhunderts zum Bestsellerautor durch Winnetou & Old Shatterhand, seinen Reiseberichten durchs wilde Kurdistan und dergleichen Geschichten mehr. Dabei hatte der Dresdner seine Heimatstadt nicht einen Meter weit verlassen.

Aufgeflogen ist Claas Relotius übrigens durch die Beichte eines seiner Co-Autoren, der als freier Mitarbeiter des SPIEGEL fürchtete, nie wieder einen Auftrag zu bekommen, wenn herauskommt, daß er Relotius´Durchstechereien gedeckt hat. Der Mann hatte es schwer, bis ihm endlich jemand glaubte und seinen Anschuldigungen gegen Relotius auf den Grund ging. Einen ersten Verdacht gegen sich konnte Relotius sogar dadurch entkräften, sein Co-Autor Juan Moreno wolle ihm wohl aus Neid ans Bein pinkeln. Beim SPIEGEL glaubte man lieber Relotius, als Juan Moreno. Weil Relotius in gewissem Umfange ein redaktioneller Star des Hauses gewesen ist, bei dem man lieber nicht so genau hinsehen wollte. Relotius lief ganz gut.

Ullrich Fichtner will nicht wahrhaben, daß es in Relotius´Texten Indizien dafür gab, daß er flunkert, und daß man das auch hätte bemerken können. Beispiel Zahlen: Bei Relotius geht der Reporter nicht nur einfach eine Außentreppe zu dem Keller hinunter, indem die junge Protagonistin (13) in Pakistan per Zwangsarbeit ausgebeutet wird. Seine Treppe hat 15 Stufen. Zahlen erhöhen die Glaubwürdigkeit. Die Glaubwürdigkeit zu erhöhen ist immer Anliegen desjenigen, der unterstellt, er habe eine Lügengeschichte „ehrlich“ zu machen. Wo die Zahl ständiges Stilmittel ist, hätte man von selbst hellhörig werden müssen.Doch sogar die Dokumentationsabteilung blieb jahrelang blind.

Die Wahrheit ist höchtwahrscheinlich: Man wollte es nicht so genau wissen beim SPIEGEL, was an Relotius´Geschichten dran ist. Zu sehr war er seinem ganzen Mindset nach einer der Ihren, auf der Seite des Guten, ein großartiger Stilist, mehrfacher Preisträger, Zierde des Hauses. Es ging mindestens genauso sehr ums „nicht wahrhaben wollen“, wie ums „getäuscht worden sein“. Warum? – Weil die Gesinnung gut passte. Weil Claas Relotius von seinem Auftreten her unter dem blieb, was er sich eigentlich hätte leisten können. Er galt beim SPIEGEL als nett, freundlich und von zurückhaltender Bescheidenheit. Keinerlei Starallüren, die Unwillen erregt hätten, ein Mann fürs kollektive Gutsein. Und seine Geschichten bedienten die Erwartungen der Kundschaft perfekt. Wie sangen doch ABBA vor vielen Jahren? – „Money, Money, Money … da-da … must be funny …da-da … in a rich man´s world“.

SPIEGEL-Kollege Fichtner: „Nicht verhindert zu haben, dass die seit 1949 im SPIEGEL-Statut verbrieften Werte des Hauses in derart flagranter Weise verletzt werden, verursacht einen stechenden Schmerz, und das ist nicht nur hingesagt.

Mit einem bißchen bösen Willen könnte man das auch als versuchte Selbstexkulpation sehen. Es sieht wohl eher so aus, daß diese unterbliebene Verhinderung zu Zeiten ihrer Unterlassung als nützlich im Sinne der Schaffung der „menschlicheren Gesellschaft“ angesehen worden sein könnte. Und daß man sich nun hinter dem stechenden Schmerz versteckt, den man am heutigen Tag aus Gründen von Distanzierung und Selbstexkulpation besser empfinden sollte, wenn man mit Claas Relotius nicht in einen Topf geworfen werden will. Den Schnack, daß beim SPIEGEL nur ein Relotius wie ein Relotius tickte, kauft der Medienkritiker dem Entschuldigungsredner Fichtner nicht so ohne weiteres ab. Der SPIEGEL ist zu einem höchst parteiischen „Nachrichtenmagazin“ geworden seit den Zeiten Rudolf Augsteins.

Für den mehrfachen Preisträger Claas Relotius ist der Medienskandal beim SPIEGEL – und geistesverwandten Nachbarschaftszeitungen wie der ZEIT – das berufliche Ende. Nicht einmal mehr der Tupfinger Kreisbote wird ihm eine Reportage abkaufen. Die einzige Möglichkeit, die ich für den gefallenen SPIEGEL-Star sehe, ist, unter Pseudonym politisch korrekte Märchenbücher für Kinder zu schreiben, die partout dummlinks bleiben sollen, – und seine literarischen Werke über die Rote Hilfe vertreiben zu lassen.

Zwar ist das Schadensausmaß für den SPIEGEL kleiner, als vor über 30 Jahren dasjenige für den STERN mit seinen Hitler-Tagebüchern. Die Illustrierte erholte sich jahrelang von diesem Reputationsverlust. Trotzdem gibt es eine Gemeinsamkeit: Letztlich publizierte der STERN Konrad Kujaus gefälschte Hitler-Tagebücher damals deswegen, weil sie einen kollektiven Nerv extrem gut getroffen haben, und weil es sich für ein Medienerzeugnis in mehrerlei Hinsicht auszahlt, einen kollektiven Nerv zu treffen, am besten mit einer Serie wie den Hitler-Tagebüchern. Hitler ist ein deutscher Evergreen, ein Quotenhengst. Mit den Reportagen des SPIEGEL-Münchhausen ist es nicht viel anders. Das Publikum wollte sie begierig lesen – und Relotius hat zuverlässig geliefert.

Der Medienskandal beim SPIEGEL bestätigt alles, was den Mainstream-„Lügenmedien“ seit Jahren vorgeworfen wird: Die Haltung, korrekte Gesinnung sei viel, Wahrheit sei wenig – und viel korrekte Gesinnung sei gut für „die Menschen“, weswegen man selbst zu den Heilsbringern zählt.

 

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