Interessante Frage: Wofür stehen die gelben Westen in Frankreich?

Max Erdinger

Foto: Screenshot/Youtube

Die gelbe Weste ist ein vorzügliches Erkennungsmerkmal. Jeder Autofahrer, jeder Landschaftsgärtner und jeder Polizist hat eine. Man nennt sie auch Warnwesten. Warnung wovor genau?

Zu Tausenden randalierten gestern die gelben Westen auf den Champs Elyées. Knapp 100.000 waren es in ganz Frankreich, 8.000 auf den Straßen von Paris. Es gab Ausschreitungen, umgestürzte Autos, angezündete Transporter, Tränengaseinsätze. Dabei war die Pariser Prachtstraße noch nicht einmal als Kundgebungsort freigegeben worden. Angedacht war, die gelben Westen auf dem Marsfeld unterzubringen.

Nicht wenige wollten aber Präsident Macron persönlich ausrichten, was sie von seinen Steuerplänen und der weiteren Erhöhung der Spritpreise hielten, und hatten es deshalb vorgezogen, Richtung Präsidentenpalast zu ziehen. Der liegt nun einmal in der Nähe der Champs Elysées. Auf dem Marsfeld seien sie sich vorgekommen wie die Schafe im Pferch, meinte einer der Demonstranten. Auf den Champs Elysées seien sie dann völlig unerwartet von Tränengas und Wasserwerfern empfangen worden. Das wiederum habe zur Beruhigung der Gemüter nicht unbedingt beigetragen.

Die politische Klasse ergeht sich derweilen in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Der Aufruf, auf die Prachtstrasse zu ziehen, sei unter anderem von Marine Le Pen, der Chefin des Rassemblement National gekommen, beklagte Innenminister Christophe Castaner empört, und erhob schwere Vorwürfe gegen die rechtskonservative Parteichefin. Die konterte, sie habe nicht zur Gewalt auf den Champs Elysées aufgerufen. Das ist zutreffend.

Wer sind die gelben Westen?

Die gelben Westen decken offenbar das gesamte politische Spektrum von rechts bis links ab. Ein anderer Demonstrant erklärte nämlich, neben vielen extremen Rechten hätten auch viele radikale Linke die Bewegung genutzt, um ihren Unmut zu äußern. Er selbst sei vor allem besorgt wegen der Zukunft seiner Kinder und Enkel. Sie hätten genug von dieser Diktatur.

Das ist eine interessante Entwicklung. Man kann sehen, wohin die Begeisterung fürs Internationalsozialistische führen kann, wenn die nationalen Gegebenheiten die Begeisterung arg schmälern: Zum Schulterschluß von Braunlinken und Rotlinken nämlich. Wo der wiederum erfolgt, stehen aber plötzlich auch die Positionierungen der Parteien im politischen Spektrum in frage. Dann hat das rotlinke Dogma seine Berechtigung verloren, welches da lautet: Rotlinks und Braunlinks sind wie Feuer und Eis. Die Polarisierung bestünde dann zwischen Rot- und Braunlinken auf der einen Seite – und den Rechten auf der anderen. Als Rechter kann man es nur begrüßen, wenn die Braunlinken sich wieder denen zugesellen, deren Schoß sie einst entkrochen sind.

In einem funktionierenden westeuropäischen Staat, wie man ihn etwa noch aus den Sechziger Jahren kennt, verlief die Grenze zwischen „rechts“ und links noch vertikal, wie eine Wand. Heute verläuft sie nicht mehr zwischen links und „rechts“ und vertikal, sondern horizontal, wie eine Zimmerdecke zwischen den Abgehobenen und den Angeschmierten. Im Obergeschoß sitzt eine satte, selbstzufriedene und von der Realität abgeschottete Schöndenkerklasse linksliberaler Ausrichtung, während sich im Untergeschoß ein rotbraunlinkes Gemisch zusammenbraut, das täglich explosiver wird.

Eine der Gelbwesten verglich den Präsidenten Macron gar mit Marie-Antoinette. Es sei kein großer Unterschied, meinte er, ob man dem Volk sagt, es solle Kuchen essen, wenn es sich kein Brot mehr leisten kann, oder ob man ihm empfiehlt, eine neue Heizung zu kaufen, obwohl es schon das Heizöl nicht mehr bezahlen kann.

Die Parteienlandschaft spiegelt diese neue Gemengelage nicht. Es läuft alles so ab, wie es Christophe Guilluy in seinem gerade erschienenen Buch „No society“ skizziert und begründet hat. Guilluy belegt darin eindrucksvoll, weshalb die vormals großen Volksparteien am Ende sind. Seine zentrale These ist, daß sich saturierte Gutmenschen in ihren „Zitadellen“ verschanzt hätten, wo sie mit der Migrationskrise allenfalls dergestalt konfrontiert seien, daß sie schwarze Hausangestellte hätten, während die Kluft zwischen arm und reich ständig wachse und die vormalige Mittelschicht erodiere. Die Mittelschicht verströme inzwischen das Odium von Verlierern – und in eine Masse von Verlierern wolle sich kein Immigrant integrieren. So zerstöre die Globalisierung mit ihren Gewinnern und ihren Verlierern selbst die Grundlage für ein gelingendes Miteinander von Alteingesessenen und Neubürgern.

Macron hatte sich die Thesen Guilluys vor Monaten schon bei einem Tässchen Kaffee aufmerksam vom Buchautor selbst erläutern lassen. Christophe Guilluy sagt, der Präsident habe ihm nicht widersprochen.

 

Loading...