Die November 89 – Frage: Wieviel DDR steckt in der BRD?

Max Erdinger

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Daß sich die Bundesrepublik in den Merkeljahren zu einem Gesinnungswächterstaat entwickelt hat, steht außer frage. Die Altparteien frönen allesamt mehr oder minder dem selben Paternalismus. Der vormals mündige Bürger wurde zusehends zum Mündel degradiert. Es gibt kaum noch etwas, das nicht gesetzlich geregelt wäre, und sei es die Frage, unter welchen Bedingungen der Bürger sein eigenes Feuerholz verbrennen darf oder nicht. ARD und ZDF sind politisch gleichgeschaltet, Parteifunktionäre sitzen überall. Selbst das Bundesverfassungsgericht wird nach Parteienproporz besetzt. Wieviel DDR steckt bereits in der BRD?

Wer sich eingehender mit der DDR beschäftigt, die offiziell als totalitäre Diktatur rezipiert wird, stellt erstaunt fest, daß die Funktionärselite samt und sonders aus Leuten bestand, die nur das Beste wollten für ihr Land und seine Leute. Die DDR verstand sich durchaus als der Völkerfreundschaft und dem Weltfrieden verpflichtet und begriff sich offiziell als die wahrhaft „menschliche Gesellschaft“, besonders im Gegensatz zur BRD, die als der menschenfeindliche, imperialistische Klassenfeind beschrieben worden ist. Im DDR-Jargon war die Mauer, die ab 1961 hochgezogen worden ist, Deutschland teilte und weltweit zum Inbegriff für die teutonische Perfektion auch in der Unmenschlichkeit wurde, nicht etwa eine Mauer, hinter der die eigenen Landsleute gefangen gehalten wurden, sondern sie war ein „antiimperialistischer Schutzwall“.

Erste Auffälligkeit also: Es ist durchaus möglich, eine totalitäre Diktatur als „menschliche Gesellschaft“ zu begreifen. Wenn das möglich ist, dann ist es wahrscheinlich auch möglich, eine Invasion als Flüchtlingswelle darzustellen und diesen Begriff dann in den Köpfen zu verankern. Man kann vermutlich Inhumanität auch als Humanität verkaufen, wenn sie den „Richtigen“ gegenüber inhuman ist.  Wer „Nie wieder Deutschland!“ skandiert, oder „Deutschland, du mieses Stück Scheiße!“, von dem wird man wohl kaum erwarten dürfen, daß sich seine „Humanität“ unterschiedslos auch auf die Deutschen erstreckt. Die SAntifa hat durchaus kein Problem damit, sich einerseits für Menschheitsfreunde zu halten und dabei zu bekunden, daß sie keinerlei Mitleid mit den deutschen Opfern migrantischer Mordlust hat. Das heißt, daß die „Fähigkeit“ zur kognitiven Dissonanz, welche in der DDR zumindest über die letzten dreißig Jahre ihres Bestehens „kultiviert“ werden musste, noch heute vorhanden ist.

Sehr aufschlußreich sind in diesem Zusammenhang Rückblicke, die sich mit der DDR aus Sicht der dortigen Privilegierten beschäftigen, und beleuchten, wie DDR-Kombinate als verlängerte Billiglohn-Werkbanken des Westens fungierten und die DDR-Eliten mit Devisen versorgten.

Es gibt eine Reportage, in der die Funktionärstochter Doris Mittag, sowie die Söhne der DDR-Minister Sindermann und Grüneberg von ihrer Kindheit in der Funktionärssiedlung Wandlitz erzählen, wo sie vom Alltag der DDR weitgehend abgeschottet waren. Umgeben von einer acht Kilometer langen Mauer, die ihrerseits von der Staatssicherheit bewacht wurde, wuchsen sie in einer Art deutschem Paradies auf. Die Siedlung Wandlitz bestand aus 23 Einfamilienhäusern, die in einem parkähnlichen Wald für die Funktionärselite der DDR gebaut worden waren. Dort gab es ein Kino, ein Hallenbad, Läden, Hausangestellte, Fahrer und Diener. Es gab keine Grundstücksgrenzen oder Zäune, was völlig grotesk wirkt, wenn man sich überlegt, daß dieses „Paradies“ selbst umgeben war von einer unüberwindlichen Mauer und in einem Land lag, welches als Ganzes durch ein perfides Meisterwerk der Grenzschutztechnik von der Welt isoliert gewesen ist.

Das erinnert stark an Teile der heutigen deutschen Eliten, an Manuela Schwesig (SPD) etwa, die zwar der Gesamtschule, der Inklusion und der Multikultischule offiziell das Wort reden, ihre eigenen Kinder aber in Privatschulen unterbringen. Es läßt an Grüne denken, die sich im Dienstaudi bis zum Fahrradständer in der Nähe des Reichstages chauffieren lassen, um dort auf das Fahrrad umzusteigen, mit dem sie dann publikumswirksam an den Kameras vor dem Reichstag vorbei zur Arbeit radeln. Es erinnert an den alten Spruch vom Wasserpredigen und dem Weinsaufen.

In einer anderen Reportage breiten Mitarbeiter der Stasi ihre Sicht aus auf die Tätigkeiten, die sie in der DDR ausübten und als was sie das Ministerium für Staatssicherheit begriffen und heute noch begreifen. Faszinierend die „Richtigstellung“ des MfS-Generalmajors Gerhard Niebling zur „Mär von der friedlichen Bürgerrevolution“ im Herbst 1989, die dann zum Mauerfall führte. Es hat keine friedliche Bürgerrevolution gegeben, sagt er. Bestechend ist die Logik in seiner Argumentation: Da die DDR-Bürger außer Steinen und Dachlatten keine Waffen gehabt hätten, könne man nicht von einer friedlichen Bürgerrevolution reden. Die Nationale Volksarmee und das MfS hätten Waffen gehabt, um die „friedliche Revolution“ der Unbewaffneten zu beenden. Weil aber weder NVA noch MfS von ihren Waffen Gebrauch gemacht hätte, seien eigentlich sie die „friedlichen Revolutionäre“ gewesen und würden heute zu Unrecht verachtet. Da ist man nur noch platt.

Es erinnert stark an das Geschwätz einer heutigen politischen Klasse, das darin besteht, allen Ernstes zu behaupten, die Kontrolle und die Zensur sozialer Netzwerke, sowie die Einführung von Gesinnungsverbrechen, das Sammeln von Bürgerdaten, die als Spur im Netz bleiben – und zwar über Jahre –  (Haßrede, Holocaustleugnung, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit usw.) dienten der Bewahrung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Das kommt der Behauptung gleich, Wut und auch Haß seien keine natürlichen menschlichen Regungen und daß es keine Ursache dafür gebe, die irgendwo anders zu verorten sei, als beim Wütenden und beim Hasser selbst. Das ist die Behauptung, der Hass und die Wut fielen einfach so vom Himmel und träfen dabei automatisch die Richtigen, die „Bösen“ nämlich, die dadurch für jedermann kenntlich gemacht worden seien.

Eine Methode der Stasi, eines ihrer Opfer zu brechen, ist gewesen, ihm die völlige Ausweglosigkeit seiner Situation vor Augen zu stellen. „Wir können Sie aus diesem Gebäude hier unbemerkt in einem Bäckereiwagen aus der Welt schaffen. Niemand weiß, daß Sie hier waren und wo Sie abgeblieben sind. Staatliche Stellen werden Ihren Hinterbliebenen nicht dabei helfen, herauszufinden, warum Sie sich nie wieder bei Ihnen gemeldet haben. Bereits wenn Sie tot sind, könnten wir Ihre Hinterbliebenen damit trösten, es sei Ihnen die Republikflucht geglückt und Sie hätten ein neues Leben mit einer neuen Familie gegründet. Sie würden annehmen, daß Sie kein Interesse mehr an der Aufrechterhaltung eines Kontakts haben. In dieser Auffassung könnten wir sie bestärken. Wir haben die totale Macht über Sie. Arbeiten Sie mit uns zusammen. Und vergessen Sie nicht: Sie waren niemals hier und dieses Gespräch hat nie stattgefunden.

Das war wesentlich unverblümter als in der Bundesrepublik heute, wo die „Verpflichtung auf den Staat“, genau wie in der DDR, nicht mehr der Verpflichtung auf den im Grundgesetz festgelegten Staat gilt, sondern auf diesen, den gegenwärtigen. Das wäre der aktuelle Merkelstaat einer ehemaligen FDJ-Funktionärin, der Beamten, Angestellten, Persönlichkeiten aus dem Showbusiness, Abteilungs- und Filialleitern, Lehrern und Erziehern subtil mit der Vernichtung ihrer materiellen Existenz droht, wenn sie sich erlauben sollten, zu sagen, was sie wirklich denken. Die alte Stasidrohung mit dem völligen Verschwinden von der Bildfläche gibt es heute in einer etwas weniger brutalen Version. Heute gilt die Bedrohung noch der jeweils eigenen, mühsam durch Arbeit etablierten, materiellen Existenz. Es ist die Drohung mit der sozialen Vernichtung, da sich im Westen Sozialisierte zumeist über ihren erreichten Wohlstand selbst definieren. Wären Sie lieber der Sozialhilfeempfänger Fritze Müller, der Sie nun einmal sind, oder wären Sie lieber ein umoperierter Millionär ohne Namen, den seine Verwandten für tot halten?

Wegen „Verfassungsfeindlichkeit“ z.B. den Beamtenstatus oder einen großen Staatsauftrag zu verlieren, ist unter existentiellen Gesichtspunkten ein Albtraum. Da sind ruckzuck ganze Lebensplanungen im Eimer. Zumindest staatsabhängige Privatunternehmer, auch Staatsschauspieler in öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsserien und die Staatsbeamten sind Leute, die nolens volens unfrei sind, weil sie ihr Geld genau dafür bekommen, daß sie tun, was der jeweilige Staat ihnen aufträgt. Solche Leute gibt es überall. In Zimbabwe zum Beispiel. Oder in Baden-Württemberg. Alle Menschen sind gleich.

Ein weiteres Kapitel sind die 6000 DDR-Betriebe, die für den westlichen Konsum produziert haben. Die BRD nutzte die DDR ganz eindeutig als ein Billiglohnland und versorgte sie so mit Devisen, was wiederum den Fortbestand der DDR verlängerte. Von der Kittelschürze über ganze Möbelkollektionen bis hin zu elektrischen Haushaltsgeräten, Uhren und Strumpfhosen, – in der DDR wurden Qualitätswaren en masse produziert, die es für kleine Münze im Westen zu kaufen gab und die in der DDR selbst Mangelware gewesen sind. In Leipzig war die Versorgungslage für die Bürger immer zur Messezeit miserabel. Es war kein vernünftiges Stück Fleisch mehr zu bekommen, Metzgereien boten Biberfleisch an und Schweinebacken sollten als Kotelettersatz durchgehen. In den Messehotels gab es für das internationale Westpublikum zur selben Zeit kostenfreie kalte Büffets mit allem, was das Herz begehrte. Die Werktätigen der DDR schufteten für den Konsum des Westens. Ihre Arbeitskraft wurde sozusagen billig an den Westen verkauft. Einzelne Kombinate lieferten mehr als 50 Prozent ihrer Produktion bei Quelle und Neckermann ab. Was den sozialistischen Werktätigen im eigenen Leben blieb, das war die sozialistische Mangelwirtschaft, in der man zehn Jahre und länger auf die Lieferung eines bestellten Autos warten musste – und selbst dann noch mit Produkten vorlieb zu nehmen hatte, die völlig antiquiert gewesen sind. Infrastruktur und Kulturdenkmäler verfielen. In der DDR wurde ein altes Kulturvolk erniedrigt.

Ganz klar: Die Funktionärselite der DDR hat ihr eigenes Volk ausgenommen wie eine Weihnachtsgans, um ihr eigenes Wohlleben zu finanzieren und dem Volk nebenbei ein paar dummsozialistische Sprüche von Brüderlichkeit und Solidarität, dem Weltfrieden und der Menschlichkeit ins Hirn zu hämmern. Dafür allein hielten sich diese Parasiten für die Guten, zur Menschenführung besonders Geeigneten. Honeckers Geist schwebte über den Wassern der Ostsee. Und zwar exclusiv. Der Mann hat zur Ferienzeit einen ganzen Küstenabschnitt der Ostsee für Margot und sich selbst reservieren lassen. Lediglich ein Butler durfte am Nachmittag Kaffee und Kuchen bringen – und das auch erst in exakt der Minute, in der die Honeckers das wünschten. So lange stand er diskret im Schatten eines Baumes am Ostseestrand mit einem Tablett in der Hand. Wer dieses menschenunwürdige Scheißspiel nicht mehr mitspielen wollte, wurde ohne mit der Wimper zu zucken auf der Flucht erschossen.

Erkenne ich da etwas wieder in der heutigen Bundesrepublik? – Durchaus. Der Westhandel der DDR von damals ist die Steuerquote von heute. Wir arbeiten primär für den Staat und nur noch in zweiter Linie für uns selbst. Das ist so ab dem Moment, in dem eine Steuer- und Abgabenquote von 50,1 Prozent des Bruttoeinkommens erreicht ist. Wir befinden uns lässig darüber. Das Geld, das wir durch unsere Arbeit erwirtschaften, geht zum größeren Teil an den Staat. Der verprasst es dann, wie es den Chefideologen gefällt. Wen interessieren 4 Mrd. Steuergeld, die für einen BER inzwischen verbraten worden sind? Wen jucken die bis zu  1,3 Mrd. jährlich, mit denen die Implementierung von Gender-Mainstreaming unterstützt wird? Wer hält seinen Kopf dafür hin? – Niemand. Es sei denn durch Abwahl – und dann reichlich abgepolstert. Die Deutschen haben heute die geringsten Medianvermögen der alten EU, aber die zweithöchste Steuerquote der gesamten EU. Wer keinen Wohlstand mehr aufbauen kann, dem fehlen die Mittel, kraft Kapitals und samt Kapital das Land zu verlassen, wenn ihm dieses Scheißspiel nicht mehr gefällt. Er ist prinzipiell derselbe Arbeitssklave des Systems, der er schon zu DDR-Zeiten gewesen ist, wenn auch in etwas abgemilderter Form. Ein jährlicher Pauschalurlaub im fernen Ausland ist u.U. noch drin, damit das Ganze nicht so aussieht, als gebe es eine Mauer um die Deutschen, hinter der sie gefangen gehalten werden. Ansonsten gilt: Die Merkelregierung quetscht die Bürger genauso aus wie eine Honeckerregierung. Das heißt, über die Steuerquote im Effekt nicht anders, als die DDR über den Westhandel damals.

Wir haben also alles zusammen, was man braucht, um die Frage zu beantworten, wieviel DDR in der BRD steckt. Antwort: Ziemlich viel, exakte Prozentangaben erlässlich, weil auch so schon scheußlich genug. Die Bundesrepublik ist einmal ein Land gewesen, in dem auf die Entstehung privaten Wohlstandes geachtet worden ist. Heute geht es nur noch darum, den gierigen Schlund des Staates zu stopfen. Das ist auch eine Form von Wiedervereinigung. Und zwar eine im Glauben an den „Segensreichtum von Staat“.

 

 

 

 

 

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