Verstehende Nationalökonomie setzt auf evolutionären Sinn statt Zahlenzauber. Recherche D – Zeitschrift einer „Denkfabrik für Wirtschaftskultur“

Lothar W. Pawliczak

In diesem Jahr ist eine neue, alternative Wirtschaftszeitung auf den Markt gekommen. Inzwischen liegen drei Hefte von Recherche D vor.

Der Herausgeber, Felix Menzel; schreibt im Leitwort zum ersten Heft, die „Denkfabrik für Wirtschaftskultur … soll informieren, Anstöße geben und diejenigen beraten, die bodenständig, konstruktiv und innovativ für Deutschland arbeiten.“ Man wolle „die politischen und ökonomischen Alternativen im 21. Jahrhundert bei den kleinen, vielfältigen Ansätzen suchen“ und dabei „ökologischer als die Grünen, sozialer als die SPD, konservativer als die CDU, freiheitlicher als die FDP und alternativer als die AfD“ sein. (Heft 1, S. 3) Das ist sehr anspruchsvoll. Auch wenn dieser Anspruch wohl letztlich immer nur angestrebt, aber nicht wirklich er- und ausgefüllt werden kann: Eine alternative Wirtschaftszeitschrift ist zweifellos ein Gewinn und z.B. der Wegfall der Rubrik „Wirtschaft“ bei Journalistenwatch.com mangels Beiträge ein Desiderat. Wirtschaftliche und soziale Probleme haben in der alternativen Opposition einen noch zu geringen Stellenwert, obwohl sie sich doch ursprünglich aufgrund gravierender wirtschaftlicher Probleme – Euro, Finanzkrise, Staatsverschuldung – schließlich politisch etabliert hat. Es sind politisch handhabbare wirtschaftliche und soziale Konzepte zu entwickeln. Daß das schwierig ist, liegt wohl auch daran, daß da unterschiedliche soziale Gruppen mit unterschiedlichen Interessen zusammenkommen, die nicht leicht unter einen Hut zu bringen sind. So sind etwa die Interessen des mittelständischen Bürgertums an einer Steuerreform wie auch an der notwendigen Reform der Sozialversicherung verschieden von jenen der abhängig Beschäftigten.

Die Beiträge sind in Recherche D nach drei Rubriken geordnet: Nation, Fundament, Betrieb. Sicher wären auch andere Rubrizierungen denkbar, aber zur Orientierung der Leser mit gewiß unterschiedlichen Interessen ist diese durchaus sinnvoll.

Nation

Hier stehen Beiträge, die grundsätzliche volkswirtschaftliche und weltwirtschaftliche Konzepte politischen Handelns zu entwickeln suchen. Programmatisch ist der einleitende Text des Herausgebers „Vom Globalkapitalismus zur nachbarschaftlichen Marktwirtschaft“ (Heft 1, S. 6-10). Es gibt keine Weltformel für den wirtschaftlichen Erfolg. Eine undifferenzierte Orientierung auf Globalisierung, Weltmarkt und Freihandel ist ebenso unangebracht wie nationalegoistischer Protektionismus und Zollbarrieren nach dem Prinzip „wie du mir – so ich dir.“ Es sind grade die Unterschiede, die den Beitrag der einzelnen Länder zum Weltmarkt wie deren nationale Eigenheit interessant und schützenswert machen. „Wenn sehr unterschiedliche Wirtschaftskulturen gleichzeitig erfolgreich sein können, so ist dies aber eine mehr als positive Nachricht, da sie bedeutet, daß wir die Wirtschaft nach unseren individuellen Bedürfnissen einrichten können.“ Daher orientiert Felix Menzel auf die „Stärkung des nachbarschaftlichen Prinzips, d.h. der erlebbaren Gemeinschaft, Solidarität, des Wettbewerbs der Kooperation, gemeinsamen Finanzierung und Hilfe in Notlagen vor Ort, als ein notwendiges Gegengewicht zur Globalisierung“. (Ebd., S. 8, 10) Staatsschulden (Heft 1, S. 11; Heft 2, S. 51-52), Handelsstreit zwischen Europa und den USA (Heft 2, S. 34-37), Migration und Sozialsystem (Heft 1, S. 20-22; Heft 2, S. 48-50; Heft 3, S. 8-15, 18-19), Einheit und Differenzierung im Bildungssystem (Heft 2, S. 41-42; Heft 3, S. 10-12), Chancen und Versäumnisse wie Risiken und Nebenwirkungen der Digitalisierung (Heft 1, S. 16-20; Heft 2, S. 38-40) sind dazu wichtige Themen.

Fundament

Hier werden grundlegende Fragen und Positionen der ökonomischen Theorie vorgestellt. Es werden wichtige Theoretiker kurz und durchaus auch kritisch präsentiert: Hannah Arendt (Heft 1, S. 28—29), Friedrich August von Hayek (Heft 1, S. 37-39), Constantin Frantz (Heft 2, S. 26-27), Friedrich List (Heft 2, S. 30-32), Karl Marx (Heft 3, S. 29), Wilhelm Röpke (Heft 3, S. 37-39), Rolf Peter Sieferle (Heft 3, S. 40-43). Mit den Hauptbeiträgen zu dieser Rubrik werden aktuell-grundlegende wirtschaftstheoretische Ansätze präsentiert zu Herrschaft oder Konsum (Heft 1, S. 24-27), Wirtschaft und Gerechtigkeit (Heft 1, S. 34-36), Ordnungsstaat oder Ordnungspolitik (Heft 2, S. 28-29), Wirtschaft als Selbstzweck der Moderne (Heft 3, S. 22-24), Ökologischer als die Grünen (Heft 3, S. 25-28). Mit dem leicht aktualisierten Neuabdruck eines Textes zu Ökonomie und Menschenrechte (Heft 3, S. 30-36), der anläßlich des 200. Jahrestages der französischen Erklärung der Menschenrechte 1989 in der DDR-Opposition entstanden war, soll angeregt werden, eine wirtschaftstheoretische Debatte nachzuholen, die 1989/90 ausgefallen ist.

Betrieb

Zum Anspruch, „Patriotismus, Nachhaltigkeit, ökonomische Vernunft und persönliche erlebbare Solidarität … im Alltag (zu) verankern“ (Heft 1, S. 3), um „mehr Verortung, Selbstbestimmung und Freiheit (zu) erreichen“ (Heft 2, S. 3) gehört natürlich, die Attitüde des theoretischen Überfliegers zu verlassen und sich den lokalen Wirklichkeit zuzuwenden: Amazons Steuersubventionierung (Heft 1, S. 23), Pflanzenabfall statt Plastikmüll (Heft 1, S. 30-33), Zukunft des Obst- und Gemüsehandels (Heft 1, S. 40-42), Personalführung und betriebliche Hierarchie (Heft 2, S. 6-8), Nähmanufaktur (Heft 2, S. 14-15), Frankfurter Tafel (Heft 2, S. 18-20), sinnlose Jobs (Heft 3, S. 44), Nachbarschaftshilfe (Heft 3, S. 45), Schneiderei im Unperfekt (Heft 3, S. 46-50), Zukunft der Fleischwirtschaft (Heft 3, S. 50-51).

Von den in diesen drei Heften behandelten Themen sind hier nicht alle aufgelistet und natürlich werden weitere hinzukommen. Interessante Buchbesprechungen und Interviews sind den Rubriken jeweils zugeordnet. Am Ende jedes Heftes gibt es jeweils eine Seite weiterführender Literaturhinweise. Wünschenswert ist, daß die notwendig zu führende Wirtschaftsdebatte schließlich auch in Recherche D selbst stattfindet.

Die „Denkfabrik für Wirtschaftskultur“ firmiert als Verein Journalismus und Wissenschaft Chemnitz e.V., residiert in Dresden (Der Vermieter hat kürzlich dem Büro wegen linksradikaler Angriffe gekündigt: Der dritte Umzug des Vereins innerhalb von fünf Jahren.) und betreibt ergänzend zur Zeitschrift eine Internetseite und einen Facebookaccount.

Eine Studie der Denkfabrik „Fachkräftesicherung ohne Masseneinwanderung“ ist fertiggestellt. Sie zeigt, daß bis 2050 die angebliche Lücke von 15 Millionen Fachkräften durch einen Umbau des Sozialstaates, einen neuen Generationenvertrag, den Zuzug einiger ausländischer Hochqualifizierter sowie ein gründliches Entrümpeln bei Unternehmen geschlossen werden kann. Diese Studie wird demnächst beim Institut für Staatspolitik erscheinen.

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2 Kommentare

  1. Interessanter Ansatz. Der Zuzug angeblich nötiger „Hochqualiifizierter“ ist jedoch Quatsch. Man braucht allerhöchstens derer mit extrem vernetzten, weltweiten Beziehungen für den Export. Alles andere hätten wir zur Genüge.

  2. Danke für den Tip!

    Seitdem Financial Times Deutschland vor einigen Jahren aufgegeben hat, suche ich nach qualifiziertem Ersatz. Mal schaun, ob das hier längerfristig taugt ;-))

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