Ohne Substanz: Der Merz-Hype

Max Erdinger

Foto: Imago

Es soll bereits Konservative gegeben haben, die eher beiläufig und absolut unverbindlich die Absicht geäußert haben, sich nächstens das Wort „Idiot“ auf die Stirn tätowieren zu lassen. Und dann soll es wieder Andere gegeben haben, Sozialisten vornehmlich, die verdächtig begierig darauf gewesen sind, daß diese Konservativen ihre gänzlich unverbindlich herausgeplapperte Absicht sofort mit unlöschbarer Tinte unterschreiben, auf daß für alle Zeiten dokumentiert bleibe, was sie so harmlos unverbindlich beabsichtigen.

Sie beabsichtigen, heute nachmittag, wenn das Wetter so bleibt, in den Zoo zu gehen? -Unterschreiben Sie das! „Wozu?“, wollen Sie wissen? Das ist eine sehr kluge Frage.

Um es vorweg zu nehmen: So lange er nicht unmißverständlich klargemacht hat, daß er eine Unterschrift unter den globalen Migrationspakt am 10. und 11. Dezember in Marrakesch ablehnt – und solange er nicht ebenso unmißverständlich die Gefahren beschreibt, die unserem Land durch eine solche Unterschrift drohen, genau so lange ist jeder Kandidat für den CDU-Vorsitz kein geeigneter Kandidat im Sinne der Bundesrepublik Deutschland. Hier geht es um Friedrich Merz.

Der ehemalige CDU-Fraktionsvorsitzende Merz, seit 2009 offiziell nicht mehr politisch aktiv, jedoch bekannt als einer, der mit einer tiefen Abneigung der Kanzlerin gegenüber gesegnet ist, erlebt allerweil eine politische Wiederaufstehung, als sei er der Jesus der CDU. Man fragt sich, wie´s wohl kommt. Daß Merz erbitterter Merkel-Gegner ist, adelt nicht nur ihn. Wäre das ein ausschlaggebendes Kriterium für den Hype um Friedrich Merz, es könnte viele Hypes um viele Merkelkritiker geben. Nein, man wird schon mit Priorität darauf schauen müssen, was Friedrich Merz eigentlich will.

Allein dafür, daß eine seiner bekannten Positionen in der Forderung besteht, Eingewanderte hätten sich einer deutschen Leitkultur anzupassen, erhält Merz eindeutig zu viel Fanpost. Die Frage, inwieweit – und vor allem wie lange noch –  sich eine deutsche Leitkultur überhaupt durchsetzen ließe, hängt nicht daran, was der Parteiretter in spe befürwortet, sondern daran, wie sich die Mehrheitsverhältnisse  im Volk ändern. Daß sich Chancen auf Durchsetzung einer deutschen Leitkultur mit jedem weiteren Eingewanderten stetig verschlechtern, wird bereits im Grundkurs Logik erlernt. Im Extremfall liefe die Durchsetzung einer deutschen Leitkutur in wenigen Jahrzehnten darauf hinaus, einen Staat zu haben, in dem eine „autochthone Klasse“ als eine von vielen, allen Anderen vorschreibt, wie sie zu denken, zu fühlen und zu handeln haben. Das würden sich diese Anderen wohl kaum bieten lassen, ohne daß es zu schweren gesellschaftlichen Verwerfungen, Straßenterror und genereller Feindseligkeit den Autochthonen gegenüber kommen würde. Insofern hat das Gerede von der „deutschen Leitkultur“ ein bereits heute sichtbares Verfallsdatum aufgedruckt. Ob und wie sich eine deutsche Leitkultur durchsetzen läßt, hängt einzig und allein davon ab, wie die Mehrheitsverhältnisse im Land aussehen. Grüne wissen das schon seit Jahrzehnten – und genau deshalb sind sie auch die eifrigsten Befürworter einer Unterschrift unter den globalen Migrationspakt.

Gemessen an den Staatschefs anderer Länder wie Polen, Ungarn, Kroatien und etlichen weiteren, die den Migrationspakt defintiv nicht unterschreiben werden, ist Friedrich Merz ein lauwarmer Bruder. Es gibt zwei Möglichkeiten, wenn man einen Füllferfederhalter in der Hand hat: Entweder die Kappe wieder draufzustecken und ihn sofort zur Seite zu legen – oder etwas zu schreiben, auch zu unterschreiben. Hic rhodos, hic salta, Friedrich Merz. Unterschrift unter den globalen Migrationspakt: Ja oder nein? Dafür oder dagegen? Es gibt nur zwei mögliche Antworten, und eine davon wäre angesagt, ehe es um den CDU-Parteivorsitz gehen kann, respektive darum, wer Merz aus welchen Gründen befürwortet und wer nicht.

Genau das aber versucht die BILD: Das Fell des Bären zu verteilen, ehe der Bär erlegt ist. Es ist schlicht nicht von Interesse, ob Wolfgang Schäuble als Spahn-Förderer seinen Schützling zugunsten von Friedrich Merz dazu bewegen will, auf eine Kandidatur gegen Merz zu verzichten. Es hat momentan keine Relevanz, auf welchen Umwegen Friedrich Merz den Weg ins Kanzleramt einschlagen will. Der Hinweis, daß die versöhnlichen Töne des gegenwärtigen Partei-Heilands in Richtung Kanzlerin dem Kalkül geschuldet seien, daß zwar der Königinnenmord beliebt ist, der Königinnenmörder aber nicht, und daß Friedrich Merz das auch genau wisse, ist eine Nullinformation insofern, als daß sie vor der Zeit kommt. Daß sein geplanter Umweg vorsieht, als CDU-Vorsitzender der SPD so vor den Karren zu fahren, daß die dann die Koalition aufkündigt, um Angela Merkel als Kanzlerin indirekt loszuwerden und sich in der Folge selbst auf den Thron im Kanzleramt zu setzen, verrät lediglich, was man bei der BILD für so raffiniert hält, daß man den Leser dadurch beeindrucken zu können glaubt. Das Spiel über Bande wurde aber nicht erst von Friedrich Merz erfunden – und die BILD muß nicht so tun, als habe Merz es erfunden.

Außerdem weiß die SPD bereits, was gebacken ist. Dort stellt man sich bereits auf Merz als siegreichen Kandidaten um den CDU-Vorsitz ein. Und ebenfalls stellt man sich dort bereits auf ein schnelles Ende der Koalition ein für den Fall, daß es Merz tatsächlich wird. Ein SPD-Präsidiumsmitglied gibt der aktuellen GroKO noch drei Monate bis zu ihrer Implosion, wenn Merz CDU-Chef wird, weil er weiß, daß die SPD mit ihm extrem aneinandergeraten wird. Das ist alles längst kein Geheimnis mehr.

Was, bitteschön, soll so sensationell an dem sein, was Friedrich Merz Ende September als Gastredner bei einer Veranstaltung des Tunnelbauers Herrenknecht in Schwanau (Baden-Württemberg) gesagt hat? Es war doch nur das hier: „Die Landtagswahlen in Bayern und Hessen hätten „Sprengkraft“ für die CDU„. – Ach?  „Der Sturz des Merkel-Vertrauten Volker Kauder als Fraktionschef sei „ein Wetterleuchten“ gewesen„.  – Ach-ach? „Der Prozess der Veränderung werde sich noch „erheblich beschleunigen“. Da beschleunigt sich doch glatt der „Prozess meiner Niederschrift“ dieses Artikels: Ach-ach-ach! Was für ein hellsichtiger Kopf dieser Herr Merz aber auch ist. Ein regelrechter Visionär! Und wie toll die BILD das erkannt hat. Nächstens dient sie uns vermutlich die Schuhgröße von Friedrich Merz als sensationelle Enthüllung an.

Für den politisch Interessierten, dem die aktuelle Nabelschau der Parteien auf den Keks geht, weil diese Nabelschau nicht eine der Fragen beantwortet, um die es wirklich geht, ist es unerheblich, wer Friedrich Merz aufgrund welcher Netzwerke und welcher Überzeugungen als Steigbügelhalter dient und wer nicht.

Zu Friedrich Merz sind derzeit Antworten auf zwei zentrale Fragen interessant, eine davon dringend und die andere langfristig:

  1. Migrationspakt ja oder nein?
  2. Entspannung mit Russland, oder weiterhin Festlegung auf die einseitige, unverbrüchliche Mitgliedschaft in der westlichen Schmollecke?

Derzeit ist nicht zu sehen, was Deutschland dadurch gewinnen würde, daß Friedrich Merz CDU-Chef und später womöglich Kanzler werden könnte. Daß es gut wäre, wenn Merkel endlich komplett weg vom Fenster ist, ändert daran nichts. Mit Merkel ist es wie in der Ornithologie: Die verschwundene Merkel macht so wenig einen politischen Sommer wie die vorhandene Schwalbe. Und Nebenkriegsschauplätze wie der Kampf um den CDU-Parteivorsitz ändern an ablaufenden Fristen gar nichts. Es sind noch knapp sechs Wochen bis Marrakesch.

 

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