Prognose aus Frankreich: Die Gesellschaft wird explodieren

Max Erdinger

Symbolfoto: Durch Roman Mikhailiuk/Shutterstock
(Symbolfoto: Durch Roman Mikhailiuk/Shutterstock)

Christophe Guilluy ist in Frankreich derzeit in aller Munde. Der 54-jährige Schriftsteller ist als klassischer westeuropäischer Linker allmählich zum Dissidenten geworden und wird von seinen ehemaligen Weggefährten zunehmend scharf kritisiert. In seinem neuesten Buch „No Society„, gerade erst erschienen und momentan nur auf französisch erhältlich, prognostiziert er die Explosion der westeuropäischen Gesellschaften.

Der hochaufgeschossene Kettenraucher Guilluy ist nicht irgendein Buchautor. Emmanuel Macron hat sich von Guilluy aufmerksam erklären lassen, wie der Intellektuelle zu der Überzeugung gekommen ist, die der französische Präsident mit ihm teilt, nämlich, daß die Volksparteien überall in Europa am Ende seien. Christophe Guilluy begreift den Siegeszug der europäischen Populisten nicht als eine Art Fieberschub, sondern als die Quittung für das Komplettversagen der linken Eliten.

Basis seiner apokalyptischen Prognose sei das „am besten gehütete Geheimnis der Globalisierung“, sagt Guilluy, nämlich das Aussterben der Mittelschicht in den westlichen Gesellschaften. Sein Buch „No Society“ handelt davon. Zum Beginn der Globalisierung seien nur die Ränder der Gesellschaft von ihr betroffen gewesen. Arbeiter hätten ihre Jobs verloren, Landwirte mussten entweder wachsen oder weichen. Das habe so lange als hinnehmbar gegolten, wie sich die Mehrheit der Restbevölkerung immer noch Vorteile durch die Globalisierung habe ausrechnen können. Inzwischen jedoch träfe es das nächste Segment der Gesellschaft, die Mittelschicht. Es gehe um große Teile der Angestellten, der Freiberufler und bald auch um Beamte und Rentner. Die seien die jüngsten Opfer der Globalisierung. Dadurch bröckle der Kitt aus der Gesellschaft, der vorher oben und unten zusammengehalten hat. Guilluy vergleicht den Prozess mit einer tektonischen Plattenverschiebung, deren Ausmaß erst jetzt allmählich sichtbar werde. Es gebe Phänomene zu beobachten, die neu sind. Es sei nun einmal neu, so Guilluy, daß Angehörige der unteren Schichten nicht mehr dort leben können,wo der Reichtum erwirtschaftet wird und wo auch die Arbeitsplätze entstehen. Das seien die Metropolen. Aus denen jedoch seien soziale Trutzburgen geworden – und die Verlierer der Globalisierung seien zunehmend in die Peripherie gedrängt worden.

Der Siegeszug der europäischen Populisten sei deshalb der folgerichtige Ausdruck eines wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bruchs. Über die populistischen Bewegungen habe sich das Volk wieder in Erinnerung gebracht. Das sei ein positives Signal. Der Populismus, so Guilluy,  sei die Antwort darauf, dass die herrschende Klasse komplett abgehoben habe und die Interessen der Globalisierungsverlierer nicht mehr vertritt.

Je deutlicher aber eine Mittelschicht, welche vor 30 Jahren noch etwa 80 Prozent eines Volkes gestellt hat, zu Verlierern wird, desto geringer seien die Anreize für Einwanderer, sich zu integrieren. Sich in eine Gesellschaft von Verlierern zu integrieren, sei kein reizvolles Ziel. Die globalisierte westliche Gesellschaft sei kein Vorbild mehr für Neuankömmlinge.

Bislang habe die Elite sich in Überlegenheit und Reichtum sonnen können, dabei von oben herab die „offene Gesellschaft“ gepredigt und die Aufnahme von Einwanderern zum obersten moralischen Gebot erklärt – während sie selbst sich in „bürgerlichen Zitadellen“ verschanzte, wo von den importierten sozialen Konflikten nichts zu spüren war und Immigranten höchstens als billige Haushaltskräfte vorkamen. Aus ihrer Position einer vermeintlichen moralischen Überlegenheit sei diese Klasse als Befürworter der multikulturellen Gesellschaft aufgetreten, habe arrogant auf die abgehängten Schichten herabgesehen und sie zu allem Überfluß auch noch als populistische Rassisten, wenn nicht gar als Faschisten beleidigt. Ein Multikulturalismus mit 1000 Euro im Monat sei aber nicht derselbe wie mit 6000 Euro Gehalt.

Guilluys Bücher sind im Lauf der Jahre immer zorniger geworden. „No Society“, sein neuestes, ist regelrecht angriffslustig. Anfangs wurde Christophe Guilluy noch als Intellektueller gefeiert, aber inzwischen hat ein Bashing von links eingesetzt. Kollegen kritisieren ihn, schimpfen ihn einen „Chefgeografen des Rassemblement National“, des einstigen Front National, und halten ihm vor, er bediene mit seinen Theorien die Ressentiments der Populisten. Zudem habe er keine Doktorarbeit, heißt es. Seine Interpretation des Begriffs Mittelschicht sei zu schwammig und seine Analysen falsch. Gerade Linksintellektuelle verkraften es nicht, dass Guilluy die Einwanderungspolitik ins Zentrum seiner Überlegungen stellt und so die Frage der Identität aufwertet. Dem hält Christophe Guilluy entgegen, daß Populismus überall dort gedeihe, wo es eine „doppelte Verunsicherung“ gebe. Das sei die soziale Verunsicherung wegen der wirtschaftlichen Neuordnung einerseits, und die kulturelle Verunsicherung durch die leeren Versprechen einer multikulturellen Gesellschaft andererseits. Guilluys Thesen sind den Linken zu unbequem, weil sie alte Gewißheiten radikal infrage stellen.

Der Vorwurf Guilluys an die Linken ist also, die Migrationsfrage zu lange komplett ignoriert zu haben. Er findet es gut, dass Sahra Wagenknecht offene Grenzen und unkontrollierte Wirtschaftsmigration kritisiert. Es sei spannend, was in Deutschland gerade passiert. Andere Parteien würden bei dem Thema sicher folgen. Sie hätten gar keine andere Wahl. Guilluy hält es aber für wenig zielführend, die Migrationsfrage „ethnisch“ zu durchdenken. Natürlich gebe es Rassisten, sagt er, aber sie seien die Ausnahme. Die Meisten verlangten einfach nach sozialer und kultureller Sicherheit.

Christophe Guilluy zufolge muß man nicht die Populisten bekämpfen, sondern die Ursachen ihres Erfolges. Das gehe nicht von heute auf morgen. Für die Europawahlen im Mai nächsten Jahres prognostiziert er deshalb ihren Siegeszug.

So düster seine Prognose für Linke auch sein mag, lässt er der herrschenden Gewinnerklasse doch immer noch eine letzte Chance. Die Volksmassen würden die Globalisierungssieger dazu zwingen, die soziale Realität anzuerkennen und sich dem Gemeinwohl wieder zu verpflichten. Längst sei Panik in den Etagen der Macht ausgebrochen, sagt Guilluy, auch an den Universitäten und in den Medien. Dort spüre man, dass die eigene Position der moralischen Überlegenheit heute niemanden mehr überzeugt. Die Linkselite habe ihre kulturelle Deutungshoheit verspielt. Und dabei wird es nicht bleiben. Privilegien und Macht werden folgen, so der französische Dissident und Buchautor.

Fehlt etwas?

Ja, es fehlt etwas. „No Society“ ist das Buch eines typischen Linken. Deswegen stehen die sozialen Aspekte der Globalisierung und deren Folgen im Vordergrund. Das ist zwar alles nicht falsch, aber es ist unvollständig. Christophe Guilluy läßt einen sehr wesentlichen Aspekt unberücksichtigt – und das ist die kulturmarxistische Generalzersetzung der Gesellschaft – auch ohne Globalisierung und Migration, und vorher schon. Die erst hat das Volk nämlich anfällig gemacht für die Märchen der Globalisierer. Das war die Voraussetzung. Die westlichen Gesellschaften der Gegenwart haben nämlich, zeitlich vor dem sozialen Kitt, den geistigen verloren, der sie über Jahrhunderte kulturell zusammengehalten hat. Dazu zählte die kollektive Überzeugung, daß es zu Allem eine objektive Wahrheit gibt, die möglichst genau erkannt werden muß. „Befreit“ von Allem als Einzelne, sind westliche Gesellschaften heute Erscheinungen der „machtlosen Vereinzelung in der Emanzipation“, Völker, die als Kollektive machtlos sind, weil sie ihre Befähigung zur Einigkeit verloren haben. Sie sind zu plappernden, meinungsstarken Millionen von individuell Berechtigten herabgesunken, in denen Jeder Ansprüche gegen jeden Anderen zu haben glaubt. Es gibt die eine Realität aber – und es kommt nicht darauf an, wie sie Einem vorkommt, sondern darauf, wie sie ist. Mit je individuellen und subjektivistischen Interpretationen von Realität kommt kein Volk irgendwohin. Das wiederum ist eine Kröte, die vermutlich auch Christophe Guilluy nicht schlucken will. Insofern …

 

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