Die hohe Schule des Mainstreamjournalismus: Wie man den peinlichen Auftritt von Zweien in einen glänzenden Sieg umdeutet

Lothar W. Pawliczak

Foto: Screenshot/Youtube

Ich habe eine Nachlese zur Podiumsdiskussion „Medien und Meinung“ unternommen:

Ein „Heimspiel für die AfD“ war die Podiumsdiskussion in jedem Fall. Ein Schelm, der anderes erwartet hatte, schließlich war es eine AfD-Veranstaltung. Recht sachlich faßte mdr zusammen: „Grundsätzlich offenbarten sich in der Diskussion mehrere Themen, die das Verhältnis von AfD und Öffentlich-Rechtlichen nachhaltig belasten. So haben die Anhänger der Partei das Gefühl, als, aus ihrer Sicht, konservativer Teil der Bevölkerung mit ihren Anliegen und Positionen deutlich zu wenig in den Medien abgebildet zu werden. Gleichzeitig würden Journalisten in ihrer Arbeit viel zu oft Nachrichten und Meinungen vermischen; dies sei insbesondere beim beitragsfinanzierten Rundfunk nicht akzeptabel. Hier wurde der größte Dissens deutlich: Als Gniffke und Frey mehrfach betonten, ihre Kollegen würden handwerklich sauber und nach journalistischen Standards arbeiten und eigene politische Positionen nicht in die Beiträge einfließen lassen, reagierte das Publikum mit höhnischem Gelächter.“ Auf der mdr-Internetseite gibt es sogar Video-Interviews mir Peter Frey, Reinhard Günzel und Nicolaus Fest. Auch der Text, den die neue Osnabrücker Zeitung von dpa übernahm, ist noch ein recht sachlicher Bericht: „Der Beginn eines Dialogs zwischen AfD und Öffentlich-Rechtlichen

Die FAZ konnte es wohl kaum fassen und mußte sich erstmal fangen: „Das hat es in Deutschland bislang nicht gegeben: Die Chefredakteure von ARD und ZDF stellen sich in Dresden einer Diskussion mit der AfD.“ Am Vormittag des 26.10. war dieser Text noch frei im Internet zu lesen, wurde dann aber später mit über 200 Kommentaren hinter einer Bezahlschranke verborgen. Anscheinend traut die FAZ es nur Internet-Bezahlern zu, die kritische Argumente gegen das Öffentlich-Rechtliche zu ertragen.

Der Focus unterließ es gleich ganz, zu berichten, was an diesem Abend Gegenstand war, und schwang anstelle dessen eifrig die Rechtsextremismus-Keule. So kann man auch die eigentlichen Probleme, um die es geht, verschweigen.

Die taz ärgerte sich, daß es „bei einer so viel beachteten Mediendiskussion [gelang] eine zivilisierte Form zu wahren […] und von der AfD als Erfolg gefeiert wurde.“ Die WeLT stellte dagegen fest, die Reaktionen der beiden öffentlich-rechtlichen Medienmächtigen „wirkt auf die Zuschauer wie eine Bestätigung ihrer schlimmsten Befürchtungen und Vorurteile.“

Herr Frey konnte es nicht unterlassen, nachzutreten: „Aber wir haben uns nicht gekloppt, insofern war es ein Anfang“. Das wurde u.a. von der Freien Presse, der Sächsischen Zeitung (Deren Chefredakteur Uwe Vetterick, hatte sich geweigert hatte, zur Veranstaltung zu kommen oder einen seiner Journalisten zu schicken.), auch von der Zeit dankbar so titelnd aufgegriffen: So geht halt Mainstreamjournalismus. Wenn „die Guten“ „immer mehr […] in die Defensive [geraten]“, wie man immerhin eingestehen mußte, muß man das wenigstens im Nachhinein uminterpretieren und suggerieren, die obsiegenden „Bösen“ seien ja eigentlich brutale Schläger. Mehr noch, es waren Hungrige (Menschenfresser ?), mit denen die beiden Chefjournalisten ihrer Meinung nach da zusammengetroffen waren, Barbaren, die zu keinerlei Diskussion fähig sind. DeutschlandfunkKultur berichtete dann auch auf seiner Internetseite so, als hätten die beiden Fernsehchefs allein die Diskussion beherrscht. Nunja, letzteres ist nicht i.e.S. Presse, aber lügenhaft wohl schon.

ARD-aktuell-Chefredakteur Peter Gniffke sah sich anscheinend veranlaßt, sich noch einmal nachträglich für seine Teilnahme an der Veranstaltung zu rechtfertigen. Er habe „wahrgenommen, dass die Menschen von uns unabhängigen, unvoreingenommen und unparteiischen Journalismus erwarten.“ Es ist schon erstaunlich, daß es zur Wahrnehmung solcher Erwartungen einer besonderen Veranstaltung bedarf, wo doch Unvoreingenommenheit und Unparteilichkeit zu den Grundsätzen jedes Journalismus gehören sollte und es auch so in den Rundfunkstaatsverträgen steht. ZDF-Oberjournalist Peter Frey rechtfertigte sich nachträglich dezidiert political correct: „Warum habe ich mich als Chefredakteur des ZDF entschlossen, der Einladung zu folgen? 1. Weil eine Absage ebenso zur Propaganda hätte genutzt werden können“ usw. Und er jammert: „Die Reaktionen, Ablehnung, gelegentlich Häme, die uns entgegenschlug, bleiben mir als Haupterfahrung von diesem Abend zurück.“ Sein Urteil über das Publikum, trifft auf ihn selbst zu: „Das alles deutet auf eine tief verankerte Enttäuschung, auf verweigerte Kommunikation, auf verweigerte Wertschätzung – und ein mittlerweile fest abgeschlossenes, in sich gekehrtes und zwischen Weinerlichkeit und Selbstherrlichkeit schwankendes Weltbild. […] Irgendwann muss es einen Zeitpunkt gegeben haben, wo […] die Arroganz der Macht“ (l.c.) bei ihm alles dominiert.

Was ist von Boxern zu halten, die im Kampf schwere Schläge einstecken mußten und vom Publikum ausgepfiffen wurden, und einige Tage danach lauthals verkünden, wie toll sie gekämpft haben, warum sie überhaupt zum Kampf angetreten sind und daß sie von den Zuschauern, dessen Sympathie bekannterweise schon vor dem Kampf auf Seiten ihrer Gegner war, unfair behandelt worden sind?

Was lehrt uns das? Nun, wie man peinliche öffentliche Auftritte in grandiose Siege umdeutet, sollten wir nicht lernen wollen.

Wichtig ist: Einladungen von kritischen Bürgern bringen die Mainstreamjournalisten in erhebliche Schwierigkeiten. Die Einladung ablehnen, ließe sie schlecht dastehen. Da sie keine wirklichen Argumente gegen die Kritik an der etablierten Medienlandschaft haben, kommen sie ebenso in Schwierigkeiten, wenn sie sich der Diskussion stellen. Daß sie dann im Nachhinein umdeuten: geschenkt! Das ist bekanntlich ihr Ideologen-Job. Wir gewinnen aber vielleicht neue Erkenntnisse. Und: Steter Tropfen höhlt den Stein!

„Lügenpresse“ rufen bringt nichts. Der Appell „Hört endlich zu!“ hat bislang auch nicht wirklich etwas gebracht. Die öffentlich-rechtlichen Talkshows lassen grundlegende Kritik an der Politik kaum zu. Die Mainstreammedien berichten über Bürgerproteste meistens verfälschend. Die Bürger, mit denen der Bundespräsident oder die Bundeskanzlerin reden, werden handverlesen, ja sogar mit „Workshops“ instruiert. Die Parteien – und ich nehme da ausdrücklich keine aus – reden im Wesentlichen nur mit sich selbst. Es müssen wohl die Bürger die Journalisten und Politiker zu von den Bürgern selbst organisierten Veranstaltungen einladen und sie auf diese Weise zu veranlassen, sich der offenen Diskussion zu stellen.

Das Internet hat bereits zu einem Strukturwandel der öffentlichen Meinungsbildung geführt. Im wirklichen Leben können nur die Bürger selbst einen respektvollen Dialog auf gleicher Augenhöhe organisieren. Die öffentliche Meinungsbildung ist wichtig genug, um sie nicht allein den Journalisten und Politikern zu überlassen!

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