NDR: Der Endkampf um die Wortwahl hat begonnen

Max Erdinger

(Foto: Durch Bucyfon/Shutterstock
Der Endkampf um die Wortwahl (Foto: Durch Bucyfon/Shutterstock)

Boah! Die AfD hat das Wort „Endkampf“ benutzt! Hyperventilation allerorten. Nicht um eine gut kalkulierte Wortwahl habe es sich dabei gehandelt, sondern um ein „Bekenntnis“, behauptet gar Sebastian Lechner (37) von der CDU. Wie kann man aber auch „Endkampf“ sagen? Das war doch wohl vorher klar, daß „Endkampf“ niemals zur Endlösung der Debatte führen darf. Nicht bei dieser deutschen Geschichte. Die gebietet es allen Anständigen nämlich, in großer Einstimmigkeit Flagge zu zeigen, allerorten mit einer Stimme zu sprechen und auf diese Weise  ein überwältigendes Zeichen der neudeutschen Menschlichkeit zu setzen.

Wie hieß es doch so schön bei Radio Bremen? – So hieß es: „Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verliert der Rundfunk nach und nach seine Vielstimmigkeit. Erst kommt die Verstaatlichung, dann die Gleichschaltung und schließlich wird es zum Macht-Medium.

Noch Fragen? – Keine? Gut, dann lesen wir weiter.

Die AfD im Niedersächsischen Landtag hat mit einem Antrag für Empörung und Entsetzen bei den anderen Fraktionen gesorgt. Hintergrund ist das Thema einer „Aktuellen Stunde“, mit dem sich die Fraktion an die Landtagsverwaltung gewandt hat. Diskutiert werden soll zu der Frage: „Chemnitz – Endkampf um die Demokratie?

Endbums, Endchaos, Enddarm, – ah, „Endkampf“. Was ist jetzt wieder ein Endkampf? Mal kurz nachgesehen bei Jemandem, der es wissen sollte: „Endkampf“ ist sowohl ein Synonym für „den letzten, entscheidenden Kampf im Sport und beim Militär„, als auch für die Agonie, den dramaturgischen Showdown und das Harmagedon in der Eschatologie. Was ist nun aus dieser Information zu schlußfolgern?

Das hier: – Alle möglichen Politiker in den Altparteien sind nervöse Zappelphillippe und zappelnde PhillippinInnen, die bereits dann schon kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehen, wenn jemand, dramaturgisch geschickt, die Assoziation an das weltberühmte Ende im klassischen Westernfilm in ihnen hervorruft. John Wayne, Clint Eastwood und Charles Bronson sind meine Zeugen.

Man sollte vielleicht einen Eimer Beruhigungspillen verteilen an die in tiefer Betroffenheit Entsetzten und zugleich ganz arg Empörten. Warum in aller Welt wollen sie bei „Endkampf“ partout an die militärische Bedeutung des Begriffs denken – und nicht an die sportliche, beispielsweise? Weil es im Sport fair zugehen soll, vielleicht? Und weil das womöglich das Letzte sein könnte, was ihnen bei „Endkampf“ einfiele? Was sind das eigentlich für schmusige Fairnessneurosenzappler, diese Schnappatmer?

Es ist schon ziemlich gaga, selbst mit der Arroganz der Macht im Rücken, sich aus der Vielzahl an möglichen Bedeutungen für einen Begriff diejenige herauszupicken, die einem am besten gefällt, um dem politischen Gegner dann die eigene Interpretation des Begriffs als dessen Begriffswahl um die Ohren zu schlagen. Eine rotzfreche Unverschämtheit ist es obendrein. Wenn das in unserem Land von der Masse nicht mehr erkannt werden kann, dann ist es nicht fünf vor-, sondern bereits fünf nach Zwölf.

Nur 14 Tage nach den rassistischen Übergriffen in der sächsischen Stadt sieht sich die AfD offenbar veranlasst, nach einem Ende der freiheitlichen Grundordnung zu fragen. Bei den Parlamentskollegen von SPD, CDU, FDP und Grünen lösen Wortwahl und Fragestellung Zorn und Zweifel an der demokratischen Gesinnung der AfD aus: „Ein solcher Antrag ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten“, sagt der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Ulrich Watermann, auf Nachfrage von NDR Info.

Früher hat Fragen nichts gekostet. Fragen kann man ja mal, hieß es. Aber warum flippen die Zappler gleich dermaßen aus, wenn man ihnen, völlig unaufgeregt in wohlgesetzten Worten, eine sachliche Frage stellt? Weil sie sich persönlich angegriffen fühlen. Das trifft sie ins Mark. Das wäre das Letzte, was sie sich ankreiden lassen würden.  Daß ausgerechnet sie diejenigen sein sollen, die Humanisten, die Menschheitsbeglücker, welche die freiheitlich demokratische Grundordnung auf dem Gewissen haben wegen ihres relativistischen Gegackers, – das kommt nicht in die hochdemokratische Tüte. Nur über ihre Leichen. Endkampfmässig, sozusagen.

Was auch sonst? Soll ihnen schlecht werden für den Rest ihres Lebens, wenn sie sich selbst reden hören? Das kann niemand von ihnen verlangen. Es ist nicht so, als könnte man die Empörten und die Entsetzten aus den Altparteien nicht verstehen. Ich verstehe sie schon. Aber es ändert ja nichts: Übelkeit kommt von Übel.

Nächster Trick also: Öffentlich zweifeln am Anderen. Das funktioniert nach dem Prinzip „Haltet den Dieb!“. Der Zweifler ist zunächst nie der Bezweifelte. Es gilt: Zu Vorsprung und Debattensicherheit verhilft der Zweifel jederzeit. Ergo: Alle Hilfe dem Zweiflenden, auf daß er das Licht sehe! Erkläre man ihm höflichst die Vielfalt der möglichen Bedeutungen von „Endkampf“. La-la-la …

“ … der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Ulrich Watermann, auf Nachfrage von NDR Info. „Wer selbst in Chemnitz mitmarschiert und dann im Landtag einen solchen Antrag stellt, verhält sich skandalös.“ In Chemnitz waren maßgebende Vertreter der AfD Seite an Seite mit der rassistischen Pegida- Bewegung auf die Straße gegangen – trotz innerparteilicher Unvereinbarkeitsbeschlüsse.

Diese innerparteiliche Unvereinbarkeit aber auch. Es ist ein Kreuz mit ihr. Wie will sich die arme AfD da noch aus der Bredouille herausreden?

Es bleibt nicht lange spannend bis zur Lösung dieser kniffligen Frage: Die AfD überreicht dem SPD-Fraktionsulrich die große Lupe und verweist ihn auf seinen Parteigenossen, den Bundesaußenminister Heiko Maas.  Alsdann kommentiert sie dessen gründliche Inspizierung mit seinen eigenen Zitaten. Eines davon, sinngemäß: „Ich kann auch nicht wissen, wer alles hierher kommt.“

Begriff („Endkampf“, Anm.d.Verf.) weckt Assoziationen zum Nationalsozialismus„, heißt es beim NDR.

Das ist logisch, weil er sie genau dort schließlich auch weckt. Und zwar nur die und keine anderen. Der norddeutsche Wecker ist nämlich auf „Endkampf“ eingestellt. Die Alarmiermaschine kennt aber auch andere Uhrzeiten. „Volk“ und „Vaterland“ sind solche. „Heimat“ auch. Das sind solide Wecker, die sogar bei „Blitzkrieg“ anschlagen. Das wäre übrigens auch eine nette Frage gewesen, zu stellen durch die AfD im Niedersächsischen Landtag. Statt: „Chemnitz – Endkampf um die Demokratie?“ hätte man „Chemnitz – Blitzkrieg gegen die Demokratie?“ nehmen können. Da wären sie endgültig in den Baumkronen gesessen, die Altparteiler, und hätten gezetert wie ausgeschmierte Schimpansen. Für „Blitzkrieg“ gibt es auch nicht so viele unterschiedliche Bedeutungen.

Der Zoobesucher hätte sicherlich seine Freude gehabt an einer solchen Momentaufnahme aus dem politischen Affengehege.

 

 

 

 

 

 

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