Unerwünscht: Familie von Daniel H. will kein Beileid von Ministerpräsident und Bürgermeisterin

Abfuhr: Oberbürgermeisterin Ludwig und Ministerpräsident Kretschmer sind bei der Opfer-Familie nicht willkommen. Collage: Jouwatch

Es ist ein überdeutliches Signal gegen die Politik und von Zivilcourage: Die Familie von Daniel H. ließ Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Chemnitz‘ Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) abblitzen. Das gab Kretschmer gestern auf einer kleinen Kundgebung in der sächsischen Stadt vor Anhängern zu. Offenbar wollten die beiden Politiker jetzt medienwirksame Bilder mit den Angehörigen des von „Flüchtlingen“ umgebrachten Chemnitzers produzieren. Da spielte die Familie nicht mehr mit.

Nachdem Kretschmer und Ludwig mehr als eine Woche auf die Trauernden in Chemnitz verbal eingeprügelt hatten, wollten sie sich nun ausgerechnet mit der Familie zeigen. Doch die hat von so viel Heuchelei offenbar genug. Auf einer Veranstaltung auf dem Chemnitzer Neumarkt machte Kretschmer gestern dieses Eingeständnis. Es ist wohl das erste Mal, dass eine Familie den Besuch zweier Spitzenpolitiker brüsk ablehnt. Aber dafür gibt es sehr gute Gründe.

Von seiner Veranstaltung behauptete Kretschmer selbstverliebt, dass diese dem am nächsten komme, „was die Angehörigen von Daniel H., sich als angemessen vorstellen können“, so die Chemnitzer Tageszeitung Freie Presse.

Und dann sagte er laut dem Blatt: „Einen Kondolenzbesuch von ihm und Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig hätten sie abgelehnt, berichtet Kretschmer in einer kurzen Ansprache“. Die Zeitung weiter: „Aus Sorge offenbar, auch ein solcher Besuch könne als eine Instrumentalisierung betrachtet werden, die nicht im Sinne ihres verstorbenen Angehörigen sei.“

Richtiger ist wahrscheinlich, dass die Familie offenbar nicht als Werbeplattform für Politiker herhalten wollte, die neun Tage lang ihr wahres Gesicht gezeigt haben. Auch Kretschmer und Ludwig müssen inzwischen realisiert haben, wie sehr sie sich mit ihren Äußerungen über die eigenen Bürger ins Abseits manövriert haben. Nun sollte plötzliche Anteilnahme das Desaster kitten. Keiner von beiden hatte sich an der mit Blumen geschmückten Gedenkstätte am Tatort blicken lassen.

Ludwig hatte wahrheitswidrig behauptet, das Stadtfest sei wegen der Gefahr, die von den trauernden Menschen ausging, abgebrochen worden. Tatsächlich beendeten die Veranstalter das Fest aus Pietät vor dem Toten und den beiden Schwerverletzten. Außerdem sagte die Oberbürgermeisterin: „Wenn ich sehe, was sich in den Stunden am Sonntag hier entwickelt hat, dann bin ich entsetzt.“

Und über die Trauernden hatte sie gesagt: „Dass es möglich ist, dass sich Leute verabreden, ansammeln und damit ein Stadtfest zum Abbruch bringen, durch die Stadt rennen und Menschen bedrohen – das ist schlimm.“

Wenn Kretschmer vor seinen Parteimitgliedern nun ankündigt, „den Ruf der Stadt wiederherzustellen“, dann kann er eigentlich nur meinen, dass er das reparieren möchte, was er und Ludwig sowie all die anderen Politiker von Linkspartei bis CDU zerstört haben. (WS)

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