Psychoanalytiker Maaz über Merkel: „Hetze von oben“ und „DDR Nummer zwei“

Maaz bescheinigt Merkel eine "fast rassistische Aussage". Fotos: Screenshot Youtube

Angela Merkel hätte nach Chemnitz kommen und den Angehörigen kondolieren müssen, fordert Deutschlands bekanntester Psychoanalytiker, Hans-Joachim Maaz. Stattdessen spreche die Regierung von „Zusammenrottungen“ und „Hetzjagden“. Damit schüre sie das Problem. „Man darf Pegida oder auch die große Zahl der AfD-Wähler auf keinen Fall als Rechtsextreme einordnen.“ Die besonnenen Worte des 75-Jährigen dürften ungehört verhallen – Merkel hat die Bundespolizei nach Sachsen beordern lassen.

Auf die Frage der Welt, warum „der Rechtsextremismus in Chemnitz gerade wieder so stark“ sei, antwortet Maaz: „Ich bin mir nicht sicher, ob es stimmt, dass wir ein so besonderes rechtsextremes Problem haben. Wir haben ein Protestproblem in Sachsen.“ Die völlig falsche Einschätzung von Medien und Politik über das, was gerade in Chemnitz passiert, macht der Psychoanalytiker an einem Beispiel deutlich: „Am Sonntag sollen 800 Demonstranten in Chemnitz gewesen sein, die Polizei hat gesagt, dass 50 davon gewaltbereit waren. Daraus aber zu machen, da würden die Rechten aufmarschieren – das halte ich für einen großen Fehler.“ Man solle dies vielmehr „als Protest begreifen“, der natürlich auch politische Orientierung habe.

Und dann kommt Maaz zur Psychoanalyse der Politik: „Ich würde die Reaktion der Chemnitzer Oberbürgermeisterin und vor allen Dingen unserer Regierung beanstanden.“ Als Fehler bezeichnete er es, „wenn Herr Seibert als Sprecher der Kanzlerin davon spricht, dass es ‚Zusammenrottungen‘ und ‚Hetzjagden‘ gab und ‚Hass auf die Straße‘ getragen wurde. Wenn er das in den Mittelpunkt stellt – dann schürt er das Problem.“

Dabei wäre, so Maaz, die Reaktion Merkels ganz einfach gewesen: „Das Erste wäre gewesen, dass die Kanzlerin an das Mikrofon geht und sagt, dass es furchtbar ist, dass in Chemnitz so ein Verbrechen passiert ist. Sie müsste nach Chemnitz kommen, um der Familie des Opfers zu kondolieren. Das wäre ein Akt gewesen.“ Stattdessen habe ihr Sprecher „genau das Gegenteil getan, von dem ich glaube, was gut ist“. Damit wiederhole sich etwas, das Merkel bereits vor ein paar Jahren bei ihrer Neujahrsansprache mit Blick auf Pegida getan habe. Sie habe damals „davon gesprochen, dass da Menschen sind, die ‚Kälte‘ und ‚Hass im Herzen‘ tragen und dass sie warnt, da hinzugehen – das empfinde ich wie eine Hetze von oben“.

Maaz: Es würden „Menschen diskriminiert, die erst einmal nichts anderes machen, als zu demonstrieren. Was sie damals gemacht hat – wie übrigens auch andere – das ist ja eine diskriminierende, ja fast eine rassistische Aussage.“ Allen Diffamierungen zum Trotz sei seine Sicht auf Sachsen „sehr positiv“. Maaz: „Der Sachse ist für mich ein Offener, Unverstellter, ein helles Köpfchen. Und der Sachse ist mutig, wenn es um offene Kritik geht.“ Das sei eine Folge der DDR-Verhältnisse: „Dieses Misstrauen und diese Vorsicht gegenüber dem, was Obrigkeit verbreitet, hat sich gehalten und ist verstärkt worden.“

Die Sachsen seien einfach nur mutiger als die übrigen Deutschen. Maaz: „Hinzu kommt die Unzufriedenheit: mit der Vereinigungspolitik, mit der Vorherrschaft des Westens, mit den Enttäuschungen nach der Wende. Und Fragen wie die Euro- oder Migrationspolitik.“ Viele kämen zur Erkenntnis: „Da läuft eine Menge schief in Deutschland. Dann wird aber über Proteste wie Pegida sofort die Nase gerümpft und gesagt, ‚das sind die Doofen, die Dummen, die Zurückgebliebenen‘.“ Die seien auch dabei, „aber die Mehrheit ist anders“.

Und dann setzt der Psychoanalytiker zur Journalisten-Kritik an: „Von den Medien würde ich erwarten, dass sie nicht den Fehler machen und ein rechtsextremes Problem in den Fokus stellen. Genau das passiert aber. Im Moment verstärken die meisten Medien das Problem in unserer Gesellschaft“. Die mediale Berichterstattung über Chemnitz bringe der AfD in Sachsen „ein bis zwei Prozentpunkte“. Auch Journalisten müssten „die Proteste der Bevölkerung endlich ernst nehmen. Wir müssen mit denen reden, aber das heißt nicht so lange mit ihnen reden, bis sie der eigenen Meinung sind. Der Protest muss inhaltlich analysiert werden. Und – darf man das sagen, ohne diskriminiert zu werden? – man muss natürlich auch mit der AfD reden.“

Maaz prangert auch die „öffentliche Zensur in Deutschland“ an: „Ich hätte es mir nicht mehr vorstellen können, dass unter demokratischen Verhältnissen bestimmte Gruppen, die politisch nicht korrekt sind, ausgegrenzt werden.“ Aber genau das passiere. „Diese Diktatur von Political Correctness macht mir Angst, weil ich das aus DDR-Zeiten kenne. Ich habe mich damals gesehnt nach Demokratie. Dass man zuhört, wenn jemand eine andere Meinung hat. Die kann man ja auch blöd finden, aber wenn man zuhört, ist man daran zu verstehen, warum dieser Mensch so denkt. Das habe ich mir unter demokratischen Verhältnissen vorgestellt und das hat es auch gegeben. Aber das wurde in den letzten Jahren immer schlechter, DDR Nummer zwei kann man fast sagen.“ (WS)

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