SPIEGEL: Bruder Jakob, schläfst du noch?

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Jakob der Irre (Foto: Collage)

Der „Lieblingskolumnist“ der „Qualitätsmedien“ ist und bleibt Jakob Augstein. Der Mann, der das Glück hat, Erbmillionär zu sein, malträtiert in regelmäßigen Abständen den gesunden Menschenverstand. Im neuesten Erguss arbeitet er sich, wie konnte es anders sein, an Sachsen ab.

 Von Nils Kröger

(…) Wo sind wir? Ein Mann ist getötet worden. Noch ist nichts Genaues über Umstände oder Täter bekannt. Aber das Gerücht explodiert: Es war ein Ausländer. Der Mob sammelt sich. Hunderte in kurzer Zeit. Sie ziehen durch die Stadt. Beobachter sprechen von einer Jagd auf „Ausländer“. Ein Stadtfest wird vorzeitig abgebrochen. Die Polizei scheint überfordert. Wo sind wir? In Chemnitz. In Sachsen. Natürlich. Immer wieder Sachsen. (…)

 Beim SPIEGEL muss es eine Art Filter für Nachrichten geben. Alles, wirklich Alles, was mit der Realität zu tun hat, darf nicht in die Redaktionsräume gelangen und so bauen sich Herr Augstein & Co. aus eigener Meinung bzw. Meldungen der „Tagesschau“ ihre Sicht der Dinge zusammen. Deshalb sei Herrn Augstein gesagt, dass die Umstände der Tat (Hilfeleistung für belästigte Frauen und erfolgte „Reaktion“) ziemlich abgesichert sind und dass zwei Asylbewerber (Syrer und Iraker) festgenommen und gegen diese Haftbefehl erlassen wurde. Kleine Rechtskunde: Dies erfolgt durch einen Richter und ordnet der die Haft an, besteht dringender Tatverdacht. Also kann Jeder mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die beiden Festgenommenen diese Tat verübten. Welche Beobachter sprechen denn von einer „Jagd“? Genauso viele Beobachter behaupten das Gegenteil. So Etwas nenne ich Gerücht. Außerdem erfolgte der vorzeitige Abbruch des Fests aus „Pietätsgründen“ für die Opfer.

Im Anschluss vergleicht Herr Augstein Sachsen mit dem Internet. Er spielt dabei auf den (virtuellen) angeblichen „Hass“ und die „Hetze“, die sich jeden Tag im Netz verbreiteten, an, dass diese nun in der Realität in Sachsen ausgelebt würden und verweist auf eine ganz bestimmte Klientel, die hervorragend ins SPIEGEL-Schema passt (dicke, stiernackige Glatzen). Dass sich dort auch tausende normale Bürger befanden, unterschlägt Herr Augstein lieber. Zwischendurch reißt der Erbmillionär noch einen „guten“ Witz.

 (…) Das Netz bietet diesen Menschen die rechten Dunkelkammern, in denen sie sich nach Taten, wie der von Chemnitz, über die Nichtberichterstattung der Tagesschau beschweren. Die Zeit, die verantwortungsvoller Journalismus braucht, wollen diese Leute ihm natürlich nicht einräumen. (…)

 Der Mann hat Humor. Dass der „verantwortungsvolle Journalismus“ sich komplett auf den „rechten Mob“ stürzt und überhaupt nicht auf die Tat, die Täter bzw. die Opfer eingeht, spricht eigentlich für sich. Wie viel Zeit benötigten die Herren Journalisten denn (etwa die „Kölner Silvesternacht 2015-Zeit“)? Dann spricht er von „parallelen Netzgesellschaften“ und „Missverständnissen,“ was so viel heißen soll, dass beide Seiten denken, Redaktionsleute (!) und der „rechte Mob“ (???), sind nicht mehr zu erreichen. Herr Augstein, echt jetzt? Diese Aussage suggeriert, dass beide Seiten sich auf Augenhöhe befänden. Das ist aber nicht der Fall. Der deutsche Journalismus will die Leute erziehen und ignoriert die Realität bzw. die Fakten. Die Leute wollen aber nicht belogen oder erzogen werden. Daran ist schon die DDR gescheitert. Selbst die stetig sinkenden Auflagen bewegen die „Qualitätsmedien“ nicht zur Abkehr und das ist das eigentliche Hauptproblem. Anstatt endlich die rosarote Brille abzunehmen und zumindest wertneutral zu berichten, dreschen Leute wie Herr Augstein auf „das Internet“ (???) und so genannte „Hetzer“ ein. Einzig und allein aus dem Grund, weil ihr Meinungsmonopol durchbrochen wurde und das Totschweigen von Missständen nicht mehr möglich ist. Die 68er-Party geht dem Ende entgegen. Weiterhin lässt Herr Augstein den Leser an seinem Demokratieverständnis teilhaben.

(…) Wenn in Sachsen im kommenden Jahr gewählt wird und bis dahin kein Elbsandsteinwunder geschieht, dann werden ganz sonderbare, noch nie dagewesene Koalitionen notwendig sein, um die AfD von der Regierung fernzuhalten. Aber warum soll man die AfD fernhalten? Ist doch alles Demokratie, oder? Ja, so kann man das sehen. Dann wird eben in Sachsen – im kleinen Maßstab – vollzogen, was in Teilen Osteuropas bereits erfolgt ist: die Auflösung der Demokratie mit ihren eigenen Mitteln.

 Genau so denken mittlerweile bereits Teile der CDU (die SPD und die Grünen legen sich ja bereits mit der SED-Nachfolgepartei ins Bett). Zwar hat die Kanzlerin zu diesen Gedankenspielen nicht ihr Einverständnis gegeben, aber bei der „Prinzipientreue“ bedeutet das gar nichts. Des Weiteren sei die Frage, ist das noch Demokratie, wenn sich alle Parteien (bis auf eine) im Grunde nur noch vom Namen her unterscheiden und mit Jedem koalieren, gestattet. In der DDR gab es ja auch „unterschiedliche“ Parteien, die aber zur „Nationalen Front“ zusammengeschlossen waren. Auf wen mag Herr Augstein in Osteuropa bloß anspielen? Die Antwort liefert er selbst.

 Sachsen ist tatsächlich das deutsche Ungarn. Ein Osten, der von der liberalen Demokratie des Westens Nichts wissen will. Vom Westen will man dort nur das Geld – nicht die Werte.

Natürlich Ungarn mit seinem „Diktator“ Orban. Der lediglich seinen europäischen Verpflichtungen nachkommt, indem er die Außengrenze schützt. Herr Augstein, was ist denn eine „liberale“ Demokratie? Wie zeichnet sie sich denn aus? Eine Definition wäre nicht schlecht. Außerdem, was sind denn westliche Werte? Gehören Selbstaufgabe, Selbstverachtung, Untätigkeit, Prinzipienlosigkeit, Widerspruchslosigkeit, Wehrlosigkeit etc. dazu? Hätten die Osteuropäer vor über zehn Jahren in die Glaskugel schauen können, hätten die ihre eigene Union aufgemacht. Nach über 40 Jahren „sozialistischem Paradies“ möchten diese Völker endlich selber bestimmen. Dieses Recht hat jeder Nationalstaat auf der Welt. Nur durch Geld schafft keiner Werte. Die Osteuropäer sehen doch, was hier passiert. Aber die EU hat Ungarn & Co. bereits mit „westlichen Werten“ gedroht, sollten sie weiterhin so starrköpfig sein. Zum Schluss verweist Herr Augstein noch auf seine letzte Aussage auf Twitter zu Sachsen („rechtsautonome Republik“) und meint, es wäre nur ein bitterer Scherz gewesen. Punktuell gäbe es noch Hoffnung für Sachsen z.B. Dresden habe eine wunderbare bürgerliche Kultur der Hilfe, der Tradition und der Aufklärung. Der Rest von Sachsen hat das wohl nicht und er schließt mit dem vielsagenden Satz:

Nein, es ist nicht ganz Sachsen verloren. Aber Demokrat in Sachsen – das ist ein einsamer Posten.

Gute Nacht, SPIEGEL.

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