Staat & Organspende: Ob wir wohl Ihre Leber haben könnten?

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Organentnahme mit den Monty Pythons (Foto: Screenshot Youtube)

„The Meaning Of Life“ (Der Sinn des Lebens) ist ein filmisches Meisterwerk der weltberühmten Monty Pythons. In diesem Film geht es an einer Stelle um die Leber eines Organspenders, der noch lebt. Sein Organspenderausweis besagt, daß er seine Leber bis zu einem bestimmten Tag selbst behalten darf und daß sie mit Ablauf dieses Tages in den Besitz der staatlichen Organspendeorganisation übergeht. Die klingelt auch prompt an seiner Haustür, versichert, daß alles nach Recht und Gesetz zugeht – und entnimmt ihm seine Leber im Wohnzimmer. Auf seine ängstliche Frage, wie er denn ohne seine Leber weiterleben solle, antworten sie, daß er sich keine Sorgen machen soll. Noch keiner, dem sie die Leber entnommen haben, hätte das überlebt. Über die Organspenderei.

Von Max Erdinger

Es gibt in Deutschland mehr Patienten, die auf ein Spenderorgan warten, als es Spenderorgane gibt. Die Volksvertreter denken deshalb angestrengt darüber nach, wie sie die Situation der sehnsuchtsvoll Wartenden verbessern könnten. Dabei sind sie darauf gekommen, daß das, was bei der Justiz schon gang und gäbe ist, nämlich die Umkehr der Beweislast, auch beim Organspenden funktionieren könnte. Wenn man jemanden, dem nicht nachgewiesen werden kann, daß er eine Straftat begangen hat, dafür verknacken kann, daß er den Nachweis nicht erbringen kann, die Straftat nicht begangen zu haben, so das Kalkül der volksvertreterlich Besorgten, dann könte man doch jedem auch die Organe entnehmen, der dem zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Die bisherige Regelung, daß jemand einen Organspenderausweis braucht, um nach seinem Tode als Ersatzteillager genutzt werden zu dürfen, soll umgekehrt werden. Wer nicht als Ersatzteilager herhalten will, der soll künftig allezeit einen Spendenverweigerungsausweis mit sich tragen.

Die dts-Nachrichtenagentur meldet: Berlin  – Aus der Union kommt ein Vorstoß für eine grundlegende Neuausrichtung der Organspende-Praxis in Deutschland. Georg Nüßlein (CSU), stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion, hat dazu ein Positionspapier erarbeitet, schreiben die Zeitungen des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“ (Freitag). Abweichend von der bisherigen Praxis, wonach Organentnahmen nur bei ausdrücklicher Zustimmung möglich sind, soll demnach grundsätzlich jeder ein potenzieller Spender sein – außer bei Widerspruch.
Konkret fordert Nüßlein „eine doppelte Widerspruchslösung, wonach sowohl der Verstorbene zu Lebzeiten wie auch dessen Angehörige einer Organentnahme widersprechen können“. Der Rückgang der gespendeten Organe um 9,5 Prozent im vergangenen Jahr sei „mit Sorge zu betrachten“, schreibt Nüßlein. „Die Politik ist – auch mit Blick auf unsere christliche Verantwortung für den Schutz und Erhalt des Lebens – dazu aufgerufen, hier Lösungen zu finden.“

Der Vorstoß setzt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unter Zugzwang. Er hatte für den Herbst eine Gesetzesinitiative zur Organspende angekündigt. CSU-Politiker Nüßlein schreibt in seinem Papier, es müsse auch dafür gesorgt werden, „dass die vorhandenen gesetzlichen Möglichkeiten und die Prozesse bei der Organspende umgesetzt und verbessert werden“.

So müssten die Transplantationsbeauftragten in Krankenhäusern „ab einer gewissen Größe“ von Routineaufgaben freigestellt werden. Die Kliniken sollten zudem höhere Vergütungen für Organentnahmen erhalten – ebenso wie Ärzte für die Identifikation potenzieller Spender. Zudem spricht sich Nüßlein für mobile Expertenteams zur Feststellung des Hirntods aus.

Hintergrund ist eine Vorschrift, wonach vor einer Organentnahme zweimal innerhalb von wenigstens zwölf Stunden der irreversible Hirntod des Patienten von zwei verschiedenen Ärzten festgestellt werden müsse, darunter mindestens einem Facharzt für Neurologie und Neurochirurgie. Kleinere Kliniken hätten diese Expertise nicht, so Nüßlein. Der CSU-Politiker fordert darüber hinaus eine neue Kampagne, um die Bevölkerung zu Fragen der Organspende zu informieren. Problematisch sei auch, dass Ärzte in Krankenhäusern in Notfallsituationen oft nicht wüssten, ob sie es mit einem potenziellen Organspender zu hätten. „Ein zentrales Register, das alle Personen aufführt, die bereit sind, Organe zu spenden, könnte hier Abhilfe schaffen“, so Nüßlein. Auch ein entsprechender Vermerk auf dem Personalausweis sei denkbar.

Georg Nüßlein von der CSU macht sich also wegen des Rückgangs von 9,5 Prozent bei den gespendeten Organen Sorgen und glaubt allen Ernstes, die Politik sei auch  „mit Blick auf unsere christliche Verantwortung für den Schutz und Erhalt des Lebens dazu aufgerufen, hier Lösungen zu finden.“ Grundsätzlicher kann man gar nicht daneben liegen. Die Organe der „die Menschen“ gehen die Politik nichts an – und aus christlicher Sicht schon dreimal nicht. Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen, das Leben. Das ist die christliche Sichtweise dazu. Wer glaubt, daß er seine Organe spenden sollte, der soll das auch zukünftig tun und mit seinem Spenderausweis darauf hinweisen, daß er dazu bereit ist. Daß es hier politischen Handlungsbedarf gäbe, ist aufs Entschiedenste zu bestreiten, auch wenn sich die Herren Politiker liebend gerne auch noch zu Herren über Leben und Tod aufspielen wollen. Entspannung statt Verkrampfung, Georg Nüßlein!

Widerspruch erhält der christliche Georg von der CSU auch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz, wenn auch einen in sich etwas unlogischen. Die dts-Nachrichtenagentur zum selben Thema:

Berlin  – Die Deutsche Stiftung Patientenschutz lehnt die Einführung einer Widerspruchslösung bei der Organspende strikt ab. „Eine Neuausrichtung des Transplantationssystems ist überfällig“, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (Samstagausgaben). „Aber die Widerspruchslösung ist hier der falsche Weg. Sie ist zudem verfassungsrechtlich bedenklich.“ Brysch reagierte damit auf einen Vorstoß aus der Unionsfraktion. Fraktionsvize Georg Nüßlein (CSU) spricht sich in einem Positionspapier für eine „doppelte Widerspruchslösung“ aus.
Abweichend von der bisherigen Praxis, wonach Organentnahmen nur bei ausdrücklicher Zustimmung möglich sind, wäre demnach grundsätzlich jeder ein potenzieller Spender – außer bei Widerspruch. Auch Angehörige soll im Fall der Fälle ein Veto einlegen können. Stiftungsvorstand Brysch sagte, das Recht auf Selbstbestimmung sei eines der höchsten Güter im Grundgesetz.

„Schweigen heißt nicht Zustimmung. Jede Spende ist eine freiwillige und bewusste Entscheidung“, sagte er. „Es ist ethisch besonders wertvoll, einem anderen Menschen sein Organ und damit mehr Lebenszeit zu schenken.“

Es sei jedoch Zeit, dass der Gesetzgeber Verantwortung übernehme: „Das System muss in staatliche Hände gelegt werden. Der Bundestag hat die Regeln und Verteilungskriterien verbindlich festzulegen.“

Es stimmt schon, daß es ethisch besonders wertvoll sein könnte, einem anderen Menschen sein Organ und damit mehr Lebenszeit zu schenken. Ethisch wertvoll kann es aber nur deswegen sein, weil ein bestimmter Mensch diese ethisch wertvolle Entscheidung getroffen hätte. Am besten wäre sogar, wenn er sich aussuchen könnte, welchem anderen Menschen genau er sein Organ vermachen will, damit nicht aus Versehen einer mit seiner Leber weiterlebt, mit dem er zu Lebzeiten nie und nimmer angestossen hätte.

Was daher nicht stimmt, ist, daß das Transplantationssystem in staatliche Hände gelegt werden muß, damit verbindliche Verteilungskriterien festgelegt werden können. Es ist zwar nicht das Entscheidende dabei, aber der folgende Einwand ist im Angesichte dieses Staates nicht ganz von der Hand zu weisen: Bekannte Rechtspopulisten, die einen Satz neuer Nieren bräuchten, würden bekannten Gutmenschen gegenüber vermutlich ins Hintertreffen geraten. Der Bundestag hat sich in Fragen der Organtransplantation fein säuberlich herauszuhalten, selbst dann, wenn die Spendenbereitschaft gegen Null tendiert. Es geht ihn schlicht und einfach nichts an. So weit käme es noch, daß wir eine staatlich organisierte Organbewirtschaftung hätten.

Und dem Herrn Nüßlein von der CSU samt seinem scheinheiligen Gerede von der christlichen Verantwortung für das Leben sei Folgendes gesagt: Solange die CSU nicht ihren Teil der Verantwortung dafür übernimmt, daß es in Deutschland im Verlauf der letzten fünfzig Jahre ca. 10 Mio. Abtreibungen gegeben hat, will ich von einer staatlichen „Verantwortung für das Leben“ nichts hören. Eine „Verantwortung für das Leben“ beschränkt sich nämlich keinesfalls auf das je individuelle Leben, sondern sie hätte einem „Prinzip Leben“ zu gehorchen. Es kann ja wohl nicht sein, daß Abtreibung Privatsache bleibt – und die lebenserhaltende Organtransplantiererei staatlich geregelt wird.

Was käme denn als nächstes? Eine staatlich geregelte Nutzungsbefristung für die eigenen Organe? Dann könnten wir unsere Organe aber auch gleich von den Monty Pythons verwalten lassen. Die wären nämlich intelligenter, witziger und sehr viel liebenswerter als unsere politische Klasse. Außerdem gilt der Grundsatz der Gleichbehandlung. Wäre es nicht krass unfair im Sinne der Teilhabe an der sozialen Lebensgerechtigkeit, daß einer sterben muß, weil es kein Spenderherz für ihn gibt, während ein Anderer nur deswegen mit seiner Leber weiterlebt, weil es kein Spenderherz für den Leberspender gegeben hat? Sind die Organe nicht alle gleich? Und wenn nicht: Wieso wären dann alle Menschen gleich? Dann sind so Fragen, deren Klärung man ebenfalls und keinesfalls den christlichen Staatsfetischisten dieser Republik überlassen sollte.

Wer spenden will, der dokumentiert das mit einem Spenderausweis. Wer keinen hat, der spendet eben nicht. Dabei bleibt´s gefälligst.

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