„Unverantwortlich“: Renommierter Migrationsforscher kritisiert Merkels Flüchtlingspolitik scharf

Aus illegal mach legal - das fordern die etablierten Parteien. Foto: Shutterstock

Einer der weltweit renommiertesten Migrationsforscher geht hart mit der deutschen Flüchtlingspolitik ins Gericht. Der Brite Paul Collier nennt sie ein „heilloses Durcheinander“. Angela Merkel habe „unglaublich unverantwortlich“ und „panisch“ gehandelt, sagte er in einem europaweit beachteten Interview, das von deutschen Medien ignoriert wird.

Dass die Kanzlerin andere EU-Länder „zwingen“ wolle, ihre Flüchtlinge aufzunehmen, sei eine „erstaunliche Verantwortungslosigkeit“. Der Ökonom: „So läuft natürlich auch die Europapolitik aus dem Ruder.“ Er plädiert dafür, mit finanziellen Anreizen europäische Unternehmen dazu zu bringen, in den Nachbarländern der Krisen-Staaten Arbeitsplätze zu schaffen. Doch dies verhinderten NGOs mit einer Scheinmoral.

Die Migrations- und Flüchtlingspolitik ist in den Augen des Beraters afrikanischer Regierungen „ein defektes System“. Dies sei die Folge „unglaublich unverantwortlicher, kurzfristiger politischer Entscheidungen von zentralen Figuren in Europa – allen voran Angela Merkel“. Die habe das Flüchtlingsproblem zunächst weitgehend ignoriert, „um 2015 dann panisch aufzuwachen“.

Merkel habe „sehr unverantwortlich und einseitig die Türen“ geöffnet. Dann habe sie einen „unglaublich teuren Deal mit Erdogan“ ausgehandelt und versucht, „die anderen europäischen Länder dazu zu zwingen, die Flüchtlinge aufzunehmen, die sie einseitig hereingelassen hatte“. Collier nennt das „eine erstaunliche Verantwortungslosigkeit“. Dies habe die EU entzweit.

Für Flüchtlinge an regionalen Zufluchtsorten sorgen

Dabei gebe es viel bessere Möglichkeiten, die Flüchtlingspolitik in den Griff zu bekommen: „Die meisten Vertriebenen finden gleich hinter der Grenze ihres Heimatlandes Zuflucht, also in unmittelbarer Nachbarschaft zum Konfliktgebiet. Das ist das eigentliche Flüchtlingsproblem: für die Flüchtlinge an diesen regionalen Zufluchtsorten zu sorgen.“

Die Syrer, die nach Jordanien geflohen sind, hätten sich im „Paradies“ befunden: „dieselbe Religion, dieselbe Sprache“. Außerdem liege in Jordanien das Pro-Kopf-Einkommen „sechsmal so hoch wie in Syrien“. Den Flüchtlingen, die dort Arbeit fanden, ging es sehr gut. Doch für Jordanien seien die Syrer zum Problem geworden, weil sie die Einheimischen „im Kampf um Arbeitsplätze unterbieten“. Er habe der Regierung eine Strategie vorgeschlagen, „dass Europa für Arbeitsplätze sorgt – sowohl für Flüchtlinge als auch für die jordanische Bevölkerung“.

Deutschland war prädestiniert für eine vernünftige Flüchtlingspolitik

Seine Idee sollte Anreize für alle Seiten schaffen. „Es wäre verrückt gewesen, mit erhobenem Zeigefinger zu fordern: ‚Sie sollten ihnen Arbeitsplätze geben.‘“ Die Globalisierung könne dazu genutzt werden, „dort Arbeitsplätze zu schaffen, wo die Flüchtlinge sind“. Collier: „Europa – und insbesondere Deutschland – war bestens ausgerüstet, das zu tun. Mit all den bereits in der Region tätigen Unternehmen war Deutschland geradezu prädestiniert dafür. Deutsche Unternehmen haben über die Jahre Hunderttausende von Arbeitsplätzen in der Türkei geschaffen. Das hat keine Arbeitsplätze in Deutschland gekostet.“

Dies habe sogar „zur Steigerung der Produktivität in Deutschland geführt, weil die weniger qualifizierten, die weniger produktiven Arbeitsplätze in die Türkei verlagert wurden“. Das sei „Globalisierung in ihrer besten Form“. Aber mit diesem Vorschlag konnte er sich beim UNHCR nicht durchsetzen.

„Es gibt kein Anrecht darauf, das Einkommen zu erhöhen“

Aber neben den Flüchtlingen sind für Collier vor allem Migranten ein Problem, die ihr Einkommen verbessern wollen: „Ich könnte mein Einkommen verdoppeln, wenn ich nach Norwegen zöge. Die große Mehrheit der Weltbevölkerung würde ihr Einkommen durch einen solchen Umzug um sehr viel mehr als das Doppelte erhöhen. Darauf hat man aber kein Anrecht.“

Er arbeite hauptsächlich mit afrikanischen Regierungen, „deren Albtraum es ist, dass ihre jungen Menschen allmählich dem Narrativ verfallen, dass ihre Hoffnung in der Auswanderung liege“. Aber europäische Gutmenschen machten diesen Albtraum wahr: „Manche hegen den Irrglauben, eine großartige, moralisch edle Tat zu vollbringen, wenn sie begabte junge Menschen mit den Worten ‚Willkommen in Europa‘ von ihren wahren Verpflichtungen und Möglichkeiten in Afrika weglocken, damit sie dann frustriert auf den Straßen Roms leben, was viel eher der Realität entspricht.“ Die Moralisten verführten Afrikaner „zu Tausenden dazu, in Boote zu steigen. Das ist überaus verantwortungslos und unethisch, denn wenn die Menschen aus Afrika erst nach Europa gekommen sind, erkennen sie die Wahrheit, stecken aber in der Falle, weil die Rückkehr eine Bloßstellung vor ihren Freunden wäre.“

„Das größte Problem sind die NGOs“

Collier: „So feiern wir uns selbst als gute Menschen und sind im Grunde zutiefst unethisch. Was Afrika braucht, ist eine Stärkung der Produktion und nicht ein Anrecht auf Konsum.“ Afrika brauche keine Almosen, sondern europäische Unternehmen. Aber die NGOs behinderten das. Bei seinen Bemühungen, Firmen dazu zu bewegen, nach Jordanien zu gehen, um Beschäftigung für Flüchtlinge zu schaffen, stieß er bei vielen Firmen auf ein riesiges Hindernis: „Die Unternehmen befürchteten, dass europäische Nichtregierungsorganisationen sie beschuldigen würden, Ausbeuterbetriebe mit Flüchtlingen zu betreiben, wenn sie nach Jordanien gingen. Dieselben NGOs, die für sich beanspruchen, großartige Verteidiger von Flüchtlingen zu sein, waren tatsächlich das große Problem.“

Das Interview mit Collier erschien zunächst im Social Europe Journal und wurde von der Neuen Zürcher Zeitung ins Deutsche übersetzt.(WS)

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