Welt und Scheinwelt: Krieg zwischen Trump und New York Times

SPIEGEL-Titel Februar 2017 (Foto: Collage)

Am 1. Januar 2017 trat Arthur Gregg Sulzberger als Sulzberger Nummer sechs die Nachfolge von Arthur Ochs Sulzberger als Chef der New York Times an. Politisch korrektes „Gesülz“ hat etymologisch aber nichts mit den Sulzbergers zu tun.  Sulzberger Nummer sechs ist erst 37 Jahre alt und bietet nun Donald Trump die Stirn. Er will sich vom US-Präsidenten nicht länger mehr als Produzenten von Fake-News bezeichnen lassen, wie Spiegel-Online berichtet. Sein Wille ist bekanntlich des Menschen Himmelreich. Die Medienkritik.

Von Max Erdinger

Die Herren A.G. Sulzberger und James Bennett, Letzterer Meinungschef der NYT, hatten sich vor knapp zwei Wochen im Oval Office des Weißen Hauses mit Donald Trump getroffen, um sich über die stetig wachsende Entfremdung zwischen den amerikanischen Mainstream-Medien und dem US-Präsidenten zu unterhalten. SPON behauptet, es habe eine Vereinbarung gegeben, daß dieses Gespräch unter sechs Augen bleiben würde – und daß diese Vereinbarung durch Trump gebrochen worden sei. Trump hatte getwittert, daß es sich um ein sehr interessantes Treffen gehandelt habe, daß man über die Flut von Fake-News gesprochen habe, welche von den Medien verbreitet würden, und  wie sich so der Begriff ‚Feinde des Volkes‘ etabliert habe. Und daß alles recht traurig sei.

Damit brachte er den jungen Sulzberger endgültig auf die Palme. Der NYT-Chef feuerte umgehend ein ganzes verbales Munitionsdepot auf Trump ab und gab ihm die volle Breitseite. Er beklagte  Trumps „zutiefst beunruhigende pressefeindliche Rhetorik“ – und bezeichnete dessen „Charakterisierung der Unterhaltung“ als Lüge. SPON steht natürlich hinter Sulzberger, was man als klug bezeichnen darf, weil dadurch Sulzberger zwischen SPON und Trump steht, was eine recht komfortable Position für SPON ist. Der SPIEGEL hatte die NYT übrigens  im Jahre 1966 bereits als „beste Zeitung der Welt“ tituliert. Damals waren aber sowohl der  SPIEGEL als auch die New York Times noch aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Interessant ist, wie sich SPON hinter die NYT stellt.

Natürlich sind „Fake News“ wie auch „Feinde des Volkes“ Reizworte, die Trump selbst in Umlauf gebracht hat, um missliebige Medien auszuschalten. Das ist mehr als nur Gerede – sondern eine bei Autokraten beliebte Strategie.

„Autokraten“ ist interessant. Waren es hierzulande nicht die maaslosen Mannen im Dunstkreis des damaligen Bundesjustizministers – und der Bundesjustizminister selbst, die mit dem Begriff „Fake-News“ um sich geworfen haben, bis das Reizwort „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ recht autokratisch durch den Bundestag gemogelt und Rechtswirklichkeit geworden war? – Doch, so war das. „Feinde des Volkes“ konnte aber nur in Amerika zum Reizwort werden, weil es bei uns kein Volk mehr gibt, sondern nur noch eine Bevölkerung resp. „die Menschen“. Und „Feinde von die Menschen“ klingt ein bißchen blöd.

„Ich habe dem Präsidenten direkt gesagt, dass ich seine Wortwahl nicht nur für spalterisch halte, sondern für zunehmend gefährlich“, schrieb Sulzberger: Seine Verunglimpfung von Journalisten als „Volksfeinde“ werde „zu Gewalt führen“. Im Ausland nutzten manche Trumps Rhetorik bereits als Rechfertigung für „breite Übergriffe gegen Journalisten“. Menschenleben stünden auf dem Spiel.

Es ist wirklich unfassbar, was es heutzutage alles in der Breitversion gibt. „Breit“ liegt voll im Trend. „Spaltung“ und „spalterisch“ liegen ebenfalls bereits deutlich über Normalmaas (NM). Nur ist es halt so, daß es schon vor Trump jede Menge breiter Journalisten gegeben hat, die durch ihre spalterischen Publikationen offenbart hatten, daß ihnen auf dem Spiel stehende Menschenleben keinen Pfifferling wert sind, so lange es die Leben einer hierzulande vorkommenden Mehrheit von Volksmenschen sind. Aber gut: Sulzberger ist kein Deutscher und SPON berichtet schon lange so, als ob es in der Redaktion keine Deutschen und ihre Interessen gäbe. Wenn es also schon unbedingt „breite Übergriffe“ sein müssen, dann hätten es ehrlicherweise welche auf „breite Journalisten“ sein müssen.

In der „NYT“ veröffentlichte Sulzberger später noch weitere Details. So habe er Trump gewarnt, dass einige Redaktionen schon unter Waffenschutz stünden. Trump sei überrascht gewesen – „dass die nicht schon längst bewaffnete Wachen hätten“. Auch sei er „stolz“ gewesen, den Begriff „Fake News“ groß gemacht zu haben.

Prinzipiell muß man es für einen Fortschritt halten, wenn Produzenten von Mainstream-Fake-News endlich von Bewaffneten bewacht werden. Wegen der Sicherheit. Die ist ein höheres Gut als je zuvor, wie man an der exorbitanten Zunahme von Fahrradhelmchen im Straßenbild sehen kann. Noch nicht ganz perfekt ist natürlich, daß die breiten Journalisten noch immer in den Rdaktionsräumen von Bewaffneten bewacht werden. Da gäbe es eindeutig leichter zu sichernde Orte.

Sulzbergers Replik konnte Trump, den eine lange Hassliebe mit seiner alten Heimatzeitung „NYT“ verbindet, nicht auf sich sitzen lassen. Er reagierte mit einer Breitseite gegen alle „Trump-Hasser in der sterbenden Zeitungsindustrie“: Sie seien „sehr unpatriotisch“, unter anderem weil sie „interne Verhandlungen unserer Regierung“ enthüllten und damit ihrerseits Leben aufs Spiel setzten.

Mit solchen Verdrehungen facht Trump den Hass seiner Basis – die nur ihm zuhört – weiter an. Das war auch vergangene Woche zu spüren, als Trump bei einer Rede in Missouri die Menge aufpeitschte: „Bleibt bei uns! Glaubt den Mist nicht, den ihr von diesen Leuten seht, diese Fake News“, rief er und zeigte auf die Reporter im Saal. „Was ihr seht und was ihr lest, ist nicht das, was geschieht.“

Moment, es handelte sich nicht um eine Verdrehung, sondern um die Verdrehung der Verdrehung, folglich also um eine Richtigstellung. Es ist ja nicht so, daß es Trump in den USA – und bei uns die AfD samt der freien Presse, in Ungarn Orban, Salvini in Italien etc.pp. deswegen gäbe, weil „die Menschen“ eines Tages beschlossen hätten, daß sie die Wahrheit nicht mehr wissen – und lieber angelogen werden wollen. Es hat schon seinen Grund, warum Trump bei weitem nicht der Einzige ist, der die wahren Produzenten von Fake-News zutreffend identifiziert hat. Und so viel steht fest: Die Fake-News sind schon dagewesen, bevor es Trump als Präsidenten und die Obengenannten in ihren Ämtern gab. Trump ist nicht schicksalshaft vom Himmel gefallen, sondern gewählt worden von denen, die sich das westlich-linksintellektuelle Wolkenkuckucksheim nicht länger mehr als „die Realität“ andrehen lassen wollten. Nur, damit hier keine unzulässigen Verdrehungen unkommentiert stehenbleiben.

Richtig ist, was Trump für richtig erklärt.

Das kann kein Thema sein für die Jungs bei SPON. Weil: Das wären die Ersten,die bei jeder anderen Gelegenheit gläubig daherbeten würden, daß es keine Wahrheit gibt, sondern nur Standpunkte, Sichtweisen und Perspektiven. Wenn aber jeweils dasjenige realitätsbildend ist, was der Einzelne erkennt, dann ist – gerade nach einer beliebten SPON-Denkfigur – ganz selbstverständlich richtig, was Trump für richtig erklärt. Ja hey, darf er nicht „seine eigene Meinung“ haben?

„Doch die vordergründige Wirkung – Wut auf die Medien – war damit ebenso erzielt wie die hintergründige – eine Entwertung der Realität zugunsten einer von Trump propagierten Scheinwelt.“

Allein, daß es hier ausgerechnet SPON ist, der sich zum rechtmäßigen Realitätsinhaber stilisiert und rotzfrech Donald Trump in „propagierten Scheinwelten“ verortet, beweist, daß es mit dem realen Segensreichtum nicht weit her gewesen ist, welcher vorgeschoben wurde, um die Maulschelle als pädagogisches Mittel zu verbieten.

Als neuer Herausgeber versprach er, ohne Trumps Namen zu nennen, den „kräftigen Mächten“, die „Misstrauen in die Medien säen“ und absichtlich „Verwirrung stiften“, Paroli zu bieten. Dieser Moment scheint nun gekommen.

Sulzberger soll Ravioli kochen, statt Paroli zu bieten. Das Misstrauen in die Medien säen die Medien selber, indem sie mit Verwirrungsstiften schreiben. Ravioli zu kochen wird er wohl noch hinbekommen.

Aber eigentlich ist es nur logisch, daß dem Mainstream nichts weiter übrig bleibt, als auch zukünftig Fake-News zu produzieren. Würde er damit aufhören wollen, müsste er wohl erst einmal ehrlich auf Fragen zum Wahrheitsgehalt der Behauptung antworten müssen, er selbst hätte zuvor Fake-News produziert. Das wird nicht passieren und zwar schon deswegen nicht, weil er Trump dadurch rückwirkend recht geben würde.

Von weiteren Treffen mit Trump sollte er dabei vielleicht aber absehen. Das riet ihm jedenfalls Erik Wemple, der Medienkritiker der „Washington Post“: „Trump hört nicht zu, Trump ändert sich nicht, Trump interessiert sich nicht.“

Trump interessiert sich tatsächlich nicht für Gesülze. Aber wie gesagt: Mit „Sulzberger“ hat „Gesülze“ nur zufällig zu tun. Ach so: „Wemple-Plem“ als Doppelname wäre übrigens mindestens so schön wie „Sulz-Berger“. Und SPON wäre auch ein schönes Kürzel für „Sülz-Presse-Online“ gewesen. Das aber nur nebenbei.

 

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