Italien schickt marokkanischen Straftäter auf den Jakobsweg

Foto: Von Dudarev Mikhail/Shutterstock

Erstmals entschied sich ein italienisches Gericht für eine außergewöhnliche Erziehungsmaßregel für einen 22-jährigen Straftäter marokkanischer Herkunft. Es  schickte ihn im Frühjahr 85 Tage auf den Jakobsweg in Spanien, wo er 1.500 km zurücklegen musste, was schon Menschen oft kaum bewältigen können, die das freiwillig machen. Für die Betreuung des Jugendlichen war ein großer personeller und finanzieller Aufwand erforderlich. Ob diese Maßnahme erfolgreich war, wird sich zeigen.

Von Verena B.

Mit 15 verübte Marwan (er hat in Wirklichkeit einen anderen Namen) einen Raubüberfall. Erst jetzt wurde die italienische Justiz (wen wundert’s) aktiv. Sie entschied, den Jungen in Begleitung drei Monate lang auf der berühmten Pilgerstrecke in Spanien marschieren zu lassen. Er ist der erste jugendliche Straftäter in Italien, den man „laufen ließ, damit er auf den richtigen Weg findet“.

Marwin war skeptisch. „Wie soll das funktionieren, sich beim Laufen zu verändern?“ Irgendwann auf dem Weg habe er verstanden, dass ihm diese Erfahrung sehr nützlich sein könnte, erzählte er bei seiner Rückkehr im Juni. Wie in Deutschland sieht auch das italienische Jugendstrafrecht Erziehungsmaßregeln statt Strafe vor. Die Jugendlichen sollen so aus einem Teufelskreis entkommen, der sie oft dauerhaft an ein kriminelles Milieu bindet. In Anlehnung an positive Erfahrungen in Belgien und Frankreich, wo mehr als 300 Jugendliche ein ähnliches Programm durchliefen, genehmigte das Jugendgericht Venedig nun erstmals in Italien eine Wanderung als erzieherische Maßnahme.

„Das waren keine Ferien.“

Marwin lief mit Rucksack von Sevilla auf der Silberstraße über Santiago di Compostella bis nach Leon. Sein Begleiter Fabricio Preo (68!) achtete bis zum Schluss auf die Einhaltung eiserner Regeln – fern von der Heimat und nur mit sporadischem Telefonkontakt, ohne Alkohol, Handy und Kopfhörer.

„Das waren keine Ferien“ versichert Nicoletta Zanon vom Verein Lunghi Cammini aus Mestre, der das Projekt in Italien startete und dank eines privaten Spenders auch selbst finanzierte.

Maßnahme kostete etwa 30.000 Euro

Zanon berechnet Kosten für Logistik, Begleiter und ein Betreuungsteam aus Psychologen und Sozialarbeitern, die aus Italien Kontakt mit dem marokkanischen Rotzlöffel hielten. Wenn Peter aus Hamburg einen Raubüberfall begeht, wird ihm nicht so viel Fürsorge zuteil. Bei „Ausländern“ ist das natürlich etwas anderes, denn sie sind (noch) eine Minderheit, die geschützt werden muss und für die uns nichts zu teuer ist.

Macht das Ganze Sinn?

Laufen, nachdenken, an seine Grenzen kommen, Momente der Schwäche überwinden, sich und seine Vergangenheit in Frage stellen, neue Perspektiven erkennen und echtes Selbstbewusstsein erkennen.

„Es war ein Denklabor für mich“, sagt der Missetäter, der das Nachdenken nicht gewöhnt ist und plötzlich drei Monate gezwungen war, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

„Für den Jugendlichen war die Fernwanderung eine sehr nützliche Lebensschule“, sagt Marwans Anwältin Carmela D’Anza. Der junge Mann absolviert nun ein Praktikum. Im November wird das Gericht entscheiden, ob die Erziehungsmaßnahme erfolgreich war. Entscheidet das Gericht positiv, ist Marwans Führungszeugnis wieder unbefleckt und er steht möglicherweise vor einem echten Neuanfang.

Auch Deutschland könnte Merkels jugendliche Straftäter zum Pilgern schicken. Die Kosten zahlt nicht der Bürger, sondern der Staat. Möglicherweise könnte das Pilgern auch für deutsche Politiker sinnvoll sein, nur sollte man denen ein paar Stolpersteine in den Weg legen.

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