Luther im Sturzflug: Ein Kirchenblättchen erklärt die Welt

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Weg damit? - Her damit! (Foto: Durch Freedom Studio/Shutterstock)

Ich lese gerne, und zwar bevorzugt die kleinen Werke des Alltags: Vom Groschenheft bis zum Werbeprospekt, vom Schwarzen Brett im Bürgerbüro bis zum Verbotsschild im Innenhof, vom Aufkleber am Laternenpfahl bis zum Flugblatt in der Fußgängerzone.

Von Tanja Nazarra

So fiel mir in einem Altpapierstapel das Kirchenblättchen der evangelischen Gemeinde Honrath in die Hände und ich blieb an einem Artikel mit der übergroßen und herzhaft lachenden Visage des bayrischen Ministerpräsidenten Söder hängen. Der Artikel, vielversprechend mit „Kreuze in bayrischen Amtsstuben“ überschrieben, wartete gleich mit der ausgewogenen Zwischenüberschrift „Spaltung und Ausgrenzung?“ auf. Bei dem Begriffspaar, das die Illusion der Wahlmöglichkeit bietet, fragte ich mich unwillkürlich, warum die Schriftleitung sich gegen die unzweideutigere Variante „Mord und Totschlag?“ entschieden hatte.

Nun entbehrt es ja nicht einer gewissen Komik, dass in einem so genannten Kirchenblättchen eine vermutungsgemäße Polemik gegen eine politische Initiative des Aufhängens von Kreuzen in Amtsstuben abgedruckt wird und so sah ich mich selbst als Nicht-Protestant genötigt, den Artikel auch zu lesen.

Im Sinne der gutmenschlichen Ökumene kommen die Bischöfe Marx und Bedford-Strohm mit ihren, die Initiative Söders ablehnenden Stellungnahmen, ebenso zu Wort wie auch eine repräsentative bundesweite Umfrage, laut derer die Mehrheit der Befragten (besonders hervorgehoben, dass sogar die Mehrheit der befragten Christen) die Kreuzaufhängung in Amtsstuben ablehne.

Die Botschaft des Artikels ist wenig subtil versteckt und überaus klar herausgearbeitet: Grundgesetz, Christentum und sogar Demoskopie verbieten geradezu die Aufhängung eines Kruzifix‘ in bayrischen Verwaltungsgebäuden. Wer etwas anderes sagt, ist ergo Verfassungsfeind, Antichrist und Feind der Mehrheit des Volkes – schlicht also der Gottseibeiuns.

Der Artikel endet mit dem frommen Wortspiel des Verfassers, dass das Kreuz auf den Wahlzetteln der Landtagswahl wohl trotz Kreuzaufhängungen folgerichtig nicht bei Söders CSU landen werde.

Bis hierhin könnte man verharmlosend und der Einzelfall-Doktrin folgend denken, ein einzelner Autor im Kirchenblättchen einer Provinzgemeinde folge unkritisch seinen Oberhirten der Amtskirche in deren zeitgeistiger Argumentation. Es werden schon nicht alle Autoren des Honrather Kirchenblättchens politisch naiv und mit einem eher fragwürdigen Verhältnis zum eigenen Glauben und seiner Erkennungszeichen versehen sein. Weit gefehlt…

Auch als ich mir die weitere Themenzusammenstellung des Blättchens zu Gemüte führte, stellte ich fest, dass diese mit tendenziös noch äußerst wohlwollend beschrieben wäre.

Denn bei der weiteren Lektüre wird deutlich, dass das offizielle Organ des Honrather Protestantismus‘ neben dem Gottseibeiuns und dem Fegefeuer auch die Ablassbriefe neu für sich entdeckt hat.

So folgt ein infantil anmutender Artikel über die zur Fremdenliebe mutierte Nächstenliebe: Ein muslimisches Kindermädchen, das auf eine, laut Selbstbeschreibung der „weitgereisten“ Mutter, „weltoffene und neugierige Familie“ mit ebenso „geprägten“ Kindern stieß.

Das Aufhängen des Kreuzes will als „Abwertung der anderen“(Bischof Bedford-Strohm) und „Spaltung, Unruhe, Gegeneinander“(Bischof Marx) verstanden werden. Während die Begeisterung und weltoffene Neugierde mit der einem rundum bekopftuchten Mädchen beim fünfmal täglichen Gebet in ihrer „hübschen weißen Kutte“ auf ihrem Teppich zugesehen wird, förmlich überschwappt.

Im Söder-Artikel wird das Kreuz als unzulässig identitätsstiftendes Werkzeug der Abgrenzer abgelehnt, nun wird der religiös bedingte Schweinefleischverzicht des bewunderten muslimischen Kindermädchens von der ganzen weltoffen geprägten Familie mit ihrem Gast aus Sumatra vollzogen.

Offenkundiger kann die Ablehnung und Verleugnung des Eigenen und die Zuneigung und Glorifizierung des Fremden kaum mehr zur Schau gestellt werden! Das Kirchenblättchen als Symptom der europäischen Identitätsstörung, die die Eigenliebe als Voraussetzung der Nächstenliebe negiert und bekämpft.

Die familiäre Bewältigung eines permanenten und generationenübergreifenden Schuldkomplexes kann bei dieser rührigen Familiengeschichte getrost unterstellt werden. Von der weltoffenen Mutter wird sicherlich die permanente post-koloniale Sühne für die Sünden und Vergehen der Europäer gepredigt werden – wie sonst kann eine derart unkritische Prägung der Kinder erfolgen? Woher sonst kommt die Bewunderung für die Erkennungszeichen eines totalitären Systems, während die Erkennungszeichen eines weltoffenen Christentums abgelehnt werden?

Das betreffende Kindermädchen kommt aus Indonesien, genauer aus Sumatra und in dem ganzen Artikel kein Wort davon, dass in diesem Land brutal die Scharia regiert. Dass jugendliche Paare, die es gewagt hatten, sich heimlich zu treffen, von den hiesigen Imamen zur öffentlichen Auspeitschung verurteilt wurden(Auspeitschung Jugendlicher in Indonesien) … kein Wort davon, auch nicht, dass alleine dieses Jahr bereits Dutzende öffentliche Auspeitschungen in diesem Land stattfanden, die aufgrund von homosexuellen Handlungen, nichtehelichem Kontakt zwischen Männern und Frauen oder gar wegen Alkoholverkaufs von Imamen der hiesigen Schariagerichte verhängt wurden (Scharia-Gerichte verurteilen Frauen und Christen).

Es stellt nur noch eine kleine Anekdote am Rande dar, dass die Berufsgruppe der Imam ebenfalls Erwähnung in besagtem Kirchenblättchen findet, allerdings ausgesprochen positiv: Anhand eines Berichtes über ein Fußballspiel zwischen Imamen und protestantischen Pfarrern wird bewusst auf eine inhaltliche Auseinandersetzung verzichtet. Frei nach dem naiven Motto, wer Fußball spielt, wird schon kein Anhänger der Scharia sein.

Dem Kopftuch als Werkzeug der individuellen Frauenunterdrückung und „Flagge des Islamismus“(Alice Schwarzer) wird jedoch im Honrather Kirchenblättchen gehuldigt, während das Aufhängen eines Kreuzes als Affront und Angriff auf die Grundrechte gewertet wird – eine mindestens interessante Gewichtung für eine Kirchenpublikation.

Wie kann ein solcher Irrsinn fortlaufend und von mehreren Autoren in einem Kirchenblättchen, das den Namen eventuell nicht ganz zufällig trägt, überhaupt stattfinden?

Wieso wird in dem Honrather Kirchenblättchen bewusst unkritisch die Suche und Betonung von Gemeinsamkeiten über das Benennen von Untaten im Namen des glaubens gestellt?

Die dahinter stehende Theorie der bewussten Schaffung einer theologischen und kulturellen Orientierungslosigkeit liefert die Pfarrerin der Gemeinde Honrath, Barbara Brill-Pflümer, die in ihrem innovativ-weltoffenen Artikel über die Gemeinsamkeiten aller Weltreligionen deutlich macht, dass wir mit unserem „begrenzten menschlichen Verstand“ Gott nicht vorschreiben können, in welcher Gestalt er sich uns zeigt. Offensichtlich ein nicht-zeitgemäßer Narr, wer bisher von der Bibel als Wort Gottes ausging. Offenbar rückwärtsgewandt, wer das Überzeugtsein vom Christentum für eine Grundvoraussetzung des Pastorenberufs hielt.

Der Logik der Honrather Vorbeterin folgend, wird der gläubige Honrather Protestant wohl in Kürze im Sonntagsgottesdienst mit „Inschallah!“ begrüßt werden, denn wer wolle sich anmaßen zu wissen, wie Gott seine Gläubigen begrüßt wissen will?

Die große Frage unserer Zeit aber lautet in Honrath, wie in ganz Europa, ob die Gläubigen wie selbstverständlich antworten: „Und in Deinem Geiste!“ oder aber sich ihren zeitgeistigen Seelsorgern verweigern und sich des alten Luther-Zitates erinnern: „Pfaffen sollen beten, nicht regieren!“.

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