Broders böse Abrechnung: Flüchtlinge, „Tagesschau“ und die Realitätsflucht

Foto: Wikipedia/ Von Foto: Bernd Schwabe in Hannover - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28233736
Foto: Wikipedia/ Von Foto: Bernd Schwabe in Hannover - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28233736

Berlin – Zu einem Rundumschlag gegen die Einwanderungspolitik und die Berichterstattung darüber hat Henryk M. Broder ausgeholt. Die „Tagesschau“ habe mit der Realität so viel zu tun, „wie ein Roman von Rosamunde Pilcher mit einem Polizeibericht aus einem ‚kriminalitätsbelasteten‘ Wohngebiet.“

In Deutschland darf in Sachen Flüchtlinge nichts so sein, wie es wirklich ist, meint der 71-Jährige in seinem „Welt“-Beitrag „Deutschland, kein Sommermärchen“. Der Text ist hinter der Bezahlschranke erschienen und nur für Abonnenten der Zeitung lesbar. Schade eigentlich, denn die Abrechnung öffnet nicht nur die Augen, sondern bereitet trotz seines unverhohlenen Zorns auch Spaß – ein typischer Broder eben. Jedem, der die öffentlich-rechtlichen Nachrichten für seriöse Sendungen hält, schreibt er ins Stammbuch: „Wann immer ein Terroranschlag bekannt wird, eine Vergewaltigung oder ein besonders grausamer Mord an einer Minderjährigen, wird nicht etwa auf die seltsame Häufung solcher Vorkommnisse hingewiesen, sondern darauf, dass es sich um ‚Einzelfälle‘ handelt, die keinen Einfluss auf die Statistik haben.“ Gehe dagegen die Zahl der Einbrüche zurück, schlage sich das sofort in der Statistik nieder. Broders bittere Schlussfolgerung: „In einer fiktionalen Welt spielen Zahlen nur dann eine Rolle, wenn sie der Aufrechterhaltung der Fiktion dienen.“

Fiktion anstelle von Realität: Versteckt dahinter nicht der empörende Schlachtruf von der „Lügenpresse“? Man könnte es so verstehen. Denn es genüge eine „beliebige Ausgabe der ‚Tagesschau‘“, in der „Politiker aller Parteien aus einer Welt berichten, in der sie es sich kommod eingerichtet haben und die mit der Welt, in der die Zuschauer leben, so viel gemein hat, wie ein Roman von Rosamunde Pilcher mit einem Polizeibericht aus einem ‚kriminalitätsbelasteten‘ Wohngebiet.“

Für Broder sind das alles Zeichen für rasant fortschreitende „Realitätsflucht“. Und auch die gedruckte Presse bekommt ihr Fett weg: „Fasst die Polizei in Aachen einen 18 Jahre alten ‚jungen Mann‘, der im Oktober letzten Jahres ‚als Flüchtling in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen‘ registriert wurde, seitdem ‚kreuz und quer durchs Bundesgebiet reiste und dabei laut Polizei insgesamt neun Aliasnamen – also verschiedene Identitäten – benutzte‘, wobei der ‚reisefreudige Kriminelle‘ allein in Aachen ‚binnen kurzer Zeit 28 teils schwere Straftaten‘ verübte, darunter Diebstahl, Körperverletzung und Raub, dann wird nicht gefragt, wie er es, obwohl polizeibekannt, geschafft hat, auf freiem Fuß zu bleiben. Nein, das wäre zu banal.“ Der Bericht in der Lokalzeitung fange vielmehr mit dem Satz an: „Die Aachener Polizei hat im Zuge umfangreicher Kontrollmaßnahmen einen bemerkenswerten Fahndungserfolg gelandet.“ Broder: „Ein dreifaches ‚Hoch!‘ auf die Aachener Polizei, die es diesmal hoffentlich nicht mit der Feststellung der Personalien bewenden lassen wird.“

Auch das Verharmlosen der Flüchtlingskosten geht dem Autor tierisch auf den Keks: Wann immer die Rede darauf komme, „kann man bis drei zählen, bis ein Experte aufsteht und sagt: ‚Aber wir sind doch ein so reiches Land, wir können es uns leisten!‘ Zugleich aber legt der Paritätische Gesamtverband regelmäßig einen ‚Armutsbericht‘ vor, aus dem hervorgeht, dass die Zahl ‚armutsbedrohter‘ Menschen, vor allem Kinder, immer größer wird. Wie geht das zusammen?“

Au weia, Heiko Maas

Ein Musterbeispiel für diesen Widerspruch habe Minister Heiko Maas geliefert: Es werde „niemandem etwas weggenommen; das, was wir an zusätzlichen Mitteln aufgewandt haben für die Menschen, die zu uns gekommen sind, ist an keiner anderen Stelle, bei Sozialleistungen oder wo auch immer, jemandem weggenommen worden …“ Broder: „Wären die Ressourcen, über die ein Staat verfügt, unendlich, wie das Wasser im Meer, der Sand am Strand oder das Licht der Sonne, könnte der Staat den einen etwas geben, was er den anderen nicht weggenommen hat. Aber dem ist nicht so.“

Manchmal ist Vereinfachung hilfreich, und daher vergleicht Broder die Ausgaben mit einem Kuchen auf einer Familienfeier: „Je mehr Gäste etwas von dem Kuchen abhaben wollen, umso dünner werden die Scheiben, die jeder Einzelne bekommt. Seit Jesus ist es niemandem mehr gelungen, Tausende von Menschen mit ein paar Brotlaiben und einigen Fischen zu sättigen.“

Die Merkel-Regierung verweigere sich allen „Regeln der Logik, der Physik und der Ökonomie“. Sie wolle beweisen, „dass der Zuzug meist ungelernter und ungebildeter junger Männer aus der Dritten Welt eine kulturelle und ökonomische „Bereicherung“ für ein Land bedeutet, dem es bis jetzt nicht gelungen ist, seine eigenen Berufsschüler in die Arbeitswelt zu integrieren“.

Es findet eine „Entwirklichung“ statt

Jetzt reicht es Broder endgültig. Er schreibt von der „Fiktionalisierung des Alltags über Erfolge, die es nicht gibt, und Misserfolge, die es nicht geben darf“. Dies sei jedoch kein rein politisches oder journalistisches Phänomen: „Auch die Sozialwissenschaften geben sich Mühe, einen Beitrag zur Entwirklichung zu leisten.“ Eine Mitarbeiterin des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung habe in einem Interview behauptet, es gäbe „keinen muslimischen Antisemitismus“, sondern nur „einen Antisemitismus unter Muslimen“, und auch das seien „nur Einzelfälle“. Broder: Das bedeute, dass es sich um eine innermuslimische Angelegenheit handelt, die eben unter Muslimen ausgetragen wird.“

Und jetzt wird’s göttlich: „So gesehen, könnte man auch behaupten, es habe keinen nationalsozialistischen Antisemitismus gegeben, sondern nur einen Antisemitismus unter Nazis, wofür dann tatsächlich sprechen würde, dass gestandene Nazis sich gerne wechselseitig als ‚Juden‘ und ‚Judenknechte‘ beschimpften.“ (WS)

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