Dem Heinerhofbauern sein Knecht und die Wirtshausrevolution

Max Erdinger

Dem Heinerhofbauern sein Knecht (Foto: Pixabay)

Beim Bauernverband hat es neulich günstige Bauernsmartphones von Satsung gegeben. Dem Heinerhofbauern sein Knecht wollte auch eines haben, hat aber nur die abgespeckte Knechtsversion bekommen. Er ist trotzdem zufrieden mit dem Gerät, sagt er, auch wenn er die Hektar-App nicht hat, weil er sich jetzt nicht mehr so fehl am Platz vorkommt im Wirtshaus unten im Dorf. Die Reportage vom Land.

von Max Erdinger

Es hat sich ja viel geändert in den letzten Jahren, sagt er. Früher hätte er beim Schafkopfen die Karten noch mitgemischt, aber seit im Wirtshaus keiner mehr rauchen darf, geht auch keine zünftige Schafkopfrunde mehr zusammen. Die besten Kartler aus der Gemeinde seien Zigarren- und Pfeifenraucher gewesen. Von denen käme gar keiner mehr ins Wirtshaus. Er geht jetzt auch nur noch hin, sagt er, um ein bisschen mitzuwischen bei der rauchfreien Aufrechterhaltung der dörflichen Gemeinschaft. Deswegen hätte ein Bauernsmartphone jetzt auch sein müssen.

Seit die knorrigen alten Kartler nicht mehr ins Wirtshaus kommen, sagt der Knecht, ist es richtig fad geworden. In der Gaststube säßen nur noch humorlose Wasserpanscher, die allenfalls ein alkoholfreies Bier bestellen, niemanden beleidigen und sich nicht mehr gegenseitig herfotzen. Er glaubt, dass die alle keine Eier mehr haben, sagt er, was aber nicht so schlimm sei, weil es ohnehin besser wäre, wenn die sich nicht weiter fortpflanzen.

Wenn man die Veranstaltungshinweise im Kreisboten nicht aufmerksam liest, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, dann kann es einem sogar passieren, dass man mit den besten Wischabsichten ins Wirtshaus kommt und feststellt, daß die feministische Pfarrerin in der Gaststube eine Parteisitzung des Ortsverbandes der Grünen leitet. Genau das sei ihm gestern passiert. Der Ortsverband habe sogar einen, wie es scheint,  prominenten Gastredner gehabt, ein richtig hohes Parteiviech mit langen Zottelhaaren und einem Haufen Sauerkraut im Gesicht. Jedenfalls seien alle recht ehrerbietig um ihn herumscharwenzelt und hätten ihn mit gestelzten Höflichkeiten förmlich zugeschissen. Hochreiner oder Hofverbreiterer habe der geheißen und einen richtigen Schmarren habe er erzählt, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht.

Dann sei es aber interessant geworden – und das Interessante habe er mit seinem neuen Bauernsmartphone in der Knechtsversion aufgezeichnet. Die Tonaufnahmefunktion sei das Einzige, was die Knechtsversion hat und die Großbauernversion nicht. Weil dem Großbauern eh keiner was anzuschaffen hat, das er sich merken müsste, glaubt er.

Interessant sei es im Wirtshaus gestern deswegen gewesen, weil der alte Mühlleitner Fonse zufällig da gewesen ist, sagt der Knecht, einer von den alten Kartlern, der nach Jahren wieder einmal hereingeschaut hat, weil ihm der Arzt das Pfeifenrauchen ohnehin verboten hat. Der Mühlleitner habe aber nicht gewusst, dass man heutzutage ein Bauernsmartphone braucht, wenn man im Wirtshaus mitwischen will – und deswegen sei er bloß dagesessen und habe diesem zotteligen Sülzbruder von den Grünen zugehört. In der rauchfreien Luft habe man ein Knistern spüren können, sagt der Knecht, weil es dem Mühlleitner Fonse immer schwerer gefallen sei, das Maul zu halten. Als der langhaarige Grünprominenzler aber angefangen habe, von der Schadstoffbelastung in der Luft vor der Wirtshaustür daherzuschwadronieren, – da sei dem guten Fonse der Kragen geplatzt. Und genau in dem Moment hat der Knecht die Aufnahmetaste gedrückt, sagt er. Was es da zu hören gegeben hat, das wolle er mir jetzt einmal vorspielen.

  • „… ein Traktor, ein Mähdrescher und ein Knechtsmoped passen mit ihren Verbrennungsmotoren, genau wie der Kunstdünger, nicht mehr in ein modernes bäuerliches Umfeld der Umwelt um uns herum …“
  • „Halt´s Maul, du Brunzkartler, du verhauter! Saudummes Rindviech, du!“

Das war der Mühlleitner. Ich habe ihn sofort an der Stimme erkannt. Auf der Tonaufnahme konnte man dann allgemeines Räuspern, eine einsetzende Unruhe und Stühlerücken hören, ehe es mit der Erwiderung des Angesprochenen weiterging.

  • „Wer sind Sie? Was erlauben Sie sich? Das ist ja unerhört!“

Der Mühlleitner reagierte aber nicht sofort darauf – und so fuhr der Zottelige weiter fort:

  • „… weswegen es unser gemeinsames Ziel ist, die gute Luft von jedwedem Schadstoff völlig frei zu halten. Damit auch Frauen und Kinder vor der Wirtshaustür eine gesunde Luft zum Schnaufen haben.“
  • „Gleich fängst dir ein paar, du Mordstrummdepp!“

Der grüne Parteiprominenzler tat dann das, was er offensichtlich in einem Weichereierkurs bei einem dieser Kommunikationsberater eingebläut bekommen hat und gab den Deeskalationswilligen, erzählt der Knecht. Und dass er da aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht hätte, weil bei einem knorrigen alten Ex-Pfeifenraucher und Schafkopfer aus dem Dorf, wie der Mühlleitner Fonse einer ist, die Deeskalationswilligen noch als Feiglinge gelten. Also erwiderte er laut Tonaufnahme vom Heinerhofbauern seinem Knecht seinem Bauernsmartphone:

  • „Hören Sie, Herr …“
  • „Nix, Herr! Ich bin der Mühlleitner Fonse, du reingeschmeckter Hippie …“
  • „Herr Mühlleitner-Fonse …“
  • „Ohne Bindestrich!“
  • “ … wenn Sie friedlich mit uns diskutieren wollen, dann setzen Sie sich doch bitte zu uns und argumentieren Sie, ohne dabei beleidigend zu werden.“
  • „Da gibt es nichts zum diskutieren, du grüner Pimperlwichtig! Du redest einen Scheiß daher!“
  • „Sie sind wohl nicht auf der Höhe der Zeit, Herr … äh … Hinter-Wäldler?“

Das hätte er nicht sagen sollen, meint der Knecht. Da sei der grüne Hofprominenzler einfach zu schnippisch geworden. Und dass es bei den Grünen auch nicht immer so hinhaut mit der Deeskalation, weil der beste Kommunikationsberater nichts an einer Begriffsstutzigkeit ändert. So hätten die Dinge dann ihren Lauf genommen. Der Mühlleitner Fonse sei aufgestanden und habe den prominenten Hofbreiter oder Hochweidler mit einem einzigen Faustschlag so über den Tisch und zwischen die feministische Pfarrerin und die Mitglieder des grünen Ortsverbandes hineingewichst, dass es ihm die Zottelfrisur für einen kurzen Moment waagrecht in die rauchfreie Luft gestellt hat. Ein Bild für die Götter sei es gewesen bei allem Unrecht, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht.

Auf seiner Tonaufnahme konnte man tatsächlich allerlei „Oh, wie schrecklich!“ im Hintergrund hören und dass jetzt alle traumatisiert seien zur beschaulichen Abendstunde. Die feministische Pfarrerin rief recht hysterisch: „Polizei,Polizei! Nun rufe doch endlich jemand die Polizei!“ Übertönt wurde das alles aber vom Mühlleitner Fonse, aus dem es dann erst richtig herausgebrochen ist.

  • „Waldsterben, Ozonloch, Windräder, Dieselschmarren und Weiberkram – ihr nichtsnutzige Saubande geht mir schon lang auf den Sack! Nix wissen, aber die ganze Zeit anderen Leuten den letzten Nerv rauben mit euren geschissenen Verboten! Mir reicht´s mit eurem Dachschaden! Die Leute werden jedes Jahr immer älter! Bei uns im Dorf gibt´s fünf Hundertjährige, drei davon fahren noch einen Mähdrescher und einer sogar eine Harley Davidson. Denen fehlt überhaupt nichts!“

Dem Heinerhofbauern sein Knecht drückte die Stoptaste und erklärte mir, daß das stimmt. Der Waidbauer Sepp habe zu seinem hundertsten Geburtstag sogar die Schalldämpfer aus dem Auspuff seiner Harley Davidson entfernt, weil er nicht mehr so gut hört, obwohl er sonst noch recht fit ist, wenn man außer acht lässt, dass er auch nicht mehr so gut sieht. Und dass das ein Verantwortungsbewußtsein gewesen sei vom Waidbauer Sepp, weil man ihn jetzt schon von aller Weite hören –  und rechtzeitig aus dem Weg springen kann, wenn er mit seinem Motorrad unterwegs ist, um sich eine neue Kiste Zigarren zu holen. Dann drückte er wieder die Playtaste.

  • „Unsere Luft ist sauber genug! Wenn du siebengescheiter G´schaftlhuber glaubst, dass wir wegen deiner geschissenen Schlaumeierei das Getreide anstatt mit dem Mähdrescher wieder mit der Sichel abschneiden und den Acker mit dem Gaul pflügen, dann hast du einen Sauerstoffmangel in deinem Krachschädel, der mit unserer Luft überhaupt nichts zum tun hat! Unsere Luft ist einwandfrei! Man kann sie ein- und ausschnaufen bis man 100 Jahre alt wird! Das merkst dir, grüner Feuermelder, Sauhund dreckerter, verreckter …“

Daraufhin, sagt der Knecht, habe sich der grüne Parteiprominenzler wieder aufrappeln wollen, der Mühlleitner aber hätte schon wieder aufgezogen, weswegen er sofort umdisponiert – und sich hinter der feministischen Pfarrerin versteckt habe, die mit ihrer Piepsstimme immer noch „Polizei! Polizei! Der arme Herr Hochschreiner!“ geschrien hat. Richtig hysterisch sei sie gewesen. Das war dem Parteiprominenzler sein Glück, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, weil der Mühlleitner Fonse noch einer vom alten Schlag ist, der keine Pfarrerin aus dem Weg räumt, egal, wie feministisch sie ist. Der sagt sogar noch „Hochwürden“, versichert der Knecht, spuckt aber danach aus, wenn keiner herschaut.

Dem Heinerhofbauern sein Knecht glaubt, dass man in den Kreisen des Hofschreiber oder Hohnreiter in der Situation, das, was sich dann abspielte, als einen „deeskalierenden Versuch der Gesichtswahrung durch das Anbieten eines konstruktiven Dialogs auf Augenhöhe“ bezeichnen würde. Der Parteiprominenzler habe die piepsende Pfarrerin wie einen Schutzschild vor sich gehalten, dahinter hervorgelugt und mit honigsüßer Stimme geflötet:

  • „Aber Herr Mühlleitner-Fonse, so beruhigen Sie sich doch! Wir können doch über alles reden! Sie sind bestimmt ein Opfer! Unbewältigtes frühkindliches Ernährungstrauma durch patriarchalisch verseuchte Muttermilch, vielleicht? Das würde sehr zu Ihren Gunsten bewertet werden, Herr Mühlleitner-Fonse. Sprechen Sie mit mir! Gewalttätige Menschen machen die Menschen nur traurig …“
  • „Von deinem schadstoffbelasteten Luftschädel werden sie auch nicht lustiger, Freunderl! Über die Luft vor unserer Wirtshaustür lügst du nicht auch noch, das sag´ ich dir!“

Bis der Mühlleitner dem grünen Sauerkrautszottel vom Parteivorstand großzügig die Hand gereicht hat, um ihm hinter der, inzwischen nur noch komatös piepsenden Pfarrerin hervorzuhelfen, sagt der Knecht, habe es noch ein paar Wortwechsel gegeben. Zeit genug sei das gewesen für den Dorfwirt, seinen unbegleiteten schwäbischen Flüchtling durchs Dorf zu schicken, um die ehemaligen Rauchkartler zusammenzutrommeln.

Der Zeitpunkt der Revolution war gekommen, sagt der Knecht. Es habe einfach in der Luft gelegen, dass an diesem Abend noch Geschichte geschrieben werden würde. Der Wirt habe es offenbar genau gespürt, meint er. Die Rückeroberung des Wirthauses vom Feind habe in greifbarer Nähe gelegen.

Wenig später sei die Tür zur Gaststube aufgeflogen, so der Knecht, und 15 ehemalige Wirtshauskartler aus dem Dorf seien mit qualmenden Tabakspfeifen und dicken Zigarren in den Mundwinkeln breitbeinig wie die Innerdeutsche Grenze in der Gaststube gestanden, darunter der Schiermeier Rudi. Der unbegleitete schwäbische Flüchtling habe wahrscheinlich nicht gewusst, dass der Schiermeier Rudi schon immer bloß ein Brunzkartler gewesen ist. Jedenfalls sei es der Schiermeier gewesen, der dann vorgetreten ist und in den Raum gebrüllt hat:

  • „Hände hoch, Smartphones fallen lassen! Keine Wischbewegung!“

So herrisch habe der Schiermeier Rudi, der alte Brunzkartler dabei gewirkt, sagt der Knecht, dass er sofort die Smartphones auf und unter die Tische klappern hören hat. Die Bauernapple seien dabei sogar kaputt gegangen, meint er. Beim grünen Ortsverband hätten die ersten zu weinen angefangen, der grüne Parteiprominenzzottel Holzreiner oder Hochbeiner bereits eine bebende Unterlippe gehabt – aber wenigstens sein Maul gehalten – und der Schiermeier Rudi habe dann weitere Kommandos gebrüllt. Die feministische Pfarrerin sei endgültig gar in Ohnmacht gefallen.

  • „Schleicht euch! Der grüne Ortsverband als erstes, langsam und geordnet, Hände über dem Kopf – RAUS! Dann die bierophoben Wischwasserpanscher – und lasst euch hier nie wieder blicken, verstanden?“
  • „Wir können aber die Frau Pfarrerin nicht einfach hier liegen lassen …“

Was für ein Gegreine, sagt der Knecht. Nicht zum aushalten sei es. Er glaubt, dass er die Stelle später löscht.

  • “ … wir müssen sie wiederbeleben und so ein Zeichen der Hilfsbereitschaft setzen, Sie Grobian!“
  • „Nix! Die kriegen wir selber wieder wach! Wirt! Einen Eimer kaltes Wasser auf Kosten des Hauses!“

Die feministische Pfarrerin sei dann die letzte gewesen, die der Schiermeier zum Wirtshaus hinausgespült hat. Seit gestern sei das Wirtshaus wieder in dörflicher Hand, es werde gesoffen, gekartelt und geraucht. Allerdings sei es heute in aller Früh schon zum No-Go-Area erklärt worden vom Landratsamt, weil sich die Polizei nicht getraut hat, die Wirtshausrevolution wieder rückgängig zu machen. Aber das macht nichts, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, weil denen, die schon immer ins Wirtshaus gegangen sind zum Karteln und zum Rauchen, ist es auch schon genauso lang wurscht, ob das Wirtshaus ein No-Go-Area ist oder nicht. Hauptsache, es ist eine verbots- und wischfreie Zone. Die Männer seien sowieso zum Dorfwirt gegangen, um einmal ohne ihre Weiber unter sich zu sein. Die mit den grauslichsten Xanthippen daheim sogar jeden Tag.

Ich habe immer gewusst, dass es rund gehen wird, wenn dem Heinerhofbauern sein Knecht erst einmal ein Bauernsmartphone in der Knechtsversion hat. Wie man sieht, habe ich recht behalten. Ohne dem Heinerhofbauern seinem Knecht sein Smartphone wüsste heute keiner etwas von der Wirtshausrevolution im Dorf. Ein Bauernsmartphone ist schon gut für die Demokratie. Da lassen sich Siegmeldungen nicht mehr so einfach unterdrücken.

 

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