Frankfurter Rundschau: Hier schreibt der Flüchtlingshelfer für die Menschen

Medienkritik (Foto: Collage)

In der Frankfurter Rundschau ist ein Gastbeitrag von Peter Ruhenstroth-Bauer erschienen. Er schreibt, dass kaum Flüchtlinge nach Europa wollten und dass es bloß viel Rauch um nichts gebe. Die Wörter „Asyltourismus“ und „Antrags-Tourist“ seien schwer daneben, meint er. Man liest es und denkt sich, dass Herr Ruhenstroth-Bauer ein sehr gut informierter Mann … Mensch sein muss, so, wie er einem Dinge erzählt, die man noch nie vorher gehört oder gelesen hat. Erst ganz am Ende des Artikels erfährt man dann, was Herr Ruhenstroth-Bauer beruflich so macht: Der Mensch ist Geschäftsführer der UN-Flüchtlingshilfe, dem nationalen Partner des UNHCR. Die Medienkritik.

Von Max Erdinger

„Stand Opa einst am Flakscheinwerfer, wird der Enkel Flüchtlingshelfer“, würde man in Frankfurt sagen, wenn man in Frankfurt so etwas sagen würde. Es ist aber noch nie vorgekommen.

Die FR schreibt: „Die Zahlen widersprechen der Debatte: Die meisten Flüchtlinge bleiben in Afrika oder in Asien, nur wenige verlassen ihre Heimatregion. Der FR-Gastbeitrag hält dem Ressentiment Fakten entgegen.“

„Die meisten“ und „nur wenige“ klingen schon im Teaser enorm faktenreich, sapperlott. Noch mehr Fakten und ich kippe vor Aufregung vom Stuhl. Was schreibt er nun recht faktenreich, der Gastautor Ruhenstroth-Bauer?

Die Antragszahlen der Asylsuchenden in Deutschland gehen nach Auskunft des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) deutlich zurück. Trotz dieser Tatsachen steht Deutschland für viele Menschen kurz davor, eine unvorstellbare Zahl an Schutzsuchenden aufzunehmen. Ein Effekt der aktuellen politischen Debatte ist, dass sich viele Menschen überfordert fühlen. Mehr noch, die Fakten und rationalen Argumente scheinen nicht mehr zu verfangen.

Mensch Peters Faktenwelt: Antragszahlen gehen deutlich zurück, viele Menschen meinen etwas, es gibt eine unvorstellbare Zahl und die vielen Menschen fühlen sich überfordert. Das ist ein bisschen viel Gefühl und Meinung fürs Faktische, oder, Ruhenstroth-Bauer, alter Spitzbube? Da muss man sich nicht wundern, wenn die Fakten nicht verfangen. Wie wäre es einmal mit ein paar schockierend niedrigen Zahlen, Rückgang bei der Antragsstellung in Prozent, Statistikschautafeln und dergleichen –  und so weiter, und so fort? Dann könnten wir endlich mal über „rationale Argumente“ reden! Ist das ein Vorschlag, Mensch Peter?

“ … alle zwei (!) Sekunden musste im vergangenen Jahr ein Mensch fliehen. 68,5 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht.“

Verdammt – und Angela Merkel ist keiner davon.

„Wer es sich nach dem Schwarz-Weiß-Muster einfach machen will, verweist auf die Medien. Die Berichterstattung und die Bilder aus 2015 sind uns allen noch präsent. Auf der einen Seite unendlich lange Trecks, die sich zu Fuß in die Sicherheit nach Europa brachten. Auf der anderen Seite eine Berichterstattung, die uns den Eindruck vermittelte, dass sich ausschließlich Facharbeiter und Akademiker auf den Weg zu uns gemacht haben. Tatsächlich waren die Berichte anfänglich zwiespältig und man konnte den Eindruck haben, dass man dem Publikum die Einordnung dieser großen Herausforderung nicht zutraute.“

Die Berichte waren nicht zwiespältig, sondern einfältig. Für Einfalt reicht ein einziger Spalt. Und um welche „große Herausforderung“ geht’s denn eigentlich, wenn gar nicht so viele „Flüchtlinge“ nach Europa wollen? Das mit den Facharbeitern und den Akademikern allerdings, die hier bei uns ankommen, waren tatsächlich Fake-News des Medien-Mainstreams. Das Magazin „Plusminus“ in der ARD am 04. Juli: 71 Prozent der „Asylsuchenden“ hierzulande sind geringst qualifiziert oder gar nicht. Wie’s wohl kommt? Ist allerweil nicht mehr der Wunsch der Vater des nachrichtlichen Gedankens?

„Aber schon sehr schnell haben Medien recherchiert und berichtet. Auch wenn bis heute das Thema Flucht und alle Ereignisse von und mit Geflüchteten in Deutschland immer noch unterschiedlich umgesetzt wird, wird über diese Probleme auch berichtet.“

Über ein großes Problem wird im Medien-Mainstream heute gar nicht berichtet. Vor zwei bis drei Jahren waren die Zeitungen voll von Geschichten über Syrer, die überall in Deutschland Geldbeutel gefunden haben. Je mehr Geldbeutel sie fanden, desto höher wurden auch die Beträge, die in den Portemonnaies enthalten gewesen sind. Heute wird von nicht einem einzigen Syrer mehr ein Geldbeutel gefunden. Jedenfalls steht nichts mehr davon in der Zeitung. Im Internet auch nicht. Das wäre ein Thema für eine Sondersendung in der ARD: „Der Findesyrer im Wandel der Zeit: Was macht der geflüchtete Geldbeutelfinder im Jahre 2018 mit dem gefundenen Geldbeutel, den er im Jahre 2016 noch bei der Polizei abgegeben hätte? Sind die staatlichen Unterstützungsleistungen etwa so großzügig, dass sein Spürsinn verkümmert?“

Dass kein Syrer mehr die Geldbeutel findet, die niemand verloren hat und über deren Auffindung sich ganz Deutschland dennoch freut wie Bolle – das ist doch ein berichtenswertes Problem, Ruhenstroth-Bauer, finden Sie nicht?

„So ist es nicht nur die unvorstellbare Zahl von 68,5 Millionen Geflüchteten weltweit, sondern auch die Tatsache, dass zwei Drittel der Flüchtlinge aus nur fünf Ländern kommen, nämlich aus Syrien, Afghanistan, Südsudan, Myanmar und Somalia haben die meisten Menschen vor der Gewalt Schutz suchen müssen. Länder wie die Türkei, Pakistan oder der Libanon tragen die Hauptlast der weltweiten Fluchtbewegungen. Die eigentliche Krise findet – entgegen der Wahrnehmung vieler Menschen – also nicht bei uns, sondern woanders statt.“

Was, wenn’s denn so ist, nichts daran ändert, dass Deutsche sich durchaus um die eigene statt um die eigentliche Krise sorgen dürfen.

„Die deutsche Gesellschaft hat nach den Jahren 2015/2016 den großen Stresstest bestanden. Überall sind Initiativen, Vereine oder auch Kommunen aktiv und engagieren sich für Geflüchtete, die bei uns Schutz gefunden haben. Gerade aber dieser Gegensatz zur aktuellen politischen Diskussion macht die Lage so brisant.“

Steht das irgendwo im Gesetz, dass die deutsche Gesellschaft sich Tüv-artig regelmäßigen Stresstests zu unterziehen hat? Wären irgendwelche deutschen Betriebserlaubnisse erloschen und Plaketten abgekratzt worden, wenn die deutsche Gesellschaft beim Stresstest durchgefallen wäre? Wer macht eigentlich in wessen Auftrag und zu welchem Zweck Stresstests mit der deutschen Gesellschaft? Was, wenn sich Deutsche lieber nicht stresstesten lassen wollen?

Europa hat unter schwerstem politischem Kraftaufwand 2,5 Millionen Flüchtlingen Schutz gewährt.

Und das sind nur die Flüchtlinge, wenn’s stimmt, Ruhenstroth-Bauer. Da kommen alle Wirtschaftsmigranten, Asyltouristen und IS-Terroristen noch obendrauf! Aber 2,5 Millionen sind für ein eigenes statt eines eigentlichen Problems auch schon nicht gerade wenig. Dass es wenig seien, hattest du aber eingangs behauptet, Ruhenstroth-Bauer, alter Spitzbube. Ich duze dich übrigens, weil mich der Bayerische Rundfunk auch duzt. Geht in Ordnung, oder?

„Gleichzeitig beansprucht es (Anm.: „Europa“, sprich EU) für sich, unter höchsten moralischen Ansprüchen für die Menschen einzutreten – damit legt es tief verwurzelte Widersprüche frei, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Allerdings gibt es gerade in dieser Frage die allergrößte Verantwortung aller, die zur öffentlichen Meinung und zur politischen Entscheidung beitragen.“

Dieses stinkende Gehirnwaschmittel namens „die Menschen“ kannst du selber behalten, Mensch Peter. Wenn schon EU, dann kümmert die sich gefälligst mit Priorität um Europäer, statt um irgendwelche „die Menschen“. Und eine deutsche Kanzlerin kümmert sich zuvörderst um die Deutschen statt um alle „die Europäer“ und alle „die Menschen“. Die Welt ist strukturiert, Ruhenstroth-Bauer. Da gibt es kleine, größere und ganz große Einheiten. Weder die EU noch Deutschland sind für alle Übel dieser Welt verantwortlich, welche den „die Menschen“ widerfahren können.

„Fluchtursachen bekämpfen!“, tönt es oft vollmundig aus politischen und medialen Kreisen. Dann bekämpft mal schön Fluchtursachen mit dem UNHCR, anstatt dem Rest der Welt billige Moralvorträge über ausreichende, resp. nicht ausreichende Symptombekämpfung zu halten. Und entscheide dich endlich für einen Namen. Ruhenstroth oder Bauer statt Ruhenstroth-Bauer. Was sollen denn die Leute von dir denken, Mensch Peter?

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