Die „Zeit“: Burkinis für alle!

Symbolfoto: PROcabellmon/ Flickr/ https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/
Burkini (Symbolfoto: PROcabellmon/ Flickr/ https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/)

In der „Zeit“ erinnert sich Frau Judith Luig an die Demütigungen ihrer Schulzeit. Elf  Jahre alt sei sie gewesen, schreibt sie, als sie „Erbse“ genannt worden ist. Ihre Klassenkameradinnen hatten bereits weibliche Brüste entwickelt und präsentierten diese beim Schwimmunterricht in knappen Bikini-Oberteilen. Es ist nicht klar, ob sich für Frau Luig etwas geändert hat seither, oder ob sie noch immer am liebsten ihr Bügelbrett verstecken würde. Bei der Lektüre ihres Artikels in der „Zeit“ bekommt man jedoch den Eindruck, daß „Erbse“ sich gar nicht auf ihre fehlende Oberweite bezogen haben könnte. Frau Luig fordert: „Burkinis für alle!“. Die ganze Erbsenzählerei.

von Max Erdinger

Frau Luig hatte es schwer im Leben. Der Herrgott wollte ihr partout keine große Oberweite spendieren, so daß sich unter ihrem ungefüllten Bikini-Oberteil bereits in der sechsten Klasse nichts anderes abzeichnete, als daß sie eines Tages Artikel für die „Zeit“würde schreiben müssen, anstatt ihren Lebensunterhalt mit dem Posieren für den Pirelli-Kalender zu verdienen.

Nun gab es dieser Tage viel Aufruhr um eine Schule in NRW, die Burkinis angeschafft hatte, damit auch muslimische Schülerinnen am Schwimmunterricht teilnehmen – Entschuldigung, „teilhaben“ – können. Daß die Schule diese Anschaffung getätigt hat, findet Frau Luig schon deswegen in Ordnung, weil heutzutage etwa die Hälfte aller Zehnjährigen nicht schwimmen kann – mit gräßlichen Folgen. Sie schreibt:

„Ein Ausflug mit der Klasse ins Freibad bedroht ihr Leben, auch Klassenfahrten ans Meer oder an Seen sind nicht drin. In Herne lernen die Mädchen nun schwimmen. Das gibt ihnen mehr Freiheit. Mehr Kompetenzen. Mehr Teilhabe. Ein weiterer Schritt in Richtung Emanzipation.“

Man fragt sich, weshalb es im Freibad ein Nichtschwimmerbecken gibt, wenn es nichts daran ändert, daß ein Ausflug ins Freibad für Nichtschwimmer lebensbedrohlich ist. Außerdem fragt man sich, ob es wirklich sicher ist, mit einem Nichtschwimmer im Auto auf der A8 am Chiemsee vorbeizufahren. Vor allem aber erschließt sich einem bei der Lektüre von Frau Luigs Burkini-Artikel nicht, was nun das Gute an „weiteren Schritten in Richtung Emanzipation“ sein soll. Früher haben ausschließlich schwimmfähige und vernünftige Männer Zeitungsartikel geschrieben. Ich meine, wenn es Frau Luig schon klasse findet, daß „mehr Freiheit und Teilhabe gegeben“ wird, wäre eigentlich das Kopftuch ihr Thema gewesen, nicht der Burkini. Weil selbst begnadete Autorinnen nicht mit den Brüsten schreiben.

Es fällt ihr aber noch ein Grund ein, weshalb der Burkini als Schwimmbekleidungsalternative für ale Mädchen gut wäre.

„Ein gesundes Geschlechterbild entwickelt sich also, wenn Mädchen Bikinis tragen? Der Zwang zu viel Haut sorgt für möglichst viel Natürlichkeit?“

Ja, Frau Luig, stellen Sie sich das einmal vor: FKK-Anhänger bezeichnen sich nicht nur als Nudisten (was übrigens nicht von „Nudel“ kommt), sondern oft auch als Naturisten. „Naturist“ kommt von „Natur“. Der Nackte sozusagen „Natur ist“.  Weil die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen außerdem aus Gründen der natürlichen Fortpflanzung existiert, ist es nur ebenso natürlich, daß das zeugende Geschlecht seine Paarungsbereitschaft nicht von knappen Kopftüchern, sondern über knappe Bikinihöschen erhält.

„Was für ein Verständnis von Geschlechterrollen soll das sein?“

Gerade eben habe ich es erklärt: Ein natürliches. Mit „Teil habe“ einerseits und „anderes Teil habe“ andererseits.

„Und was das Gefühl der Gleichwertigkeit angeht: Klöckner war offensichtlich nie ein halbnacktes elfjähriges Mädchen, das von Jungs in klobigen, alles bedeckenden Boxershorts begutachtet wurde.“

Julia Klöckner hatte sich gegen Burkinis ausgesprochen.

Alles bedeckende Boxershort schützen Jungs vor dem Vorwurf des strafbaren Exhibitionismus´. Der Exhibitionismusparagraph gilt nämlich nur für männliche Menschen und das Teil, das sie haben. Strafrechtlich gesehen kann jede Frau in der Öffentlichkeit alles ausziehen, was sie will, ohne daß sie deswegen verklagt werden könnte. Ob kleine, neugierige Gören im Alter von elf Jahren dennoch lieber die Teile sehen würden, welche die Jungs haben, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Theoretisch könnte Frau Luig splitternackt auf einem Schimmel durch die Fußgängerzone reiten, ihre Erbsen herzeigen und Burkinis für alle fordern, ohne daß sie deswegen mit einer Klage zu rechnen hätte.

„Wer den Stoff zum reinen Ausdruck von Unterdrückung und sexistischer Strukturen erklärt, der löst das Problem sicher nicht, wenn er den Burkini ächtet und es seinen Trägerinnen schwer macht. Freiheit wird nicht erlernt, indem man Unfreiheit verbietet. Sie wird dadurch auch für niemanden attraktiver.“

Sagen wir doch einfach, wie es ist: Eines der größeren Übel heutzutage besteht wesentlich häufiger aus schreibenden Frauen, als aus schwimmenden. Was will man eigentlich noch dazu sagen, wenn jemand der Ansicht ist, Freiheit müsse erlernt werden – und daß das nicht ginge, wenn man Unfreiheit verbietet. Ich meine, da stimmt es doch schon grundsätzlich nicht im Kopf – Burkini hin oder her. Freiheit erlernt man nicht, sondern die hat man idealerweise qua Geburt. Und „ideal“ ist ein Ideal.

„Vielleicht ist die Lösung ja ein Kompromiss: Burkinis für alle. Dann werden weder religiöse noch exhibitionistische Gefühle zu sehr gekränkt. Das würde auch anderen Menschen zugutekommen, die ihren Körper nicht gerne präsentieren. Ja, so einfach ist es eigentlich: Lasst die Schülerinnen die Badekleidung anziehen, die für sie passt.“

Kopflosigkeit gibt es auch in verschiedenen Erscheinungsformen. Hier in Deutschland haben wir uns darauf geeinigt, daß wir den Begriff eher in einem übertragenen Sinn verstehen wollen. Niemand käme auf die Idee, aus Gründen jener wichtigen Schritte hin zur Emanzipation zu fordern, daß Moslems hierzulande ihre eigenen Vorstellungen von Kopflosigkeit leben dürfen sollen. Hierzulande baden junge Schulmädchen in Badeanzügen und in Bikinis, nicht in Burkinis. Wer mit uns leben will, der paßt sich unseren Gebräuchen an, nicht wir uns den seinigen. Burkini kommt nicht in die Tüte, außer in die Abfalltüte.

 

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