Passhandel – Die Tore Europas stehen weiterhin für radikale Islamgläubige und Terroristen sperrangelweit auf

Foto:Durch Daniela Staerk/shutterstock
Foto:Durch Daniela Staerk/shutterstock

Der Handel mit gestohlenen oder veräußerten echten Pässen läuft weiter wie geschmiert. Die britische Zeitung MailOnline tauchte tief in das Millionen-Geschäft ein, sprach mit Händler, Käufern und Behörden. Es bleibt bei Warnungen vor der damit einhergehenden Gefahr. Die Tore Europas stehen weiterhin für radikale Islamgläubige und Terroristen sperrangelweit auf. Den Schutz der Bevölkerung stellen die Verantwortlichen für ihren Traum vom „offenen Europa“ eiskalt hinten an. 

von Marilla Slominski

Gefälschte EU-Papiere können innerhalb von drei Tagen vom Balkan beschafft werden, Briten verkaufen ihre Pässe und gestohlene Ausweispapiere und ermöglichen so die Reisefreiheit in ganze Europa. Die kriminellen Pass-Händler reisen nach Istanbul oder Athen, verkaufen dort die Papiere an Menschenschmugglern. Laut Sicherheitsexperten ist ein britischer Original-Pass für Kriminelle und Dschihadisten wie „ein Sechster im Lotto“, sie können so vollkommen legal unentdeckt jede Grenze überschreiten.

Reportern der MailOnline wurden von einem der führenden Köpfe der Menschenschmuggler in der Türkei Abu Ahmad, mit Spitznamen „Der Doktor“, fünf verschiede britische Originalpässe angeboten, Stückpreis rund 2800 Euro. Einer war einem Briten, der in Brüssel arbeitet, gestohlen worden, der zweite einem Oxford Absolventen bei einem Paris-Besuch, der dritte wurde einer 28-jährigen Britin in ihrem Spanienurlaub geklaut. Sieben von 10 Kunden würden es mit seiner „Hilfe“ nach Großbritannien schaffen. Seine Papiere seien „echt“, andernfalls würden sie Kontrollen nicht überstehen, erklärt Abu Ahmad gegenüber der MailOnline.

Abu Ahmad wurde vor kurzem in der Türkei zu einer 8-jährigen Haftstrafe verurteilt, weil er Tausende von Migranten nach Europa gebracht hat, unter ihnen auch verdächtige Dschihadisten. Doch weil sein Anwalt sofort Berufung einlegte, wurde er gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt und betreibt jetzt sein Geschäft von der Türkei aus. Zu seinen besten Zeiten habe er monatlich rund 125.000 Euro verdient, so Ahmad.

„Jeder gestohlene Pass wird verkauft“

„Die meisten Papier sind gestohlen, außer es handelt sich um arabische oder pakistanische Namen, die können auch verkauft worden sein,“ meint Ahmad. Verkaufte Papiere würden über einen gewissen Zeitraum nicht als gestohlen gemeldet, so dass die Käufer in der Zeit ohne aufzufallen einreisen können. Mit Dschihadisten habe er nichts zu tun, gibt er an. Doch in der Türkei weiß es ein syrischer Einwanderer besser – erst vor Kurzem habe Ahmad zwei bekannten Islamisten aus Damaskus bei der Einreise nach Europa geholfen. Die deutschen Behörden seien nach deren Ankunft alarmiert worden, so der Syrer.

Interpol sammle zwar in einer Datenbank Informationen über gestohlene oder vermisste Papiere, doch die sei nicht mit den nationalen Listen der einzelnen europäischen Staaten verknüpft, gibt die Organisation auf ihrer Webseite an.

screenshot Twitter
Handel mit gestohlenen Pässen läuft weiter wie geschmiert (screenshot Twitter)

Der 40-jährige Ahmad und ehemalige Herzchirurg wird inzwischen von Interpol gesucht und packt bei einem Treffen im Istanbuler Grand Hyatt Hotel gegenüber den Reportern aus.

Er habe Pässe aus Dänemark und Schweden im Angebot. Die meisten kämen aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien und er könne Papiere aus jedem anderen europäischen Land besorgen. „Alle Pässe, die irgendwo gestohlen wurden, werden verkauft. Der Handel blüht“, so Ahmad. „7 von 10 schaffen es durch die Kontrollen am Flughafen. Bei denen, die geschnappt werden, versuchen wir es einfach nach vier oder fünf Tagen erneut“. Er achte beim Passverkauf auf die Ähnlichkeit der Personen. Es käme auch auf darauf an, wie stark sie in der Situation seien, auch ihre Persönlichkeit und die Sprache spielten eine Rolle, wenn der erste Versuch klappen soll.

Die Preise würden je nach Dienstleistung zwischen knapp 3000 bis hin zu fast 10.000 Euro reichen. „Es ist ein stolzer Preis, doch dafür kümmere er sich auch um Hotelzimmer, Essen und sorge dafür, dass der Kunde sich wohl fühlt. Viele von ihnen haben noch nie einen Flughafen gesehen. Sie bekommen jemanden an die Seite gestellt, der für sie eincheckt  und sie dann telefonisch durch die Sicherheitskontrollen lotst bis sie am Gate angekommen sind. Wir instruieren ihn, nicht zu sagen, dass er aus der Türkei kommt sondern aus einem anderen Land wie Ägypten oder aus Beirut.

Ahmad ist dreifacher Vater und palästinensisch-syrischer Herkunft. Er studierte in Damaskus Medizin und arbeitete als Herzspezialist im Al Bassel Hospital bevor er nach Aleppo ging. 2013 floh er aus Syrien und landete in der Türkei und obwohl er seit fünf Jahren dort lebt, spricht er weder Türkisch noch Englisch, er tätigt alle Geschäfte auf Arabisch.

„The Doctor“ – von Anfang an dabei

Er kennt das Geschäft mit den Migranten von Anfang an. Er berichtet auch von dem perfekten Zusammenspiel zwischen den Menschenschmugglern und der NGO´s auf dem Mittelmeer.

Er investiere in u.a. Schiffscontainer und Boote, um die Einwanderer nach Europa zu bringen.

„Wir kauften die Boote in Zypern, brachten sie in internationale Gewässer und sammelten die Leute von den kleineren Booten ein. Danach folgte eine viertätige Segeltour Richtung italienische Küste.

„In italienischen Gewässern angekommen, wurde dem Roten Kreuz mitgeteilt, dass das Schiff sinkt. Die machten sich auf den Weg und übernahmen die Migranten. Waren die Boote intakt, stieg oftmals  auch einer vom Roten Kreuz ein und steuerte das Boot an Land. Dafür musste der Kapitän sich bloßen in der Menge verstecken. Die Migranten behaupteten dann, er sei abgehauen“, erzählt Ahmad von den Praktiken.

Das einträgliche Geschäft auf dem Mittelmeer endete für Ahmad, als rivalisierende Schmuggler eines seiner Schiffe kaperten. Das kostete ihn eine Million Dollar und ließ ihn mit riesigen Schuldenberg bei anderen Kriminellen zurück.

Die deutsche Polizei ermittelte gegen ihn und er kam auf die Interpol-Fahndungsliste. Im Morgengrauen wurde er 2016 bei einer Razzia in seinem Zuhause im türkischen Mersin verhaftet.

Insgesamt 10 Männer seiner der 37-köpfigen Schmugglerbande seien verhaftet worden, einschließlich eines deutschen Verbindungsmannes. Der Rest der Gruppe habe fliehen können. Nach einem viermonatigen Gefängnisaufenthalt wurde er auf Kaution entlassen. Trotz Verurteilung und weiteren Ermittlungen gegen ihn, arbeitet Ahmad fleißig weiter. „Ich schmuggele weiter Migranten, aber etwas mehr im Verborgenen und ich bin vorsichtiger. Ich weiß nicht, ob die Polizei darüber Bescheid weiß, aber ich bin sicher ,dass sie mich beobachten. Ich wechsele deshalb häufig Handy und Standort.

Dadurch verdiene er jetzt „nur noch“ kapp 4000 Euro im Monat – immerhin das 10-fache des türkischen Durchschnittseinkommens. Nach dem treffen mit den Reportern von MailOnline, steht für ihn eine Reise nach Libyen und Kanada auf dem Plan. „Ich habe noch nie Probleme gehabt, mit einem gestohlenen Pass zu reisen“, so Ahmad, einer der führenden Köpfe der  Menschenschmuggler in der Türkei.

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