„Buntes“ Neukölln: Hier sterben besonders viele Babys

Foto:Durch mina Armina/shutterstock
Hohe Säuglingssterblichkeit in Neukölln (Foto:Durch mina Armina/shutterstock)

Die Säuglingssterblichkeit im Berliner Bezirk Neukölln ist doppelt so hoch wie im Rest der Hauptstadt. Kinder mit Migrationshintergrund neigen zu Übergewicht und junge türkische Frauen leiden unter einem überdurchschnittlich hohen  Suizidrisiko. Zu diesen Ergebnissen kommt jetzt ein Bericht mit dem Namen „Gesundheitlichen Lage von Menschen mit Migrationshintergrund“.

44% der 143.621 Neuköllner Einwohner haben einen sogenannten Migrationshintergrund – die Hälfte von ihnen besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Und der Bezirk wird immer „bunter“. In den letzten zehn Jahren wuchs der die Anzahl der Menschen mit ausländischen Wurzeln um weitere 13 Prozent so die Studie. Mit dieser Bevölkerungsstruktur wachsen auch die gesundheitlichen Probleme. Zwar würden die Islamgläubigen weniger Tabak, Alkohol und Drogen konsumieren, doch auffällig sei die hohe Säuglingssterblichkeit. Grund: Neben dem Fachärzte-Mangel im Bezirk würden die Frauen seltener und später an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen. Eine weiter Rolle könne die Häufung von Verwandtenehen spielen.

Als Verwandtenehe werden Eheschließungen zwischen engen Verwandten bezeichnet, z.B. Ehen zwischen Cousin und Cousine oder Nichte und Onkel. Diese Art der Partnerwahl sei oft „Bestandteil der jeweiligen Herkunftskultur“, so die Studie.  Sie solle zur Stärkung der Familienbünde, zur Stabilität der Ehe und zum Erhalt der Traditionen beitragen. Oftmals spielten auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle. Die genetische Ähnlichkeit der Eltern berge die Gefahr, dass bei den Kindern zum Teil schwere Erbkrankheiten und Behinderungen auftreten oder sie sogar besonders früh sterben. Es wird geschätzt, dass das Risiko eines behinderten Kindes bei nah verwandten Eltern 2- bis 3-mal so hoch wie bei nichtverwandten Paaren ist und etwa 8% beträgt. Doch das Thema sei politisch tabu und so gebe es nur wenig verlässliche Zahlen dazu.  Eine Befragung unter türkischen Frauen in Berlin aus dem Jahr 2011 ergab jedoch, dass 31% mit ihrem Ehepartner verwandt sind.

Die Ehe zwischen Verwandten ist nicht nur in der türkischen Kultur Kultur „beliebt“, sondern auch im arabischen und indischen Raum. Nach Einschätzung des Chefarztes Vivantes-Klinik Neukölln Prof. Dr. Rainer Rossi finden sich Kinder, die an einer genetisch bedingten Erkrankung leiden, in Neukölln jedoch weniger in der türkischstämmigen Bevölkerung – sondern eher in arabischen und insbesondere in libanesischen Familien. Hier könne nur Aufklärung über die Risiken helfen, meinen die Autoren.

Ursache für die hohe Säuglingssterblichkeit kann auch die unterdurchschnittliche Teilnahme von Frauen mit ausländischen Wurzeln an Vorsorgeuntersuchungen sein. Sprachbarrieren und durch den Islamischen Glauben begründete Scham sich zu entblößen und sich von einem Fremden berühren zu lassen, seien ein Grund dafür. Die Frauen hätten auch während der Schwangerschaft mit mehr Komplikationen wie Anämien, vaginale Infektionen, schweres Schwangerschaftserbrechen und drohende Fehlgeburten zu kämpfen.

In Bezug auf das erhöhte Selbstmordrisiko, müsse man ein besonderes Augenmerk auf die jungen Frauen mit Migrationshintergrund haben. Nicht nur in Berlin ist das Risiko eines Selbstmordversuches bei jungen türkischen Frauen überdurchschnittlich hoch. Sie sind einem besonderen Druck und Erwartungen aus dem familiären Umfeld ausgesetzt, der sich sich aus dem Spannungsfeld zwischen deutscher und traditioneller Kultur ergebe. (MS)

Loading...