Helvetische Vollgeld-Fantastilliarden

Foto: Durch ullrich/Shutterstock

Als wirtschaftswissenschaftlicher Laie, aber geldtheoretisch interessierter Blogger („Canabbaia“) verfolge ich die Schweizer Debatte um die Vollgeld-Initiative mit einer gewissen Verwunderung. Ein wesentlicher Punkt in der Argumentation der Initiative sind die Geldschöpfungsgewinne („Seigniorage“) des Bankensystems (wobei zu unterscheiden ist zwischen den Geschäftsbanken und der Zentralbank). Diesen Aspekt behandele ich hier.

Von Burkhardt Brinkmann

„Gewinne aus dem Nichts“: Ein „unfairer Vorteil“ für die Geschäftsbanken?

Banken machen mit Vollgeld das, was sie schon immer getan haben: Kredite vergeben, den Zahlungsverkehr abwickeln und Vermögen verwalten. Der Unterschied: sie dürfen kein elektronisches Buchgeld mehr herstellen. Somit können die Banken nur noch mit Geld arbeiten, das ihnen von Sparern, anderen Banken oder von der Nationalbank zufliesst oder das sie selber besitzen. Damit haben sie keinen unfairen Vorteil mehr, sondern werden allen anderen Marktteilnehmer[n] – die alle kein Geld herstellen können – gleichgestellt.“ (Ziff. 4 der „2-Minuten-Info“)

Aber unter Ziff. 6 erfährt man:

Von 2007 bis 2014 haben Schweizer Banken 34,8 Milliarden Franken verborgene Subventionen erhalten, weil sie selber elektronisches Geld herstellten ….. . Von diesen versteckten Subventionen profitierten vor allem die Grossbanken, kaum jedoch die Raiffeisen- und Regionalbanken. Aber seit einigen Jahren gibt es diesen finanziellen Vorteil nicht mehr, denn ob Banken kostenlos selbst Geld schaffen oder zu Null Prozent Zins von der Nationalbank leihen, macht für sie keinen Unterschied. Der Zeitpunkt für eine Umstellung auf Vollgeld ist also günstig. Die Banken verlieren nichts. Die Banken können auch mit Vollgeld rentabel arbeiten.

Unabhängig davon, dass diese angeblichen Subventionen auch nach Meinung der Initianten aktuell nicht anfallen, sind diese „Geldschöpfungsgewinne“ nur für naive Betrachter eine Subvention oder ein Skandalon. Unternehmen, die keine Gewinne machen, verschwinden vom Markt (oder gehören dem Staat). Zu Recht weisen zahlreiche Kommentatoren darauf hin, dass die Gewinnhöhe (auch) bei den Banken von der Marktlage, insbesondere der Wettbewerbsintensität, abhängt. Beispielhaft ist insoweit die Feststellung von Thomas Fuster („Schnell reich werden? Nichts einfacher als das, meinen die Befürworter von Vollgeld“, NZZ vom 23.05.2018): „… auf dem Schweizer Bankenmarkt herrscht ein harter Wettbewerb. Besonders gross dürfte der Geldschöpfungsgewinn daher nicht sein.“ Damit räumt er immerhin auch ein, dass es einen solchen Gewinn tatsächlich gibt.

Manche bestreiten das. Prof. Philippe Bacchetta z. B. bezeichnet es in seinem Papier “The sovereign money initiative in Switzerland: an economic assessment als Falschbehauptung, dass durch die Kreditschöpfung Geld entstehe („Mistaken claim 1: credit creates money“, S. 3). Bei näherem Hinsehen entpuppt sich das allerdings als semantische Taschenspielerei, bei der u. a. das Geld mit der Geldmenge M1 gleichgesetzt wird. (S. 4: „In other terms, there is no obvious link between credit and sight deposits even when considering a single loan.„)

Dagegen gibt die SNB die Geldschöpfungsfähigkeit der Banken unumwunden zu: „Es trifft zu, dass Banken mit der Kreditvergabe (Bankenbuch-)Geld schaffen können“ heißt es in den „Häufig gestellten Fragen“.

Desgleichen ein vom Schweizer Finanzministerium verfasstes „Gegenargumentarium“ (hier verlinkt; Ziff. 5 „Geldschöpfungsgewinn“): „Es trifft zu, dass die Banken durch die Kreditvergabe Buchgeld schaffen können und für die vergebenen Kredite in der Regel einen höheren Zins verlangen als sie für die Sichteinlagen vergüten.“

Die Debatte um die Geldschöpfung „ex nihilo“ (aus dem Nichts) ist nicht aus Nichts entstanden und folglich nicht ohne ihren konkreten Hintergrund zu verstehen. Der liegt in dem Unterschied zwischen Warengeld und Fiatgeld. Warengeld (also z. B. Goldmünzen) hat unabhängig von seiner Funktion als Kaufkraftsymbol einen Materialwert (der letztlich aus der dafür aufgewendeten Arbeit stammt). Die Goldmünze werde ich selbst dann verkaufen können, wenn der Staat sie als Zahlungsmittel für ungültig erklärt. Zwar steht auch hinter dem kreditär geschöpften Fiatgeld einiges mehr als ein bloßes „Abrakadabra“ des Kreditsachbearbeiters. Das Bankensystem ist hochkomplex und zahlreichen Regeln unterworfen, und die Geschäftsbanken kommen nicht völlig ohne Zentralbankgeld aus. Aber einen materiellen Wert haben Geldscheine nur als Fidibusse zum Feueranzünden: Für eine Billion Reichsmark von anno 1923 bezahlt heute allenfalls ein Sammler noch (ein wenig) „richtiges“ Geld. Und mit Buchgeld kann man sich noch nicht einmal eine Zigarre anstecken. SO gesehen machen die Banken heutzutage tatsächlich aus „Nichts“ Geld.

Der Wert des „wertlosen“ Geldes ist die Güterdeckung

Der Wert des modernen, materiell tatsächlich wertlosen Geldes liegt in seiner Kaufkraft, also darin, dass Marktanbieter dem Geldbesitzer sauer erarbeitete Güter für seine „Fidibusse“ verkaufen. Aber ist der tiefere Mechanismus dahinter wirklich nur „Vertrauen“, wie Christian Müller behauptet (Gastkommentar „Geld steht für Vertrauen“, NZZ 24.01.2017)?

Auch diese Behauptung ist nicht zu verstehen, wenn man nicht weiß, wie der ökonomische Mainstream den Zusammenhang zwischen Geldwirtschaft und Güterwirtschaft begreift: Nämlich gar nicht. Mehr oder weniger zusammenhanglos wird auf der einen Seite die Realwirtschaft gedacht, und auf der anderen Seite existiert eine Geldmenge, die aus geheimnisvollen Gründen irgendwie mehr oder weniger dazu passt. (Als Beispiel für die vielfältige Kritik an dieser Sichtweise möge der Aufsatz „Die Neutralitätstheorie des Geldes. Ein kritischer Überblick“ von Ulas Sener dienen.)

Die dualistische Betrachtung ist ein primitiver Rückschritt hinter jenen Wissensstand, den bereits der deutsche Notenbanker und Wirtschaftswissenschaftler Otto Veit in seinem Buch „Reale Theorie des Geldes“ (1966, S. 29) beschrieben hatte (meine Hervorhebungen): „….. Kreditgeld ist volkswirtschaftlich nicht ‚ungedeckt‘, wie manchmal gesagt wird. Bankmäßig liegt die Deckung in dem Anspruch gegen den Schuldner; volkswirtschaftlich liegt sie in der antizipierten Güterleistung, die der Schuldner erbringen muss, um den Kredit einzulösen„. Leider hat er nicht erklärt, was man sich unter einer „antizipierten Güterleistung“ vorzustellen hat. Die Wirtschaftswissenschaft hat es vorgezogen, im intellektuellen Sandkasten mit mathematischen Förm(el)chen zu hantieren, anstatt simple Zusammenhänge gründlich zu durchdenken. Und wie bei jedem (faulen) Zauber geht es auch bei diesem Brimborium um Magier-Macht (der Wissenschaftler) und um das Verdecken knallharter Interessen (der Kapitalbesitzer).

Auf welche Weise die kreditäre Geldschöpfung (im Prinzip) eine Güterdeckung bewirkt, kann man vielleicht am besten durch einen Vergleich mit Falschgeld verstehen. „Am Anfang war der Schein“ (Buchgeld denken wir stillschweigend mit), könnten wir unsere ganz spezielle „legenda aurea“ einleiten. Soll heißen: Banken wie Geldfälscher produzieren zu Beginn gleich wertlose „Fidibusse“ und gehen damit einkaufen (Geldfälscher) oder „ermächtigen“ den Kreditnehmer zum Einkaufen. Versteht man den Markt als Tauschsystem, dann hat der Verkäufer einen schlechten Tausch gemacht: Er hat (z. B.) ein Auto abgegeben und sich als „Belohnung“ einen Packen Fidibusse eingehandelt. Beim Geldfälscher endet hier die Story; beim Kreditgeld dagegen nicht.

In einem ersten, noch primitiven und rein provisorischen Veranschaulichungsschritt können wir sagen: Der Kreditnehmer muss dem Verkäufer ein nagelneues Auto zurückgeben. Und sogar noch ein paar Ersatzteile dazulegen („Zinsen“). Ein zweiter Schritt führt uns näher an die Wirklichkeit heran: Um seinen Kredit zu tilgen, braucht der Kreditnehmer bei Fälligkeit erneut Geld. Das kann er nicht (dauerhaft) bekommen, indem er sich wieder was pumpt. Irgendwann muss er am Markt etwas verkaufen, um seine Geldschuld tilgen zu können. Und eben dieser Verkauf ist seine eigene „Güterleistung“ gegenüber dem Markt (bzw., wenn man sich alle Zwischenstationen der wirklichen Wirtschaft wegdenkt: seine reale Gegenleistung an den Verkäufer), welche bei der Kreditvergabe und dem dadurch ermöglichten „Fidibuskauf“ sozusagen vorweggenommen („antizipiert“) wurde.

Eine Zusammenschau beider „Schienen“, der Geld-Welt und der Güter-Welt, entschleiert eine „doppelte“ Verschuldung des Kreditnehmers. Unstreitig schuldet er seiner Bank Geld. Stets übersehen wird dagegen (weil es nirgends geschrieben steht, sondern lediglich ein ökonomisches Faktum ist): Auch „dem Markt“ schuldet der Kreditnehmer etwas, nämlich Güter. Also im Beispiel jenes Auto, das er sozusagen „vorschussweise“ aus dem gesellschaftlich gemeinsam produzierten „Güterpool“ entnehmen durfte.

Was sich juristisch und auf dem Papier lediglich als Geldschuld darstellt, entpuppt sich aus ökonomischer Sicht als Doppelschuld. Genauer: als eine Verschuldung in zwei Dimensionen.

Mit der Kreditrückzahlung hat der Kreditnehmer beide Schulden getilgt:

  • Zunächst hat er (idealtypisch gedacht) ein selbst produziertes Gut am Markt verkauft, das mehr wert ist als jenes, welches er selber mit dem Kredit gekauft hatte.
  • Das so eingenommene Geld hat er, als Kredittilgung plus Zinsen, seiner Bank zurückgezahlt (womit es wieder „vernichtet“ ist).

Den Vollgeld-Fantastilliarden fehlt das Güteräquivalent

Mit diesem Kenntnisstand können wir uns nunmehr jenen Fantastilliarden zuwenden, welche die Vollgeld-Fans (bildlich gesprochen) jubelnd vom Helikopter unters Volk werfen wollen: Der Seigniorage, die bei der Zentralbank anfällt bzw. bei jenen Glücklichen (Bürgern und/oder Staatsorganen) welche die Zentralbank nach der Vorstellung der Initianten mit ihrer „schuldfreien Geldschöpfung“ beschenken soll.

Die Schweizer Nationalbank glaubt offenbar auch, dass der Geldwert nur aus Vertrauen resultiert; der mikroökonomische Mechanismus, welcher (dem Grunde nach; in der Realität ist das natürlich komplexer) das kreditär emittierte Geld mit einem Güterwert unterfüttert, ist ihr Hekuba: „Die «schuldfreie» Ausgabe von Zentralbankgeld würde die Bilanz der SNB aushöhlen und das Vertrauen in den Franken schwächen.“ („Die Position der SNB in Kürze“).

In seinem „Gegenargumentarium zur Entkräftung der Argumente des Initiativkomitees“ (zusammen mit anderen Dokumenten hier verlinkt) schreibt das Eidgenössische Finanzdepartement (Ziff. 5, „Geldschöpfungsgewinn“):

„Im heutigen System erwirtschaftet die SNB im Rahmen ihrer Geldschöpfung einen Geldschöpfungsgewinn (sog. Seigniorage): Wenn sie neues Geld in Umlauf bringt, erwirbt sie im Gegenzug von den Banken Anlagewerte wie Devisen oder Aktien oder gewährt ihnen Kredite. Diese Aktiven werfen Erträge in Form von Zinsen oder Dividenden ab, die in den SNB-Gewinn fliessen und über Gewinnausschüttungen an Bund und Kantone abgeführt werden und somit der Allgemeinheit zugutekommen. Bei der von der Initiative vorgesehenen schuldfreien Geldverteilung würde die SNB hingegen, im Gegensatz zu heute, für das neugeschaffene Geld keine Aktiven mehr als Gegenleistung erhalten, sondern das Geld quasi ‚verschenken‘. Diese Art der schuldfreien Verteilung bedeutet jedoch für die Volkswirtschaft keinen Gewinn.“

Das ist schon präziser; aber auch hier bleibt die fehlende Güter-Gegenleistung – und damit deren notwendig inflationäre Folgen – ausgeklammert. Lediglich für ein über die Pläne der Initianten hinaus erweitertes Geldverschenkens prognostiziert das Gegenargumentarium inflationäre Folgen (Ziff. 6 „Finanzpolitik“). Auch diese werden freilich nicht ökonomisch begründet, sondern bestenfalls (wenn man den Hinweis auf die „Erfahrung“ überhaupt soweit ausdehnen will) historisch:

„… die Erfahrung [hat] gelehrt …, dass ohne strikte Trennung von Finanz- und Geldpolitik die Zentralbank unter politischen Druck gerät, öffentliche Ausgaben mittels Notenpresse zu finanzieren, was auf lange Sicht inflationär wirkt.

Einen versteckten Goldesel gibt es natürlich nur im Märchen; was die Initianten auf der Finanzebene als Gewinn hervorzaubern, wäre auf der güterwirtschaftlichen Ebene Falschgeld. Dasselbe gilt zwar auch für das Münzgeld, dessen Seigniorage die Vollgeld-Initiative kurzerhand auf sämtliches Geld vermeintlich gewinnbringend ausdehnen möchte: Doch wegen seiner relativ geringen Menge wirken die daraus dem Staat leistungslos zugeflossenen Gewinne nicht preistreibend. Bei jenen Milliardenbeträgen, welche die Initiative in den Markt pumpen will, sähe das anders aus: Da dem verschenkten Geld jener „Rückleistungsdruck“ fehlt, welcher dem Kreditgeld innewohnt, käme „Nominalkaufkraft“ ohne jegliche (spätere) güterwirtschaftliche Gegenleistung an den Markt. Die Beschenkten säßen gewissermaßen als parasitäre Mit-Esser an der volkswirtschaftlichen Gütertafel.

Anders gesagt: Es würde eine enorme zusätzliche Nachfrage geschaffen. Zumindest dann, wenn die volkswirtschaftlichen Kapazitäten ohnehin gut ausgelastet sind, würde die Nachfrage das Angebot übersteigen und somit die Preise in die Höhe treiben.

Die Initianten würden entgegnen, dass nach ihren Vorstellungen das Geldverschenken der Notenbank nur in dem Umfang erfolgen soll, wie die Preisstabilität gewahrt wird; im Übrigen solle Geld auch zukünftig durch Kreditvergabe in Umlauf gebracht werden. Weil aber, wie oben gezeigt, jedwede Geldschöpfung durch Verschenken („Willkürgeld“) in größerem Stil inflationär wirken muss, würde dieser Weg insgesamt entfallen.

Und damit verdampfen auch jene Fantastilliarden, welche die Vollgeld-Freaks den Volks-Fritzchen fröhlich verheißen.

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.