RBB Inforadio erklärt die „heile“ Welt

Alles friedlich in der Berliner U-Bahn (Foto: Video)

Heute, während der Autofahrt (deutsches Fabrikat mit Dieselmotor), wollte ich nach langer Zeit dem, mit der Demokratieabgabe finanzierten, öffentlich-rechtlichen Rundfunk lauschen um zu hören, wie Ereignisse in unserer Bundeshauptstadt vermittelt werden. Neben der „Flop-Demo“ der AfD gab es auch einen Bericht, dass die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) melden, dass sich mehr Gewalttaten in Bussen und Bahnen ereignen (in den letzten fünf Jahren gab es ca. 17 Prozent mehr Körperverletzungsdelikte und eine Vervierfachung der Sexualdelikte).

Von Nils Kröger

Nanu, präsentierte Anfang Mai unser Bundesinnenminister nicht mit stolz geschwellter Brust die „PKS 2017“ und behauptete, dass Deutschland sicherer geworden ist? Jetzt, drei Wochen später, schalmeit das genaue Gegenteil durch den Äther? Ein gewisser ARD-Mitarbeiter würde mir sicherlich antworten, dass dies „bei aller Tragik“ eher „regionale Bedeutung“ habe. Wie Recht er doch hat. Zum Glück ordnete der Redakteur für Landespolitik beim RBB diese Meldung, für mich undifferenziert denkenden Menschen, richtig ein.

 Moderatorin (M): „Wie dramatisch ist die Situation tatsächlich?“

 Redakteur (R): „Ich würde sagen, es tut mal gut, einen kühlen Kopf zu bewahren und sich die Zahlen genau anzuschauen und dann auch zu überlegen, welche Vergleich man heranzieht. Alle drei Stunden eine Gewalttat und fünf Körperverletzungen pro Tag – diese Rechnungen stimmen zwar. Doch man könnte genauso gut auch andersherum rechnen. So hatte die BVG in der U-Bahn im vergangenen Jahr 560 Millionen Fahrgäste. Bei 1.800 Körperverletzungen macht das 0,0003 Prozent der Fahrgäste, die Opfer einer Körperverletzung wurden. Beides ist nur bedingt aussagefähig, weil es ein Unterschied ist, ob ich auf dem Bahnhof Krumme Lanke stehe oder auf dem Bahnhof Alexanderplatz in Mitte. Es gibt also Bahnhöfe, da kann man nichts schönreden: dort gibt es massive Probleme wie etwa Alexanderplatz, Hermannplatz, Kottbusser Tor oder Osloer Straße. Aber bei zwei Drittel aller Bahnhöfe liegen die Anzeigen im einstelligen Bereich.“

 Ich muss mich schon im Vorfeld bedanken, dass mir jegliche Angst genommen wurde. Zumindest von Krumme Lanke kann ich beruhigt fahren. Warum muss ich aber überhaupt darüber nachdenken, auf welchem Bahnhof ich entspannt stehen kann? Hat der Fahrgast am Alex nicht genauso einen Sicherheitsanspruch auf körperliche Unversehrtheit wie einer in der Pampa und warum gibt es überhaupt massive Probleme am Alex, Hermannstraße, Kottbusser Tor etc. pp? Jeder klar denkende Berliner wird diese Frage ganz charmant und wahrheitsgetreu beantworten können.

Da, sicherlich, neun von zehn Straftaten in benannten Bahnhöfen bzw. dessen Anschlussbahnhöfen passieren, sollten die verübten Delikte auch nur auf die dortigen beförderten Fahrgäste umgerechnet werden. Aber dann ergäbe sich ein gänzlich anderes Bild als die veröffentlichte Lage. Im Anschluss philosophieren die beiden über die Videoüberwachung z.B. am Alex, dass diese ja keine Straftaten verhindern würden. Da fasse ich mir wirklich an den Kopf. Natürlich kann eine Videoüberwachung nur zur Aufklärung dienen (hier sei an den „Rückentreter“ erinnert) aber nie zur Verhinderung. Dies kann nur durch personelle Überwachung bewerkstelligt werden. Es folgen aber weitere haarsträubende Einlassungen.

 M: „Körperverletzungen ist erstmal ein abstrakter Rechtsbegriff. Weiß man, um was für Auseinandersetzungen es dabei geht?“

 R: „Die BVG sagt, nach ihren Erkenntnissen ist es so, wenn wir von Körperverletzungen auf Bahnhöfen reden, es in den allermeisten Fällen so ist, dass sich da Leute untereinander prügeln. Das Unbeteiligte Opfer von Körperverletzungen werden, ist eher die Ausnahme. Auch das ist etwas, was man sicherlich berücksichtigen muss, wenn man die gestiegenen Zahlen sieht. Dass da eher Menschen unterwegs sind, die dann in irgendeiner Weise in Streit geraten und sich miteinander prügeln und dann die Polizei kommt und eben das in der Statistik erfasst.“

 Also, alles easy. Handelt sich lediglich um streitende Ehepaare, Konflikten innerhalb von z.B. Junggesellenabschiede oder von Flaschensammlern. Diese Meldungen bestätigen die Aussage vom Redakteur (Mann verprügelt und in die Gleise geschubst, Gewalt aus dem Nichts, Staatsschutz ermittelt: Zehn Männern attackieren 21-Jährigen an U-Bahnhof usw.). Alles Ausnahmen! Aber es kommt noch „besser“.

 M: „Ne andere Zahl, die aufhorchen lässt. Lass uns da mal drauf gucken sind die Sexualdelikte, um das Vierfache gestiegen. Wie kommt das?“

 R: „Da weist wiederum auch die Polizei daraufhin, dass zu den Sexualdelikten mittlerweile auch die verbalen Belästigungen mit hinein zählen. Vierfache Steigerung, ist mit Blick auch auf die vergangenen vier Jahre zu sehen und wir haben jetzt, im vergangenen Jahr, 125 Fälle gehabt. Auch dies, ist für sich genommen, wenn man sich die einzelnen Hotspots anguckt nicht schön und auch verbale Belästigungen sind nicht schön. Aber es grenzt dann doch das Phänomen an der Stelle auch etwas ein.

 M: „Das heißt, da geht’s auch um die Kriterien nach denen das beurteilt wird. Es sind mehr geworden.“

 R: „Ja, genau. Also, die Schwelle sozusagen, ab wann gesagt wird, es ist ein Sexualdelikt. Diese Schwelle ist niedriger angelegt worden.

 Also, wieder alles easy. Die Delikte sind doch nur verbaler Natur und halb so wild. Nicht mehr als ein kleiner Flirt, den die Frau oder der Mann halt nicht verstanden hat. Trotzdem stellt sich mir die Frage, ob in anderen Bereichen auch so schön relativiert wird? Dafür nehme ich exemplarisch den Phänomenbereich „Straftaten gegen Asylbewerber“. Dazu ein kleines Beispiel aus Hessen. Dort gab es 2017 etwa 50 Straftaten gegen diese Gruppe. Hier ein kleiner Auszug aus dem Artikel:

 

(…) In der Summe bleiben 50 überwiegend verbale Angriffe gegen Asylbewerber. In sechs Fällen von fremdenfeindlicher Hetze wurden Strafbefehle verhängt, in drei Fällen die Verfahren gegen Zahlung einer Geldsumme an gemeinnützige Organisationen eingestellt. Etliche Ermittlungen verliefen im Sande, weil die Polizei keinen Tatverdächtigen fand. Allein 41 Mal wurden die Ermittler wegen vermeintlich oder tatsächlich volksverhetzender Äußerungen im Internet tätig. In den allermeisten Fällen wurden Facebook-Posts und -Kommentare zur Anzeige gebracht. (…)

 In diesem Abschnitt bzw. dem restlichen Artikel erfolgt seltsamerweise kein Hinweis, dass dadurch das Phänomen eingegrenzt wird. Auch sonst habe ich nie eine Relativierung bei solchen Nachrichten gehört. Irre ich mich oder nennt man dieses Phänomen „Doppelmoral“? Des Weiteren sei die Passage mit der Einschränkung erwähnt. Erst stellt der Redakteur fest, dass verbale Belästigungen nicht schön sind ABER… Dies erinnert frappierend an den weltberühmten Einleitungssatz „Ich bin kein Nazi. Aber…“. Spätestens jetzt ist jeder, der dies sagte, bei gewissen Personenkreisen als Nazi abgestempelt und zur Inquisition freigegeben. Dushan Wegner schrieb dazu einen hervorragenden Kommentar (Wie in Kreuzberg das Narrativ der Guten kollabiert). Nun kommen die beiden aber endlich zum Ende.

 M: (…) „Insgesamt geht’s darum, mit welchem Gefühl die Menschen abends in die U-Bahn steigen und auch wenn sich nebenan jemand prügelt, ist das nicht schön. Muss man Angst haben?“

 R: „Ich würd sagen, Angst ist nie hilfreich. Selbst wenn sie angemessen wäre. Auch hier , denke ich, ist das so. Wer sich am Alexanderplatz bewegt, sollte sich schon überlegen, was er tut, wo er hingeht und sich genauer umschauen. Würde auch der gesunde Menschenverstand sagen. Auf der anderen Seite schadet es auch nichts, sich die genauen Zahlen vor Augen zu halten und zu sagen, die Wahrscheinlichkeit Opfer einer Straftat zu werden ist an einigen Orten höher, an anderen niedriger. Aber trotz allem ist die Wahrscheinlichkeit nicht so hoch.“ (…)

 Die letzte Aussage schlägt im Grunde dem Fass den Boden aus. Wieso ist Angst nie hilfreich? Das ist ein Urinstinkt des Menschen und ein Schutz- und Überlebensmechanismus (frag mal kampferfahrene Soldaten). Nun sind wir aber nicht in einem Kriegsgebiet und dieser Zustand sollte eigentlich der Vergangenheit angehören. Denn in unserer zivilisierten Gesellschaft hat das Volk das Gewaltmonopol an den Staat abgegeben und nur dieser sollte es auch ausüben und mit seinen Sicherheits- und Ordnungsbehörden jedem Bürger ein angstfreies Leben ermöglichen. Denn dann ist es nämlich auch völlig egal ob ich am Alex oder in Buxtehude stehe. Aber durch diese Aussage toleriert der Redakteur nicht nur den gegenwärtigen Zustand sondert akzeptiert ihn als naturgegeben. Da steht er gewissen Politikern in nichts nach.

Gut zu wissen, wo ich mich nicht mehr informiere.

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