Das Toleranz-Paradox-Paradox

Foto: Durch studiostoks/Shutterstock
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Es ist alles ganz einfach: Die Zahnfee war in Wirklichkeit Ihre Mutter – während Sie schliefen ersetzte Sie Ihre ausgefallenen Zähne durch Geschenkchen. Das Ei war vor der Henne da – aus einem Huhn können durch Mutation alle möglichen Eier kommen, aber aus einem Ei wird immer genau das rauskommen, was von Anfang an drin war. Der Sinn des Lebens ist es, die Ihnen relevanten Strukturen zu finden und zu stärken. Schließlich: Der große Riss durch die deutsche Gesellschaft entsteht dadurch, dass Intoleranz ersten und zweiten Grades verwechselt wird.

Von Dushan Wegner

Noch Fragen?

Okay, ich höre, dass der letzte Punkt nicht uneingeschränkt klar ist, und größtmögliche Klarheit kann niemand nicht wollen!

Es geht, zunächst, um das Toleranz-Paradox. Es wurde beschrieben von Karl Popper. Dieser war früher bekannt vor allem für seine Ausformulierung der wissenschaftlichen Methode. Heute muss das Buch, in welchem dieses Paradox beschrieben ist, als Namensgeber für gewisse, nicht überall gleich beliebte Stiftungen herhalten. (Darüber wird an anderer Stelle zu reden sein. Wir wollen uns konzentrieren, wie ein Fakir auf dem Nagelbrett sich aufs Nichterstochenwerden konzentriert!)

In »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde«, Band 1, schreibt Popper:

Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.

Die logische Konsequenz, die Popper und der Tolerante bis heute ziehen: Eine tolerante Gesellschaft muss der Intoleranz intolerant begegnen, um tolerant zu bleiben. Das Toleranz-Paradox lässt sich nicht entwirren oder auflösen. Das Toleranz-Paradox muss, so die Lehre der Toleranten, durchschlagen werden, wie einst Alexander den Gordischen Knoten mit dem Schwert durchtrennte. Keine Toleranz der Intoleranz – zack!

Nicht erst seit Popper diese feine Distinktion erkannte, wurde auch zuhauf drauf und rein gehauen! Wo die Toleranten auch nur ein Schleifchen möglicher Intoleranz vermuteten, ob dieses Schleifchen nun gordisch, logisch oder von sonstiger Natur war, überall schlug man drauf als ob zwar das Zubinden der Schuhe erfunden, aber das Aufbinden selbiger weiterhin ein Mysterium wäre!

Beim Hauen und Stechen gegen alle Intoleranz rutschte das Land der Verrichter und Verrenker ins Toleranz-Paradox-Paradox, wie einst die französische Revolution ins Blutbad der Guillotinen hinabglitt. Beste Absicht plus scharfe Klingen ergibt volle Friedhöfe.

Ich suche ja weiterhin nach einer treffenden Beschreibung des Grabens, der sich offenkundig durch die westliche Gesellschaft zieht. Eine weitere mögliche Beschreibung der Ursachen scheint mir zu sein: Der große Streit heute ist darin begründet, dass Intoleranz ersten und zweiten Grades verwechselt werden.

Ich will versuchen, diesen Gordischen Knoten aufzulösen statt plump draufzuhauen. Für meinen Geschmack wird dieser Tage sowieso zu viel »draufgehauen«.

Wenn ich hier und im Folgenden von der Intoleranz ersten und zweiten Grades rede, dann meine ich dies:

Intoleranz ersten Grades ist intolerant gegenüber den Sitten und Gebräuchen eines Menschen, weil sie fremd sind.

Intoleranz zweiten Grades ist intolerant gegenüber den Sitten und Gebräuchen eines Menschen, weil sie intolerant und gefährlich sind.

In diesem Sinne fordert Popper die Intoleranz zweiten Grades gegen die Menschen, die Intoleranz ersten Grades ausüben.

Wir könnten leicht zwei Drittel der heutigen Debatte zusammenstreichen und Talkshows auf jeweils maximal fünf Minuten kürzen, wenn wir stets sauber nach Intoleranz ersten und zweitens Grades unterscheiden würden.

Um zu verstehen, was Intoleranz ersten und zweiten Grades sind, wollen wir den Weg abgehen, der zum heutigen Zustand führte!

Schritt 1: Als (späte) Reaktion auf das Dritte Reich hat sich in Deutschland eine Lehre der Universalen Toleranz (im Folgenden: UT) zur De-Facto-Staatsreligion entwickelt. UT hatte den Vorteil, dass man sich als »Anti-Nazi« definieren konnte, während man zugleich ansatzlos rassistische Klischees vom »edlen Wilden« übernahm. In der Lehre der UT ist der Fremde wie ein Kind, das kein Böses kennt – nicht der ebenbürtige Erwachsene, der für seine Taten ebenso Verantwortung trägt und ebenso zu Bösem fähig ist wie man selbst.

Schritt 2: Einzelne, die über den Tellerrand der UT schauten, warnten davor, dass fremde Kulturen unter Umständen nicht weniger, sondern mehrIntoleranz enthalten als die eigene. (Es gibt Gründe, warum so viele dieser Menschen aus ihrer Heimat wegwollen.) Die wichtigsten Mahner entwickelten eine Intoleranz zweiten Grades gegenüber einer Intoleranz ersten Grades, ganz im Geiste Poppers.

Schritt 3: Die Anhänger der UT sahen in diesen Anwürfen ihr latent rassistisches Weltbild vom »edlen Wilden« bedroht und deuteten praktischerweise die Intoleranz zweiten Grades der Mahner als eine zu bekämpfende Intoleranz ersten Grades – und das gab ihnen das gefühlte Recht, mit dem ganzen Furor des gerechten Kriegers gegen jeden vorzugehen, der ihr Weltbild hinterfragte.

Auf deutsch: Gutmenschen sind intolerant gegenüber Ideologiekritikern, sehen aber nicht (oder: wollen nicht sehen), dass deren vermeintliche Intoleranz eine »Intoleranz zweiten Grades« im popperschen Geist ist. Das ist das Toleranz-Paradox-Paradox: Durch selektive Intoleranz gegenüber der »Intoleranz zweiten Grades« wird der Intoleranz ersten Grades der Boden bereitet.

Die UT hat Funktionäre in Ministerien und Staatsfunk für ihre Dogmatik angeworben, und diese werben wiederum weitere UT-Jünger an. Sie kämpfen nun 24h am Tag auf vielen Kanälen gegen die Intoleranten zweiten Grades, welche vor der ins Land geholten Intoleranz ersten Grades warnen.

Während die vom Staat finanzierte und selbst betrieben Intoleranz zweiten Grades vorwiegend gegen andere Intoleranz zweiten Grades vorgeht, kann die importierte Intoleranz ersten Grades schalten und walten – freie und unabhängige Medien sind voll mit den entsprechenden Meldungen.

Um diesen Knoten zu durchschlagen bräuchte es einen deutschen Trump, der in Berlin all den UT-Jüngern die Stirn bietet. Es gibt ihn nicht. Die deutsche Debatte hat sich im Toleranz-Paradox-Paradox verknotet: Wir erleben Intoleranz zweiten Grades gegen andere Intoleranz zweiten Grades, während die Intoleranz ersten Grades die Innenstädte, Schulen, Straßen und Plätze übernimmt.

Die importierte Intoleranz ersten Grades ist ja nicht die einzige solche; die heimische Intoleranz ersten Grades existiert ja weiterhin und zusätzlich. Indem die UT-Jünger die heimische Intoleranz ersten und zweiten Grades vermischen, geben sie unbeabsichtigt der Intoleranz ersten Grades einen Anstrich von Legitimität. (Siehe auch »B. betreibt das Geschäft der extremen Rechten« auf ruhrbarone.de)

Die UT-Jünger sind teils radikal fanatisiert, stellenweise bis hin zum für einzelne Sekten typischen Zusteuern auf den kollektiven Suizid, und mit Fanatikern lässt sich nicht wirklich logisch argumentieren. (Zudem wäre eine Reihe von UT-Funktionären ohne UT arbeitslos, was ihre Meinungsbildung etwas unfrei macht.)

Ich weiß nicht, wie erfolgreich es sein wird, doch ich will es versuchen. Lassen Sie uns zwischen Intoleranz ersten und zweiten Grades unterscheiden! Seien wir auch weiterhin – und mit neuem Mut! – intolerant gegenüber der Intoleranz! Pflegen wir die Intoleranz zweiten Grades!

Wenn Ihnen jemand in menschlicher Verwirrung »Intoleranz« vorwirft, können Sie sagen: »Du verwechselt die Intoleranz ersten und zweiten Grades! Wir haben in Wahrheit denselben Gegner, du und ich, nämlich die Intoleranz ersten Grades, heimisch oder importiert! Wenn du magst, kannst du bei dushanwegner.com/intoleranz nachlesen, was das bedeutet und warum es wichtig ist! Wollen wir zusammen einen Kaffee trinken?«

Dieser Beitrag erschien zuerst hier

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