Muttertag

(Foto, überarbeitet: Evgeny Atamanenko/ Shutterstock
Heute wird eine ganz, ganz böse Tradition gefeiert (Foto: überarbeitet: Evgeny Atamanenko/ Shutterstock)

„Eigentlich brauchen wir keinen Muttertag, um daran erinnert zu werden, wie dankbar wir unseren Müttern sind. Aber jetzt, wo er schon mal da ist, können wir ihn auch zum Anlass nehmen, um endlich mal Danke zu sagen. Ob mit einem Anruf, einem spontanen Besuch oder einem Strauß Blumen – sie schätzt die kleinen Dinge viel mehr, als teure Geschenke. Denn das größte Geschenk war für sie schon Ihre Geburt und daran wird sich auch so schnell nichts ändern.“ – So steht es bei msn.com.  Noch mehr Dank kommt …

von Max Erdinger

Das Microsoft Network kennt also Ihre Mutter besser als Sie selber und weiß ganz genau, was Ihre Mutter am Muttertag für eine tolle Mutter ist. Deswegen nimmt man diesen Tag dort – „wo er schon mal da ist“ – zum Anlaß, Sie daran zu erinnern, wie dankbar Sie das ganze Jahr über sind. Hätten Sie gedacht, daß MSN Ihre Mutter so gut kennt und über Ihre ganzjährige Dankbarkeit so gut Bescheid weiß? – Da können Sie mal sehen, wie genau Sie im Internet beobachtet werden.

Wenn die Tatsache Ihrer Geburt aber bereits das größte Geschenk für Ihre Mutter gewesen ist, dann hat nicht sie Ihnen das Leben geschenkt, sondern Sie per eigener Geburt Ihr Leben Ihrer Mutter. So großzügig waren Sie bereits an Ihrem ersten Lebenstag. Deshalb geht mein besonderer Dank an Sie selbst. Hätten Sie mit Ihrer Geburt nicht irgendeine Frau zu Ihrer persönlichen Mutter gemacht, – ich wüßte nicht, wofür ich Ihnen heute danken soll, weil es Sie ja gar nicht gäbe. Womöglich müsste ich mich mit meinem Dank auf den internationalen Frauentag beschränken und irgendwelchen Frauen dafür danken, daß sie Frauen geworden sind.

Es lohnt sich deshalb, einmal darüber nachzudenken, was Frauen eigentlich für Menschen sind – und ob es eventuell sein könnte, daß sie deswegen keine Männer wurden, weil sie mit Geburten beschenkt werden sollen. Was für ein Geschenk sind Sie also? Eine Selbstverständlichkeit scheinen Sie nicht zu sein, da sich Selbstverständlichkeiten nicht für ihre Existenz bedanken müssen. Womöglich sind Sie ein Geschenk des Himmels. Ganz sicher sind Sie aber ein Geschenk des Pimmels an Ihre Mutter. Wenn Sie also auf jeden Fall ein Geschenk für Ihre Mutter sind, dann muß sich am Muttertag Ihre Mutter bei Ihrem Vater bedanken und nicht Sie sich bei Ihrer Mutter. Wir sehen: Niemand hat verstanden, wem am Muttertag der Dank für das Geschenk gebührt, das Ihre Mutter schon längst erhalten hat.

Dennoch geht mein nochmals erweiterter Dank an die alleinerziehenden Mütter. Weiß der Geier, wer ihnen die Kinder geschenkt hat, die sich am heutigen Muttertag dafür bedanken müssen, verschenkt worden zu sein. Ihr Vater scheint es nicht gewesen zu sein. Oder haben Sie schon einmal eine alleinerziehende Mutter erlebt, die am Muttertag irgendwelchen Männern dankt, die Väter des Kindes sein könnten, mit dem sie beschenkt worden ist? – Na eben. Das erklärt, warum am Muttertag alle an die lieben Mütter  – und am Vatertag an die lieben Bierflaschen denken. Sie sind ein Geschenk an Ihre Mutter, nicht an Ihren Vater, weil der Muttertag sonst Elterntag hieße.

Im Grunde hat sich Ihre Mutter selbst dafür beschenkt, daß sie eine Frau geworden ist – und Sie müssen dankbar dafür sein, als Geschenk fungieren zu dürfen. Am Muttertag bedankt sich das Geschenk bei der Beschenkten. Wenn Microsoft recht hat.

Nicht zu vergessen sind am Muttertag auch jene bescheidenen Frauen, die sich kein großes Geschenk machen lassen wollten; angesichts eines spendierfreudigen Pimmels aber zunächst guten Willens gewesen sind. Je nachdem, in welchem Schwangerschaftsmonat sie dann abgetrieben haben, tun wir so, als dankten wir ihnen heute gemeinsam für wenigstens fünf bis zehn Minuten. Für bescheidene und unbeschenkte Frauen ist der Muttertag nur bedingt geeignet.

Zum Feiertag wurde der Muttertag in Deutschland übrigens im Jahre 1933 erklärt und am 3. Maisonntag des Jahres 1934 zum ersten Mal groß zelebriert. Bis dahin war der Muttertag so etwas wie „Tag der Blumenhändler“. Unter dem Motto „Von der Wehe bis zur Weihe“ wurden dann ab 1934 sogar „Mütterweihen“ durchgeführt, so es sich hier bezüglich des amtlichen Mottos nicht um ein Gerücht handeln sollte. 1938 kam es zur Einführung des „Ehrenkreuzes der Deutschen Mutter“. Es wurde 1939 zum ersten Mal verliehen und Hitler bedankte sich bei seiner Mutter dafür, daß er sie mit seiner Existenz beschenken durfte, was damals alle anderen Mütter voll klasse fanden. Wenige Monate später war dann der 1. September, aber den feiert heute niemand mehr.

Wenn man sich überlegt, was in Deutschland heute alles „nazi“ ist – und daß es ausgerechnet der Muttertag ist, der davon ausgenommen bleibt, dann kommt man schon ins Grübeln. Anscheinend kommt man trotz „nazi“ nicht um die Mutter herum. Wäre es anders, würde man vermutlich schon längst den „Kinderlos Erfolgreichtag der Karrierefrau“ feiern. Aber auch kinderlose Karrierefrauen haben zweifellos eine Mutter.

Jedenfalls scheint die Zukunft des Muttertags gesichert zu sein. Das Ehrenkreuz wird zwar nicht wieder zurückkehren, aber ein Ehrenhalbmond wäre sicherlich keine schlechte Idee für die reichlich Beschenkten, die in Deutschland heutzutage zu Müttern werden.

 

 

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