Wenn nur die AfD…

Foto: Collage
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Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in der Klasse, im Mathe-Unterricht, und die Lehrerin stellt eine Aufgabe. Sie rechnen im Kopf nach. Sie tuscheln mit Ihren Mitschülern über die Lösung.

Sie stellen fest: Die meisten Schüler, vor allem die coolen und die braven, haben eine andere Lösung als Sie.

Von Dushan Wegner

Dann ist da noch dieser doofe neue Schüler, mit dem keiner spielen will. Er sagt manchmal richtig fiese Sachen! Er sagt, haben Sie gehört, dass man kleine Kätzchen ertränken soll! Doch: Auch er hat gerechnet – und er ist zum selben Ergebnis gekommen wie Sie.

Die Lehrerin fragt in der Klasse herum. Die coolen Kinder sagen ihre Lösung, und zwar alle dieselbe. Der neue, doofe Schüler sagt seine Lösung. Sie meinen, dass die Lösung der coolen Kinder falsch ist, und dass die Lösung des Ekels stimmt.

Sie sind dran. Welche Lösung sagen Sie?

Sie könnten die Lösung der coolen Kids wiederholen, aber Sie würden wissen, dass sie falsch ist. Nehmen wir aber an, Sie geben tatsächlich die Lösung an, die Sie für richtig halten, obwohl Sie und das Ekel dann die einzigen Schüler sind, die diese Lösung angeben. – Wir wissen doch, was passieren wird: Die Lehrerin wird vielleicht nicken, aber die coolen Kids werden schimpfen: »Du sagst dasselbe wie das Ekel! Das heißt, dass du auch kleine Kätzchen ertränken möchtest!«

Gute und schlechte Angst

Im Laufe seiner Evolution und seiner Selbsterschaffung als Kulturwesen erfand und erwarb der Mensch immer wieder neue Fähigkeiten. Er lernte, zu schreiben und dann zu lesen – oder andersherum? Er lernte, zu Pferd zu reiten und seine Arbeitszeit in Geldwert umzudenken. Er lernte, Steuern zu zahlen und »Es lebe der König!« zu rufen, selbst wenn er dem Monarchen die Pest an den Hals und schwärende Beulen an die Knie wünschte.

Heute lernen wir in Deutschland eine neue Kulturtechnik. Wir lernen die feine Kunst, die gute von der schlechten Angst zu unterscheiden.

Die gute Angst fürchtet den Fortschritt. Die Grünen hatten in ihrer Geschichte große Angst vor Bildschirmtext und vor Internet, vor Gentechnik, vor Atomkraft, Dieselautos, Elektrosmog und vor dem Aussterben der Singfrösche.

Die böse Angst fürchtet den Rückfall in die Barbarei. Die böse Angst fürchtet sich davor, zum nächsten Opfer importierter Gewalt zu werden. Die böse Angst fürchtet sich vor einer Regierung, die den Rechtsstaat als optional betrachtet und Kritik zensiert. Die böse Angst fürchtet sich vor staatlicher Propaganda und vor vom Staatsfernsehen aufgehetzten Mobs. Die böse Angst fürchtet sich davor, die Heimat zu verlieren durch den Wahnsinn der Gutmenschen.

Wer eine gute Angst bedient – und sei seine Faktenbasis noch so dünn und seine Phantasie noch so albern – der gilt als wichtiger Mahner.

Wer sich davor fürchtet, dass das, was in den Straßen passiert, was er teils mit eigenen Augen sieht, auch ihm widerfährt, der gilt als Hetzer. Wer Angst hat, weil die Saat der Gutmenschen aufgeht und Mobs auf Polizisten einschlagen, der hat zweifellos eine böse Angst, ja der ist vielleicht sogar pathologisch. Wer nüchtern feststellt, dass bislang weltweit auf X ausnahmslos Y folgte, und dass Y schrecklich ist, und dass man deshalb X besser unterlassen sollte, von dem heißt es sogar, dass er Angst schürt.

Ach ja, wissen Sie, was mir auch noch Angst macht? Ich sehe in diesen Tagen, wie ein Prominenter des Staatsfunks seine jugendlichen Follower aufhetzt, Kritiker zu bedrängen. Er verwendet dazu Sprache, die direkt aus Orwells 1984 entnommen sein könnte. Er verwendet »Liebe« als Code für Einschüchterung. Er verteilt Listen missliebiger Personen. Zigtausende sind bereit, ihr eigenes Denken einzustellen und (offiziell nur verbal) auf Menschen einzuschlagen, die der Herr vom Staatsfernsehen für böse erklärt hat. Es ist nicht Hass, wenn wir den Hass »Liebe« nennen, sagen sie. Der von ARD und ZDF neu entfachte Hang (auch) der Deutschen zum Massenwahn macht mir Angst. Nicht zuletzt: Die Umdeutung von Worten in ihr Gegenteil macht mir Angst – ich nehme an, diese Angst ist auch böse.

Eine einfache Regel, mit der wir gute von schlechter Angst unterscheiden können: Eine Angst ist gut, wenn ihre Auflösung zu weniger Freiheit führt (etwa Angst vor Wissenschaft oder abweichender Meinung); eine Angst ist böse, wenn ihre Auflösung zu mehr Freiheit führt (etwa Angst vor Zensur oder aggressiven Ideologien). Ein guter Bürger hat nicht selbstständig Angst, sondern wartet stets ab, welche Angst ihm das Fernsehen empfiehlt. Sie bohren sich ja nicht selbst die Zähne, sondern überlassen das Bohren dem Zahnarzt – entsprechend sollten Sie auch die Auswahl zulässiger Angst denen überlassen, die dafür fürstlich GEZahlt werden.

Wir Spaßverderber

Als ich jung war und noch naiver als heute, glaubte ich, dass alle Menschen den gleichen Drang verspüren, nach Kräften das Wahre und Richtige zu sagen. Es war ein Irrtum.

Nehmen Sie etwa eine Party oder eine andere gesellschaftliche Veranstaltung, bei der Personen einander mit ihren Geschichtchen, Autoschlüsseln und Armbanduhren beeindrucken wollen, etwa Jahrgangstreffen oder Parteitage. Auf einer Party gibt es immer einige, die imposante Geschichten erzählen und große Behauptungen in den Raum stellen. Je flacher die Leute, umso steiler die Thesen. Damit solche Wichtigleute ihre großen Worte auftürmen können, braucht es eine weitere Gruppe, nämlich das willige Publikum, das ihnen beim Stapeln ihrer Tangentialwahrheiten hilft, sie gar mit Klatschen und (wenn sie selbst gern wie jene wären) sogar mit Schulterklopfen anfeuert. Es gibt dann noch die dritte Gruppe: Die Spaßverderber, die mit Fakten dazwischenfunken, die dem Lauten die Luft aus seinem Luftballon lassen und zugleich seinem geistigen Harem die Freude an der Unterwerfung verderben. Schließlich gibt es eine vierte Gruppe, die den ersten drei Gruppen bei ihrem Treiben zuschaut; wir wollen sie »Beobachter« nennen, weil »Mobiliar« zu unhöflich wäre.

Ich fürchte, dass praktisch alle Menschen zu einer dieser vier Party-Gruppen gehören: die Lautsprecher, die Zustimmenden, die Faktenfreunde und die Beobachter.

Und nun?

Nehmen wir an, man ist ein Mensch, der die Wahrheit gesagt haben will, auch wenn dieselbe Wahrheit sonst nur von Ungeliebten gesagt wird (die außerdem Kätzchen ertränken möchten). Nehmen wir an, man hat reale Angst vor realen Gefahren, und man ist einfach nicht in der Lage, akute Bedrohungen für Leib und Rechtsstaat zu ignorieren. Nehmen wir weiter an, man gehört von Natur aus zu jenen, welche die abgehobenen Autoritäten und die hochangesehenen Lügner gern mit Fakten und Logik ärgern. – Welcher politischen Partei stünde man am nächsten?

Mir wurde schon mal vorgeworfen, dass einige der Dinge, die ich sage, die AfD unterstützen könnten. Nicht, dass meine Aussagen falsch seien, nicht dass sie unlogisch seien, sondern schlicht dass sie der falschen Partei »helfen« könnten.

Ich habe drei Loyalitäten: Meine Familie, meine Leser und die Länder, die mir Heimat sind. Ich habe zwei Kontrollinstanzen: den Rechtsstaat und mein Gewissen. Ich habe ein Ziel: Ich will gemeinsam mit meinen Lesern erkennen, was uns wichtig ist. (»Relevante Strukturen«)

Ich sage, nach bestem Wissen und Gewissen, was ich weiß, was ich sehe und was mir als logischer Schluss richtig erscheint. Es ist mir reichlich egal, ob der Buddha oder der Beelzebub das genauso sehen. Wenn nur die AfD bestimmte unbequeme Wahrheiten anspricht, dann ist das ein Problem der übrigen politischen Parteien, nicht meins.

Wandere aus, solange es noch geht!
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