Dem Heinerhofbauern sein Knecht lästert über die Merkelwähler ab

Dem Heinerhofbauern sein Knecht (Foto: Pixabay)

Wer für die Zeitung schreibt, fürs Radio moderiert oder im Fernsehen kommentiert, der hält sich, wenn es um Politisches geht, an eine ungeschriebene Regel, ohne groß darüber nachzudenken: Publikumsbeschimpfung hat zu unterbleiben. Sie vergrault den Leser und vertreibt Zuhörer und Zuschauer. Man zieht vielleicht die Gewählten durch den Kakao, niemals aber den Wähler. Und das, obwohl es doch der Wähler gewesen ist, der dem Gewählten ins Amt verholfen hat. Merkel ist ohne Merkelwähler als Kanzlerin nicht vorstellbar. Die bittere Wahrheit ist: Wenn Merkel ein Problem ist, dann sind die Merkelwähler erstrecht eines. Mich hat interessiert, was dem Heinerhofbauern sein Knecht dazu meint. Die Reportage vom Land.

von Max Erdinger

PEGIDA Dresden hatte zu den besten Zeiten zwischen 20.000 und 30.000 Spaziergänger, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Die „Gemeinsame Erklärung 2018“ kommt auf ungefähr 150.000 Unterzeichner. Die Teilnehmerzahlen der „Merkel muß weg!“-Demos sind für sich genommen ebenfalls recht eindrucksvoll.

Aber die Merkel, sagt der Knecht, die ist von Millionen gewählt worden. Da beißt die Maus kein´Faden ab. Gewählt ist gewählt, sagt er, und daß es nach der Wahl ziemlich wurscht ist, warum Millionen Merkel gewählt haben. Merkel ist erst nach der Wahl das Problem, der Merkelwähler hingegen schon vorher. Im Dorf unten  hätte er von den Touristen schon die aberwitzigsten Begründungen dafür gehört, warum sie die Merkel gewählt haben. Die dümmste, an die er sich erinnern kann, sei von einem Kölner gekommen, der Merkel gewählt hat, weil sie nie herumschreit und schöne Hosenanzüge anhat.

Merkel müsste nicht das Problem sein, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Die könnte man abwählen. Wen man nicht abwählen kann, fügt er an, das sind die Merkelwähler. Wenn man sie wenigstens mit dem Ochsenfiesel herschlagen dürfte, seufzt er, aber das darf man auch nicht. Er hat sich selber schon Gedanken darüber gemacht, was das für ein Volk ist.

Sehr geholfen hat ihm bei seinen Überlegungen, die Merkel erst einmal auszublenden und sich das Wahlvolk ohne Merkel vorzustellen. Was tut es den ganzen Tag, was schaut es sich im Fernsehen an? Dem Heinerhofbauern sein Knecht sagt, alleine die Antworten auf diese Fragen seien schon sehr aufschlußreich. Werbung zum Beispiel, sagt er, erzählt einem viel über das Wahlvolk. Weil: Werbung ist teuer und eine Werbekampagne wird von Spezialisten entworfen, die den lieben langen Tag über nichts anderes nachdenken, als darüber, wie ihre Kampagnen Erfolg haben könnten. Das sind Profis, sagt er. Denen ist völlig egal, ob die beworbenen Produkte von Professoren oder von Volltrotteln gekauft werden. Hauptsache, sie werden gekauft.

Es hat einmal eine Werbekampagne gegeben, die so unglaublich gewesen ist, daß man alleine schon wegen ihres Erfolges das allgemeine Wahlrecht hätte abschaffen müssen. Zur Sicherheit. Im Fernsehen sei die gelaufen. Eine Familie aus Vater, Mutter und Kind sitzen in einem Gourmet-Tempel an einem fein gedeckten Tisch und bekommen erlesene Speisen serviert. Großartige Kochkunst konnte man auf dem Bildschirm sehen, wenn man genau hingeschaut hat. Weil die Portionen winzig waren.

Vater, Mutter und Kind haben aber eine Schnute gezogen und sind hungrig nachhause gegangen. Dort hat die Mutter dann für den Vater und das Kind etwas Gehaltvolles gekocht. Sie machte einen Liter Wasser heiß, öffnete eine Tütensuppe von Knorr, und verrührte den Inhalt der Tüte mit dem heißen Wasser. Vater und Kind waren begeistert und lobten die Mutter über den grünen Klee. „Muttis Küche ist die beste!“, grienten sie in die Kamera, erzählt der Knecht, und die Mutter griente selbstzufrieden zurück.

Wenn man diese erfolgreiche Fernsehwerbung ins Politische überträgt, sagt der Knecht, ist der Merkelwähler schon kein Mysterium mehr. Man ersetze Vater und Kind durch Wahlvolk und die Heißwassermutti durch Merkel – und schon ist es mit der Verwunderung vorbei. Weil: Wer Tütensuppe für große Kochkunst hält, der verwechselt auch eine Tütenkanzlerin mit einer großen Politikerin, wenn er wählen geht.

Unter normalen Umständen, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, müssten selbst die Apolitischen, die Ungebildeten und die Unterbelichteten im Laufe ihres Lebens eine Ahnung davon bekommen haben, daß es Schlauere gibt als sie selbst. Aber normale Zustände haben wir schon lange nicht mehr. Was die Merkelwähler nicht wissen, können sie heutzutage gleichwertig durch eine persönliche Meinung ersetzen. Freilich funktioniert das nicht, aber was weiß schon ein Merkelwähler? Der glaubt, daß das geht. Deswegen funktioniert es ja auch, sagt der Knecht: Weil man ihm in der Werbung permanent einredet, auf ihn und seine Meinungen käme es an.

Wenn er sein Moped tanken muß im Dorf unten, sagt der Knecht, dann muß er erst zwei Liter Öl kaufen, die er dann mit Benzin mischt, weil sein Moped ein Zweitakter ist. Immer, wenn er an der Kasse steht, um erst das Öl zu bezahlen, grient ihn der Felix Neureuther von einem Plakat herunter an. „Für mich der beste Kraftstoff Deutschlands“, steht dabei und unter dem Bild vom grinsenden Skifahrer ist auch noch seine Unterschrift zu sehen. Die Werbung funktioniert, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, weil sich kein Merkelwähler fragt, was den Skifahrer zum Experten für Spritqualität macht. Er hat einfach ein gutes Gefühl, weil ein sportlicher Promi ihm bestätigt, daß er sich die beste aller denkbaren Treibstoffsuppen in den Tank eingefüllt hat.

Im Prinzip, sagt der Knecht, ist der Neureuther auf einem Tankstellenplakat auch nichts anderes als eine Physikerin auf einem Wahlplakat. Wer eine Physikerin zur mächtigsten Politikerin wählt, weil sie von einem Plakat heruntergrinst, auf dem zu lesen ist: „Gemeinsam für ein neues Miteinander“, der rennt einfach in den nächsten Media-Markt, sollte ihm je der Verdacht kommen, daß er eventuell doch nicht alle Latten am Zaun haben könnte. Der Media-Markt kuriert ihn dann von allen Selbstzweifeln. Der Merkelwähler kauft sich eine Funkmaus und bekommt ein Diplom in Form des Kassenzettels. Da kann er dann nachlesen, was er nicht ist: Blöd nämlich. – „Media Markt – ich bin doch nicht blöd.“

Der Merkelwähler, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, hält eine Frau, die Pulver in heißem Wasser verrühren kann, für eine Spitzenköchin und sich selber für gescheit, weil er ein Diplom vom Media-Markt hat. Deswegen wählt er die Merkel. Weil er davon überzeugt ist, es sei wichtig, was er alles meint und glaubt. Und weil ihm ständig eingeredet wird, daß es nichts wichtigeres gibt. Von der BILD-Zeitung zum Beispiel.

Dem Heinerhofbauern sein Knecht ist felsenfest davon überzeugt, daß wahnsinnig viele Merkelwähler die BILD lesen. „BILD dir deine Meinung“, ist ein Werbeslogan, der dem Merkelwähler gefällt,sagt er. Wegen des Wörtchens „deine“. Da fühlt er sich gebauchpinselt. Keine Sekunde denkt er daran, daß er sich bei der Lektüre, eingedenk aller der Dinge, von denen er keine Ahnung hat, eben nicht „seine“ Meinung bildet, sondern die von Merkels guter Freundin Friede Springer. Der gehört die BILD-Zeitung nämlich. Aber vermutlich weiß er noch nicht mal das, ehe der Merkelwähler daran geht, sich seine vermeintlich eigene Meinung zu bilden, argwöhnt der Knecht.

Der Urgrund dafür, daß die Merkel schon so lange Kanzlerin ist, besteht darin, sagt der Knecht, daß sie von einem Volk gewählt wird, in dem fast jeder sich angewöhnt hat, seine eigene Meinung für das Maß aller Dinge zu halten, egal, ob er etwas von dem versteht, wozu er eine Meinung hat oder nicht. Es gibt Merkelwähler, sagt der Knecht, die dieses Weib tatsächlich einzig und allein deswegen gewählt haben, weil es öffentlich nie beleidigend wird und nie herumschreit. Das halten sie bereits für einen Wahlgrund.  Das Fatale ist, daß man diese Leute noch nicht einmal selber anschreien darf, geschweige denn, daß man sie mit dem Ochsenfiesel herhauen dürfte, weil sie die Merkel dann erstrecht wählen. Eben weil die nie jemanden anschreit oder herhaut. Sogar die ganz Dummen mögen es nicht, wenn man sie anschreit und beleidigt, sagt der Knecht. Und daß das ein Teufelskreis ist.

Die Merkel, sagt der Knecht, ist Kanzlerin eines Wahlvolks, das sich für schlau hält, weil es glaubt, daß es keine Wahrheit mehr gibt, daß man nichts zu wissen braucht und daß man stattdessen eine Meinung haben darf, die alle anderen als gleichberechtigt zu akzeptieren haben. Er habe einmal gelesen, sagt der Knecht, daß  es in früheren Formen der Demokratie üblich gewesen sei, nur die Waffenträger und die verdienten Bürger, oder die wirtschaftlichen und philosophischen Eliten wählen zu lassen. Deswegen, sagt der Knecht, ist die Merkel eine degenerative Erscheinung der Demokratie. Die alten Griechen hätten die Merkel nie im Leben gewählt. Da ist sich dem Heinerhofbauern sein Knecht sicher. Weil: In der Antike gab es noch keine Tütchensuppe und keinen Media-Markt. Da hat er recht.

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