Frankfurter Rundschau: Ellwanger Migrantenmob nur allzu menschlich

Symbolfoto: Durch Roman Mikhailiuk/Shutterstock
Symbolfoto: Durch Roman Mikhailiuk/Shutterstock

In der Frankfurter Rundschau bricht ein gewisser Simon Berninger eine Lanze für den revoltierenden Migrantenmob von Ellwangen. Wie er das tut, spottet jeder Beschreibung und lässt erschreckende Rückschlüsse darauf zu, wofür die FR ihre Leser hält. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

Für die Polizei war es am Montag eigentlich ein Routinefall. Der 23-jährige Flüchtling aus Togo saß auch schon in Handschellen im Einsatzwagen, als er von der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen in Abschiebehaft gebracht werden sollte. Solche Aktionen werden mit Vorliebe des Nachts durchgeführt. Möglichst unbemerkt von der Öffentlichkeit werden die Betroffenen im Schlaf überrascht.

Wer des Nachts im Schlafe „überrascht“wird, hätte nach Ablehnung seines Asylgesuchs gänzlich unüberrascht auch bei Tage und von selbst die Rückreise antreten – und sogar um Reisekostenbeihilfe nachsuchen können. Daß er des Nachts überrascht wird, hat er sich selbst zuzuschreiben.

„Für die 500 Bewohner der Ellwangener Flüchtlingsunterkunft, zumeist aus Afrika die quotenmäßigen Verlierer der deutschen Asylpolitik, dürften nächtliche Abschiebungen zur Routine gehören. Einzelne Menschen werden aus ihrer Gemeinschaft gerissen, weil sie die Behörden für „ausreisepflichtig“ erklären. Das bedeutet für jeden von ihnen das ständige Leben in Angst vor Tag, pardon, Nacht X.“

Oh pardon, sind Ablehnungsgründe jetzt schon nach Herkunftsland zu … QUOTIEREN??  Und ist es unmenschlich, jemanden für ausreisepflichtig zu erklären? Was müssen die Erfinder der Landesgrenze und des Staatsgebietes auch für kleingeistige Nazis gewesen sein. Wussten sie nicht, daß man davon nächtliche Angst bekommt?

Es ist diese Routine, der sich die Asylsuchenden in der Nacht von Montag in den Weg stellten. Buchstäblich. Mit der plötzlichen Solidarisierungswelle konnte die Polizei freilich nicht rechnen.

Nein, sie stellten sich solidarisch der Polizei ihres Gastlandes in den Weg und bedrohten sie mit Gewalt.

Für die Recht- und Ordnungs-Verfechter war der Ellwangener Vorfall tatsächlich ein „Schlag ins Gesicht“, wie Horst Seehofer (CSU) sagt. Für ihn, weil Flüchtlinge „das Gastrecht mit Füßen getreten“ hätten, wie der Innenminister kommentiert. Nicht etwa, weil sich Flüchtlinge eindrucksvoll mit ihrem abzuschiebenden Mitbewohner solidarisierten und für eine Nacht das Recht der Schwächeren durchsetzten.

„Eindrucksvoll solidarisch für eine Nacht das Recht des Schwächeren durchsetzen“. Der Berninger von der FR hätte Poet werden sollen. Wie er so einfach Rechte erfindet, ist schon phantasievoll. „Die Nacht, in der sich das Recht des Schwächeren durchsetzte“, wäre auch ein guter Titel für einen Psycho-Thriller mit Donald Sutherland in der Hauptrolle. Die wackeren Menschen aus Afrika setzten ihr Recht des Schwächeren gegen die Rechthaber von der Polizei durch. Dem Kerl hat es wohl sämtliche rechtsstaatlichen Maßstäbe verschoben.

Merke, Berninger: Niemand hat allein deswegen schon Rechte, weil er schwach ist und weil die FR beliebt, ihm welche anzudichten. Und selbst wenn: Das Recht des Schwächeren unterläge dem Recht des Stärkeren letztlich immer, auch wenn beide vor dem Gesetz gleich sind. Das Amtsgericht hat seine Augen schließlich nicht überall.

Wie kann ein „Migrantenmob“ es wagen, wie können „afrikanische Gewalttäter“ (AfD) es wagen, nicht zackig die Anweisungen befolgend ihrem fremdbestimmten Schicksal entgegenzutraben? Das ist der Grund für die Aufregung, der Flüchtling hat zu kuschen, hat aufzuhören, Mensch zu sein, sonst tobt das Land.

Ist das nicht seltsam? Erst kommen die Immigranten aus Afrika völlig aus eigenem Antrieb nach Deutschland – und wenn sie hier nicht bleiben können und das Land wieder verlassen müssen, wären sie plötzlich fremdbestimmt? Selbstbestimmt nach Deutschland rein und fremdbestimmt wieder raus? Das ist schon ein seltsames Land, dieses Deutschland. Es verwandelt selbstbestimmte „die Menschen“ in fremdbestimmte.

Man könnte also nach Berninger behaupten, daß jedes Gerichtsurteil jeden Knastbruder fremdbestimmt in den Kerker bringt. Selbstbestimmter Raubmord ergibt fremdbestimmtes Lebenslänglich. Was, bitteschön, gäbe es daran auszusetzen, Herr Simon Berninger? Wer A sagt, muß halt auch B sagen. Da kann man doch nicht bei Sätzen rauskommen, wie dem folgenden, in dem lediglich der „Flüchtling“ gegen den „Raser“ ausgetauscht wurde: „Der Raser hat zu kuschen, hat aufzuhören, Mensch zu sein, sonst tobt das Land.“ – Bei „Raser“ schütteln die FR-Leser verständnislos die Köpfe über diesen gefühlsduseligen Berninger – und bei „Flüchtlinge“ liegen sie sich mit dem verständnisvollen Simon heulend in den Armen, oder wie? Weil revoltierende Migranten, die Polizisten mit Gewalt bedrohen, bessere Menschen sind als solche, die gerne niemanden bedrohen und dafür ein bißchen schneller fahren, als es der grünen Rennleitung gefällt? Oder was?

Es ist das jugendliche Alter, das mir an Simon Berninger die meisten Sorgen macht. Der kann theoretisch noch fünfzig Jahre weiterschreiben. Das heißt, ich muß mich bis ans Ende meines Lebens in der Nacht davor fürchten, daß gerade einer seiner Artikel in den Druck geht. Solidarisiert sich vielleicht mal jemand mit mir?

 

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