Mehr als »nur« ein brutaler Mord

Foto: Durch Kitsana1980/Shutterstock
Foto: Durch Kitsana1980/Shutterstock

In diesen Tagen ist der Doppelmord vom Jungfernstieg weiterhin in den Medien. Erst war es die unfassbare Brutalität dieser Tat. Jetzt sind es die merkwürdigen Umstände einer Hausdurchsuchung bei einem Bürger, der online davon mit Video berichtete. Zudem scheint es, dass der Täter (ein Immigrant aus dem von Boko Haram teilbesetzten Niger) das Kind praktisch vollständig köpfte – und dass die Justiz die Veröffentlichung dieses Details mit fragwürdigen Maßnahmen verhindern wollte.

Von Dushan Wegner

Ich halte die Reaktion der Staatsanwaltschaft (auch und wesentlich) für blanke Panik. Lassen Sie es mich erklären – und zur Erklärung bis in den Irak ausholen.

Mit Hämmern gegen Geschichte

Im Februar 2015 drangen die Männer des »Islamischen Staates« in das Zentrale Museum von Mossul ein. Sie hatten schwere Hämmer, Wut und ganz viel Ideologie dabei. Im sorgfältig kuratierten Museum standen Statuen, die 2.700 Jahre Menschheitsgeschichte überdauert hatten. Die Männer des »Islamischen Staates« stießen sie von ihren Sockeln und schlugen mit Hämmern auf sie ein. (Bei YouTube können wir das Video sehen: https://www.youtube.com/watch?v=YyFsOWyYy0A)

Es war nicht die erste Tat dieser Art gewesen. Als der IS in Palmyra eindrang, zerstörte er wertvolle Gebäude und Statuen. Menschen rund um den Globus horchten auf, als die Taliban in 2001 die Buddha-Statuen von Bamiyan sprengten.

Enthauptung

Der IS zerstört regelmäßig Statuen, doch das ist nicht die Grausamkeit, für die er bekannt ist. Es ist eine »Spezialität« des Islamischen Staates, seine Gegner zu enthaupten. Es ist keine »optimierte« Enthauptung, wie die Guillotine im dunkelsten Kapitel europäischer Aufklärung. Es ist nicht einmal ein kräftiger Schwertschlag wie die Enthauptungen in Saudi-Arabien. Die IS-Enthauptungen erinnern ans Schächten von Tieren. Der Hinzurichtende wird zum Hinknien gezwungen. Dann wird ihm mit einem Messer die Kehle durchschnitten und anschließend der Kopf vom Hals getrennt.

Der Sinn des Schächtens ist es, vollständig das Blut aus dem Tier zu entfernen. Eine mögliche Begründung ist, dass das Blut ein Teil der »Lebenskraft« oder »Seele« des Tieres enthält und es ein Frevel wäre, das zu essen.

Der Sinn der Enthauptung im IS-Stil ist es, dem Enthaupteten auch die letzte Würde zu rauben, und ihm im Tod die Demütigung und Unterwerfung aufzuzwingen, die er im Leben nicht zu leisten bereit war. Bei einer Enthauptung wird das Gehirn vom Herzen gekappt, dem Körper sein Gesicht genommen. Die Enthauptung zielt auf doppelte Vernichtung ab – die Vernichtung des Lebens und die Vernichtung der Identität.

Videos von Enthauptungen finden ein weltweites Publikum vor allem in einigen jener sozialen Gruppen, die aufgrund von Bildungs- und Wissenschaftsferne sich schwer tun, mit den Anforderungen moderner Wirtschaft und Wissenschaft mitzuhalten. Darin ähneln sie dem Straßenterror der deutschen Antifa: wer das Bedürfnis hat, andere zu unterwerfen, während ihm die geistigen Kapazitäten für eine »Unterwerfung« durch wissenschaftliche und/oder wirtschaftliche Leistungen fehlen, dem bleibt wenig außer roher physischer Gewalt. Die Enthauptung will den Gegner maximal unterwerfen – und die maximale Unterwerfung ist zugleich das Ausstoßen aus dem Kreis der Mitmenschen.

Menschenwürde

Das Schleifen von Statuen und das Enthaupten des Mitmenschen auf die denkbar entwürdigendste Art sind miteinander verbunden.

Mindestens im Westen sind wir uns darin einig, dass der Mensch eine unveräußerliche Würde besitzt. Die Unveräußerlichkeit der Menschenwürde bedeutet auch, dass der Einzelne nie aus der Gemeinschaft der Menschen ausgeschlossen werden darf. (Deshalb ist es so gefährlich, wenn Religion oder Ideologien von ihren Gegnern wie von Tieren reden.)

Nicht nur im Westen sind wir uns darin einig, dass die Geschichte einer Zivilisation und Gesellschaft in ihren Kunstwerken, Gebäuden und sonstigen künstlerischen Artefakten codiert ist. Statuen zu zertrümmern, Bilder zu verbrennen und Gebäude zu schleifen ist das kulturelle Äquivalent zur Enthauptung. Wer Statuen schleift, will Erinnerung vernichten. In den USA wurden in den letzten Monaten von linken Aktivisten (einige davon wohl mindestens indirekt mit den bekannten Förderern) eine Zahl von Statuen zur Geschichte der USA geschleift. Die Bilder der Zerstörung ähneln denen aus dem Museum von Mossul auf erschreckende Weise – dieselbe rohe Gewalt, derselbe fanatisierte Hass.

Die Enthauptung eines Menschen mit dem Messer ist der Versuch, dem Gegenüber den letzten Funken an Würde zu rauben. Das Schleifen von Statuen und Denkmälern ist der Versuch, die Menschheit ihrer eigenen Geschichte zu berauben. Beides ist Verachtung des Menschseins, das eine dem Individuum gegenüber, das andere der gesamten Menschheit gegenüber.

Verunsicherung statt Verschwörung

Im Text »Nichts ist wichtiger als das Leben« habe ich darauf hingewiesen, dass viele Westler es sich gar nicht vorstellen können, dass man mit anderer Sozialisation unter Umständen ein Menschenleben nicht als das allerhöchste Gut betrachtet. Dort erwähnte ich auch den Fall des Mordes am Hamburger Jungfernstieg. Seitdem sind zwei bemerkenswerte Dinge passiert.

Es kam heraus, dass es nicht »nur« um die brutale Tötung einer Mutter und ihrer einjährigen Tochter ging, sondern dass bei der Tat wohl auch dem Kleinkind der Kopf fast vollständig abgetrennt wurde.

Dies wurde nicht durch eine Mitteilung der Polizei oder Staatsanwaltschaft bekannt, sondern durch die Berichterstattung von unabhängigen Bloggern. Nachdem die Berichte online erschienen waren, fand eine Hausdurchsuchung bei dem Online-Bürger statt, federführend von einem Staatsanwalt begleitet, der u.a. für seine Begrüßung des Zensurgesetzes »NetzDG« bekannt ist. Die Hausdurchsuchung aber ergibt von außen betrachtet keinen erkennbaren Sinn außer eben dem, den betreffenden Bürger einzuschüchtern. (Bericht dazu auf welt.de.)

Verschwörungstheorien

Die Staatsanwaltschaft sagt, es ging bei ihren Versuchen, diese Informationen von höchstem öffentlichen Interesse zu unterdrücken, darum, den Schutz der Persönlichkeitsrechte des toten Kindes zu gewährleisten.

Ich habe Zweifel.

Erinnern Sie sich an den ertrunkenen Jungen Aylan Kurdi? Es stellte sich heraus, dass die Familie doch keine Flüchtlinge waren. Das Bild des ertrunkenen Kindes wurde von vielen Medien geteilt, bis die Leiche des am Strand liegenden Jungen in seiner blauen Hose und dem roten T-Shirt ins kollektive Gedächtnis und Bewusstsein gedrungen waren. Sind die Persönlichkeitsrechte weniger wert, wenn die getriggerte Emotion bestimmten politischen Zielen dient?

Erst vor kurzem haben wir die Bilder der – so die Berichte – durch Giftgas umgekommenen Kinder in Syrien gesehen. Hat irgendeine Staatsanwaltschaft die Hausdurchsuchungen bei den betroffenen Redaktionen angeordnet? Nein. Sind die Persönlichkeitsrechte weniger wert, wenn die getriggerte Emotion bestimmten politischen Zielen dient?

Im Fall Kurdi schrieb die BILD damals, in 2015, wir müssten uns als Gesellschaft zwingen, hinzuschauen. Warum nicht auch am Jungfernstieg? Es wäre doch nicht im Sinn der Menschlichkeit, nur dann hinzuschauen, wenn die vom Hinschauen getriggerte Emotion eine bestimmte Politik unterstützt – und wegzuschauen, wenn Hinschauen einen an politischen Entscheidungen zweifeln lassen könnte.

Steinhöfel benutzt das Wort »Justizskandal«. Viel spricht dafür, dass er unter »normalen Umständen« damit Recht behalten würde, und dass es sich nicht im Alltagsgeplänkel verlaufen würde. Wir wissen aber alle, dass es nicht normale Zeiten sind – schauen wir.

Zugleich denke ich, dass es keine Verschwörungstheorie braucht, um das scheinbar panische Verhalten der Staatsanwaltschaft und die merkwürdige Hausdurchsuchung zu erklären.

Die offizielle Begründung für die Hausdurchsuchung ist eher fadenscheinig – und das sehen nicht nur juristische Laien so. (Welchen Zweck hat es, alte Geräte zu konfiszieren, wenn es um bereits öffentlich gepostete Daten geht – außer einer Art »Bestrafung« oder »Einschüchterung«?)

Ich vermute einen weiteren möglichen Grund hinter der Aktion, und er braucht keine Verschwörungstheorie. Es ist sogar möglich, dass die Betreffenden sich ihrer Motivation selbst nicht vollständig bewusst sind. Auch die Justiz ist von Menschen besetzt. Die Handlung der Staatsanwaltschaft wirkt wie Panik, doch wovor haben sie Angst? – Eine Möglichkeit: Die Verantwortlichen erkennen, dass eine neue Qualität von Gewalt und gewaltaffiner Geisteshaltung nach Deutschland gekommen ist. »Normale« Morde wollen »nur« den Gegner töten. Die Realität war bislang doch etwas anderes als der Horror-Film – bislang. Enthauptungen aber wollen mehr als nur töten, Enthauptungen wollen den Gegner seines Menschseins berauben. Der deutsche Staat hat (noch) zu wenig Mittel, ja nicht einmal das Vokabular, dagegen vorzugehen. Die Einflüsterer der Regierung sind überfordert von einer sich rasch wandelnden Welt. (Siehe auch Merkels erwartbares Versagen beim letzten Arbeitsbesuch in den USA – ein anderes Thema.) Man ist auf vielen Ebenen panisch, und bis man sich arrangiert hat, versucht man, die Wogen ruhig zu halten – weil man aber mit der eigenen Panik kämpft, und zugleich das Verbrechen so schrecklich ist, gelingt die Unterdrückung der Nachrichten nicht vollständig.

Was Menschsein ist

Während die Verantwortlichen ihr Bestes geben, das Unheil zu managen, ist das Mindeste, das wir kleinen Leute tun können, zumindest Worte dafür zu finden.

Wir dachten ja bislang, es sei Konsens, dass Menschenwürde im Kleinen und Großen unverhandelbar sei, zumindest bei uns. Der Täter vom Jungfernstieg lebte seit 2013 in Deutschland. Er sprach Französisch und Englisch, sein Modestil wirkt westlich. Er hatte Gelegenheit und Zeit, sich an westliche Werte anzupassen, doch er entschied sich gegen sie.

Importierte und neu zum Leben erwachte Denkströmungen stellen unser Konzept von Menschenwürde in Frage. Einige Behörden scheinen in blanker Panik zu reagieren – etwa indem sie die Berichterstattung darüber mit brachialen Mitteln zu verhindern suchen.

Der Mord vom Jungfernstieg war ein Angriff nicht nur auf eine Mutter und ihr Kind; es war ein Angriff auf unser Konzept von Menschenwürde, und er steht in einem Kontext. Es ist eine gute Idee, das so abstrakte wie wichtige Konzept der Menschenwürde immer wieder zu verteidigen. Ob aber einschüchternde Hausdurchsuchungen dazu das richtige Mittel sind?

Dieser Beitrag erschien zuerst hier

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