Warum Politiker anders reden als das Volk

Foto: Durch Terd Photo/Shutterstock
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Wo alle Anstandsregeln verloren gegangen sind, wo Wahrheitsliebe und das Gesagte von gestern nichts mehr zählen, wo Logik durch ideologische Dogmen ersetzt worden ist und trotzdem der Anschein des Ehrenmannes oder der Ehrenfrau gewahrt werden soll, – da braucht es eine andere Sprache. Das muß eine Sprache sein, die nach Sinn und Verstand klingt, dabei aber unverbindlich genug bleibt, um den Redner nicht festnageln zu können. Die Sprachkritik.

von Max Erdinger

Oft genug ist der Adressat von Politikerreden der Landsmann oder die Landsfrau. „Landsfrau“ hat man aber noch nie gehört, „Landsmann“ eher selten und eigentlich auch nicht öfter als „Landsleute“. „Bürger“ oder „Bürgerinundbürger“ ist ebenfalls unbeliebt geworden, seit sich die AfD als Bürgerpartei bezeichnet. „Wählerinundwähler“ hingegen ist populär. Besonders populär bei Politikern sind die „Wählerinundwähler“, wenn irgendwo Wahlen anstehen.

Zu allen übrigen Zeiten handelt sich bei den wahlberechtigten Deutschen bequemerweise um „die Menschen“. Menschen wiederum, die nicht so deutsch aussehen, wie sich Politikerinundpolitiker deutsche Menschen offenbar vorstellen, sind Menschen mit Hintergrund. Vereinzelt muß Politikern aber inzwischen aufgefallen sein, daß das „Hintergrund“ hinter „dem Menschen als solchem“ diskriminierend ist, weil es herausstellt, daß es sich um einen anderen Menschen handelt als beim Hintergrundlosen. Da hätte der Politiker z.B. auch gleich „Neger“ sagen können.

Der Hintergrund hinter dem Menschen kommt deswegen allmählich aus der Mode. Er wird zunehmend ersetzt durch „die Menschen in diesem Land“, unterteilt lediglich noch in solche, die schon länger hier leben und solche, die noch nicht so lange hier leben. Vielleicht wird Deutschland bald umbenannt in „Bundesrepublik Diesesland“, wer weiß. Unmenschen gibt es in Politikerreden nie, weil es sich für Politiker nicht lohnt, zu behaupten, er mache Politik für die „Menschen und Unmenschen in diesem Land“. Der „Unmensch mit Hintergrund“ hätte sowieso jedes Vorstellungsvermögen überstiegen. In der Bundesrepublik Diesesland darf man sich keinen „bösen Neger“ vorstellen, egal, wie man das umschreibt.

Es ist diese Politikersprache, welche von den Medien gehorsamt nachgeplappert wird, in der dann seltsamerweise ausgedrückt wird, ausgerechnet „Deutschland“ – hier wird der Deutsche als Adressat absichtsvoll etwas hervorgekehrt – sei auf „einem guten Weg“. Vermutlich handelt es sich um den Weg der Besserung. Die Deutschen von heute müssen besser sein als die von früher, weil nichts vorwärtsgegangen wäre in den letzten Jahrzehnten, wenn es zu keiner Besserung gekommen wäre. Die Parteizeitung der SPD heißt aber „Vorwärts“ und nicht „Stillstand“ oder „Rückwärts“. Peter Sloterdijk hat sinngemäß einmal gesagt, in Deutschland werde man zwangsweise entweder sozialdemokratisch oder wahnsinnig. Mir ist bis heute nicht klar, worin er den Unterschied erkannt haben will.

So viel ist jedenfalls sicher: Wer in der Bundesrepublik Diesesland nicht ständig irgendwelche Etiketten auf die Stirn geklebt bekommen will, auf denen in einem Wort zu lesen ist, warum auf seine Ansichten nichts zu geben sei, der tickt besser sozialdemokratistisch. In der Bundesrepublik Diesesland gilt, daß selbst der dümmste und ungehobeltste Sozialdemokratist klüger ist als beispielsweise Prof. Dr. Gottfried Curio von der AfD. Man denke nur an „Pöbel-Ralle“, mit seinem menschlichen Namen auch als Ralf Stegner in die politische Willensbildung der „die Menschen“ eingeführt. Rektal. Oder man denke an Andrea „Pippi Langstrumpf“ Nahles.

Ausweislich seiner Biographie ist Prof. Curio im Gegensatz zu den Beiden ein ausgesprochener Geistesmensch, intelligent, gebildet und eloquent. Aber er ist kein Sozialdemokratist, vermutlich genau deswegen nicht. Und deshalb kann er anstandslos etikettiert werden vom ubiquitären Sozialistenpöbel bei dessen Versuch, sich die Macht über den Verstand der „Menschen in diesem Land“ zu erhalten.

Wir sind weit vorangekommen mit unserer Vorwärtsbewegung der letzten Jahrzehnte. Sämtliche Probleme konnten wir bereits hinter uns lassen und durch Herausforderungen ersetzen. Probleme sind etwas entsetzlich Gegenwärtiges. Herausforderungen haben den Vorteil, daß sie kein gegenwärtiges Problem sind, welches einer Lösung noch heute harrt. Die Herausforderung rechtfertigt den „Kampf“, der erst noch gewonnen werden muß. Logischerweise in der Zukunft. Ist der Kampf in der Zukunft gewonnen, gibt es einen neuen Kampf. So hangelt sich der Sozialdemokratist „von der einen Zukunft in die nächste“. Gegenwart ist immer nur zweite Wahl.

Deswegen gilt es als klug unter Sozialdemokratisten, den Blick „nach vorne“ zu richten. Weiß der Geier, warum, aber die Zukunft befindet sich anscheinend irgendwo weit vorne vor der Nasenspitze des Sozialdemokratisten. Über ihr befindet sich die Zukunft auf gar keinen Fall. Man sieht, wohin wir gekommen sind mit der Sozialistendenke. Früher noch lag die Zukunft entweder oben im Himmel oder unten in der Hölle. Heute liegt sie ganz klar vorne. Deswegen heißt die Parteizeitung der Roten auch nicht „Aufwärts“, sondern „Vorwärts“. Damit wäre wenigstens die Zeitungsfrage abschließend geklärt.

Wer allerdings etwas bewahren wollte, der täte es logischerweise nicht erst irgendwo weiter vorn, sondern da, wo er jetzt steht. Der Stillstand jedoch ist dann, wenn er aus einer Vorwärtsbewegung heraus erfolgte, tendenziell die Vorstufe zum Einlegen des Rückwärtsganges. Dem Stillstand begegnet der Sozialdemokratist daher mit einer argwöhnischen Reserviertheit. Er ahnt zwar, daß man im Stillstand auch etwas tun könnte, anstatt einfach nur still dazustehen, selbst, wenn man den Rückwärtsgang gar nicht einlegt. Jedoch ist Stillstand dennoch nichts Erstrebenswertes für den Sozialdemokratisten auf seinem immerwährenden Vorwärtsweg zur Erschaffung des Paradieses auf Erden. Im Stillstand braucht man auch keinen guten Weg, sondern einen Standpunkt. Sozialdemokratisten sind aber lieber allezeit „auf einem guten Weg“. Der Standpunkt des Sozialdemokratisten ist folglich ständig in Bewegung.

Der Politiker sieht sich der Notwendigkeit ausgesetzt, ständig zu reden, weil er dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommt, als durch schweigendes Tun. Einen Politiker, den keiner kennt, weil er nie etwas gesagt hat, gibt es nicht. Es hätte ihn nämlich niemand gewählt. Rollstuhlfahrer hingegen gibt es auch in der Variante Politiker. Kennt aber jemand einen stummen Politiker? – Ich nicht.

Dem Beruf des Politikers ist daher eine behinderungsinterne Diskriminierung immanent, ohne daß deren Abschaffung in der Zukunft jemals vorwärtsdenkend thematisiert worden wäre. Da war noch keiner jemals auf einem guten Weg. Die Stummen bleiben von der Teilhabe am Politikerdasein ausgeschlossen und niemanden juckt das. Wäre ich Sozialdemokratist, würde ich sagen, daß es sich um einen Skandal handelt, der jeder sozialen Teilhabegerechtigkeit Hohn spricht.

Weil nun der Politiker auf die Sprache angewiesen ist wie der Fisch auf das Wasser, plagt ihn die ständige Angst, es könnten ihm die Wörter ausgehen. Eigentlich hat sie ihn geplagt, diese Angst. Inzwischen hat er den Kampf gegen die drohende Wörterarmut nämlich gewonnen. Er hat einfach alte Wörter genommen und mit sich selbst multipliziert. Über die Freiheit zu reden, wird unter Politikergesichtspunkten schnell unergiebig.

Besser dran ist der wahlabhängige Bevölkerungsredner, wenn es viele verschiedene Freiheiten gibt, die er den Wählerinundwählern in Diesesland als den Plural von Freiheit andrehen kann. Mit der Gerechtigkeit ist es dasselbe. Viele verschiedene Gerechtigkeiten ergeben viel Redebedarf. Und mit der Demokratie ist es auch nicht anders. Zum Beispiel wurde die Geschlechterdemokratie erfunden, in der es mehr oder weniger demokratisch zugehen kann, was aber nicht wirklich wichtig ist, weil es lediglich darauf ankommt, den Begriff zur Verfügung zu haben. Es ist sogar so: Je „weniger demokratisch“ es in der „Geschlechterdemokratie“ zugeht, desto besser für den Politiker, der mit seinem erhöhten Redebedarf über die Geschlechterdemokratie Wählerinundwählerstimmen zu erhaschen hofft.

Für den Politiker ist es überhaupt nicht erstrebenswert, jemals tätig an das Ende von Irgendetwas zu kommen, etwas final zu klären und ad acta zu legen. Er könnte nämlich nicht mehr vorwärtsbewegt darüber reden. Indiskutable Tatsachen begreift er als Einschränkung seiner persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten. Mit einer „Gesellschaft“, die einfach so bleibt, wie sie ist, kann er nichts anfangen.  Da lohnen sich das Regieren und das Reden nicht. Deswegen muß die „Gesellschaft“ ständig verändert werden. Es handelt sich sozusagen um eine Vorwärtsveränderung in Richtung der vorneliegenden, hoffentlich uneinholbaren Zukunft.

Der Politiker, der davon redet, daß er die „Zukunft gestalten“ wolle, redet über ungelegte Eier. Das Uneinholbare läßt sich nicht gestalten.

Das Schlimmste, was einem Politiker passieren kann, ist, daß ihm das Wahlvolk wegstirbt. Wenn die Wählerinundwähler nicht mehr sind, wird all sein Reden vergeblich. Deswegen braucht er immer genügend Wählerinundwähler. Unter demografisch-autochthonen Gesichtspunkten betrachtet, befindet sich die Bundesrepublik Diesesland, recht zügig vorwärtsbewegt in Richtung Jenseitsland, auf keinem „guten Weg“. Deswegen muß das aussterbende Volk durch ein vitaleres ersetzt werden und der Politiker erkennt, daß es zielführend sein muß, heute möglichst schon so zu reden, wie diejenigen es hören wollen, die in der Zukunft darüber entscheiden werden, ob ihm die Pension gestrichen werden soll oder nicht. Islamkritik ist deswegen völlig out.

Der Politiker, der sich heute gegen die Islamisierung von Diesesland stellt, ist im Alter ein ganz armer Hund. Armut wäre allerdings rückschrittlich. Deswegen: Den Blick nach vorne richten. Vorwärts immer, rückwärts nimmer.

 

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