Dr. Welcome: „Flüchtlingshilfe“ als Studiengang

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Neulich an der Uni: Prof. Welcome trifft Dr. Dankeschön (Symbofoto: Shutterstock)

Im besten Hotel bei uns im Ort gibt´s neuerdings einen studierten Rezeptionisten. Er hat bei der FH seinen Bachelor in Willkommenskultur gemacht. Niemand hat für möglich gehalten, daß aus dem Kohlhuber seinem Buben einmal ein Studierter wird. Jetzt nennt er sich Dr. Welcome und gibt recht akademisch die Zimmerschlüssel an die Gäste heraus. Was es alles gibt.

von Max Erdinger

„Flüchtlingshelfer kann man jetzt studieren. Die FH Dortmund bietet den Studiengang Flüchtlingshilfe an. Viele Studierende sind selbst zu gewandert – und möchten anderen beim Start in ein neues Leben helfen.“

So steht es geschrieben bei SPIEGEL-ONLINE. Ob sich wohl die Zugewanderten unter den bisherigen Flüchtlingshelfenden als unterqualifiziert herausgestellt haben? Anscheinend muß da wieder mal alles verbessert werden. Menschen, die bisher schon Menschen beim Start in ein neues Menschenleben geholfen haben, können jetzt Dr. Flüchtlingsmenschenhelfer werden. Sapperlott. Hochschulen sind schon eine feine Sache.

Hozan Khalaf ist ein bisschen aufgeregt. „Hast du noch Fragen zu deinem Praktikum?“, fragt Beraterin Sibel Turhan. Khalaf blickt nervös in dem Büro umher. Bilder aus Urlaubsparadiesen glänzen an den Bürowänden. Hinter ihm lächelt ein Einhorn von einer Postkarte. Sibel Turhan schaut ihn aufmunternd an. „Kann ich das Praktikum auch verlängern?“ Die Studentin nickt. „Ja, natürlich. Aber am besten fängst du erst einmal an und schaust, ob es dir gefällt.“

Hozan will mit Autos etwas machen. Er ist wahrscheinlich nervös und unsicher gewesen, weil er von dem Einhorn irritiert war bei der Frage, ob es ihm gefallen könnte, während eines Praktikums etwas mit Autos zu machen. Daß es Hozan gefällt, mit den Autos der anderen Menschen etwas zu machen, ist nämlich das wichtigste. Autoarbeit, die keinen Spaß macht, ist nicht das richtige für Hozan. Das weiß Frau Sibel Turhan ganz genau.

„Für Hozan, den 23-jährigen Syrer, kann es gar nicht schnell genug gehen. Er möchte in sein neues Leben starten – sofort! Seit zwei Jahren lebt er in Deutschland, tat sich anfangs schwer mit der Sprache, musste lange auf einen Platz im Deutschkurs warten. Jetzt aber will er endlich arbeiten.“

Aha. Und die beiden Jahre vorher wollte er nicht arbeiten? Weil er mit den leeren Bierdosen, die er im Park hätte aufsammeln können, nur deshalb nicht Deutsch reden konnte, weil es ihm vorher niemand beigebracht hat? Sieht so aus, als müßte man Deutsch lernen, um arbeiten zu wollen.

Sibel Turhan vom Multikulturellen Forum in Hamm hat ihm ein Praktikum in einer Autowerkstatt vermittelt. Wenn er sich gut anstellt, hat er sogar die Chance auf einen Ausbildungsplatz als Mechatroniker. Gute Aussichten für Hozan.

Wieso sollen das gute Aussichten für Hozan sein? Momentan weiß doch noch gar niemand, ob er sich gut anstellt. Außerdem sind es keine guten Aussichten, Kfz.-Mechatroniker in einer Vertragswerkstatt zu werden. Insider munkeln, „Kfz-Mechatroniker“ in einer Vertragswerkstatt sei ein branchenübliches Synonym für „unterbezahlter Masochist“.

Dass die junge Frau auf der anderen Seite des Schreibtischs, die ihn so professionell berät, selbst noch mitten in der Ausbildung steckt, fällt ihm gar nicht auf. Dabei ist Sibel Turhan sogar noch ein Jahr jünger als er.

Ja, aber dafür ist Hozan ganz bestimmt aufgefallen, daß die junge Frau Sibel ein schönes Kopftuch aufhat.

Die Dortmunderin studiert „Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Armut und (Flüchtlings-)Migration“ – und wird wohl eine der ersten akademisch ausgebildeten Flüchtlingshelferinnen Deutschlands sein.

Hmm. Wer sie dann wohl bezahlen wird? Oder kann sie sich damit selbständig machen?

Seit dem Wintersemester 2014/15 bietet die FH Dortmund diesen besonderen dualen Bachelorstudiengang an. Neben ihren Vorlesungen und Seminaren arbeitet Sibel 20 Stunden pro Woche beim Multikulturellen Forum in Hamm.

Ein so vernünftiges Studium muß man schließlich auch mit vernünftiger Arbeit finanzieren. Das ist nichts besonderes. Nur der unvernünftige Architekturstudent vergnügt sich in den Semesterferien schweißtreibend auf einer Universitätsbaustelle.

Die 22-Jährige ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, ihre Eltern kommen aus der Türkei. „Ich habe oft Druck gespürt, zwischen meinen beiden Kulturen balancieren zu müssen.“ Da war einerseits die Familie, die erwartete, dass sie zu jeder türkischen Hochzeit entfernter Verwandter mitkam. Andererseits waren da die Freunde, die am Wochenende Party machen wollten.

Das läßt den Schluß zu, daß die Verwandtschaft der jungen Frau Sibel Turhan riesig sein muß. An 52 Wochenenden im Jahr nichts als lauter Hochzeiten. Und kein einziges mehr frei für Party mit den Freunden. Junge Frauen mit Kopftüchern haben es besonders schwer. Viele entfernte Verwandte sind der Tod jedweder Party. Und ich bin schon ganz traurig vom Lesen.

In ihrer Klasse an einem Dortmunder Gymnasium sei sie die einzige Schülerin mit türkischen Wurzeln gewesen. „Ich hatte Probleme, die niemand anderes hatte.

Das ist nicht ungewöhnlich. Viele Leute haben Probleme, die niemand anderes hat. Es ist völlig normal, ein Problem, das man hat, selbst zu haben.

Zerrissen zu sein zwischen den Kulturen, dieses Gefühl kennen auch viele Flüchtlinge. Sibel Turhan glaubt, dass ihr die eigenen Erfahrungen helfen, die Probleme und Sorgen von Zuwanderern nachzuvollziehen.

Was sollen eigentlich Zuwanderer sein? Ich glaube eher, daß es sich um Einwanderer handelt. Die Eindringlichkeit ist auch nicht dasselbe wie die Zudringlichkeit. Erst das eine, dann das andere. Außerdem wird allerweil nicht der Ruf nach einem Zuwanderungsgesetz laut, sondern der nach einem Einwanderungsgesetz. Leute, die einfach lässig zuwandern, um sich unauffällig dazu zu gesellen, sind Leute wie Hozan Khalaf sicher nicht. Weil sie erst zwei Jahre auf einen Deutschkurs warten müssen, um locker zu werden. Die wandern nicht zu, sondern erst einmal ein.

Die Schwerpunkte des Studiengangs, der sich aus den Fächern Soziologie, Erziehungswissenschaft, Psychologie und Recht zusammensetzt, klingen so, als wäre dieser einzig zur Bewältigung des Flüchtlingszustroms eingeführt worden. So gehören zum Curriculum „die Willkommenskultur der Mehrheitsgesellschaft“, „die Sensibilisierung für eigene Vorurteile“ und „Theorien und Lösungswege zu gesellschaftlicher Diskriminierung„.

Daß es in Deutschland keine Curricula über die „Verabschiedungskultur der Mehrheitsgesellschaft und ihre Sensibilisierung für die Vorurteile der Eingewanderten“ gibt, habe ich mir schon fast gedacht.

„Sibel Turhan hat schon häufiger Theorien aus der Vorlesung im Arbeitsalltag angewandt. „Gerade das Fach Aufenthaltsrecht hat mir in der Flüchtlingsberatung viel gebracht“, sagt sie.“

Und den Flüchtlingen noch viel mehr …

Aber manchmal hilft keine Theorie der Welt. Dann nämlich, wenn Menschen für ihre Integration gekämpft haben, sehr gut Deutsch sprechen, arbeiten – und trotzdem einen Ablehnungsbescheid bekommen. „Es ist frustrierend, wenn Menschen alles richtig machen und trotzdem nicht bleiben dürfen“, sagt Sibel. „Wir brauchen unbedingt ein Einwanderungsgesetz.

Bei den Menschen, die alles richtig gemacht haben, handelt es sich wahrscheinlich um Ausländer, die kein Aufenthaltsrecht haben und deshalb abgelehnt werden. Es kann kein Fehler sein, wenn sie bis dahin alles richtig gemacht haben. Wer hätte etwas davon, wenn sie während ihrer Zeit in Deutschland alles falsch machen? Gut deutsch zu können, ist nirgendwo ein Fehler. In Namibia zum Beispiel …

In derselben Hörsaalreihe wie Sibel sitzt Boran Al Yousef. Sie kennt Vorurteile nicht nur aus der Theorie. „In Deutschland wurde ich schon oft beleidigt, weil ich ein Kopftuch trage“, sagt die 25-Jährige. Dabei sei sie Feministin!

Kopftuchtragende Feministinnen sind die erfolglosesten auf der ganzen Welt, glaube ich. Jedenfalls kenne ich keine, die mit mehreren Männern verheiratet wäre.

Flüchtingshelfer kann man jetzt also studieren. Ich glaube das alles nicht mehr. Wie konnten die USA von heute das werden, was sie sind? Zu keiner Zeit hatten die jemals steuerfinanzierte Bachelors, die fränkischen Einwanderern bei der Integration in die Willkommenskultur der Mehrheitsgesellschaft geholfen hätten.

 

Wandere aus, solange es noch geht!
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