Wenn Politiker sich mit »Zeichen setzen« reinwaschen wollen

Foto: Durch Elvira Koneva/Shutterstock
Foto: Durch Elvira Koneva/Shutterstock

Ich setze ein Zeichen! Ein Zeichen, dass Sie von El Hierro bis Workuta hell strahlen sehen werden! Von Nord nach Süd und von West nach Kurz-vor-Ost! Ein Zeichen, das deutlich und klar ist. Ein Zeichen, das mich von aller Schuld und Verantwortung für mein Tun befreit. Ein Zeichen, das meine Sünden tilgt wie das heilige Wasser in der Kirche, so diese denn nicht bereits von jenen Männern, die mein Zeichen verpasst haben müssen, vandaliert wurde.

Von Dushan Wegner

Ich setze ein Zeichen, indem ich erkläre: Zeichen zu setzen ist vor allem Eitelkeit.

Heute, am 25. April 2018 setzt die Politik in Berlin ebenfalls ein Zeichen. Sie nennen ihr Zeichen »Berlin trägt Kippa«.

Im besten Deutschland aller Zeiten ist es seit Jahren gefährlich, öffentlich eine Kippa, die Kopfbedeckung der (orthodoxen) jüdischen Männer, zu tragen. Letzte Woche kam ein arabischer Israeli auf die Idee, die Kippa nicht nur öffentlich am Prenzlauer Berg zu tragen, sondern mit seinem Handy dabei auch die Reaktionen zu filmen. Er wurde mit einem Gürtel von einem jungen syrischen Facharbeiter israelkritisiert. – Hach, was gab das für einen Aufschrei! Unter all den Ärzten und Ingenieuren, da sind am Ende doch nicht gar ein oder zwei Antischämitn dabei?! Nein! Oh!

Ich bekenne gern, dass ich es zunächst für eine reizvolle Idee hielt, den 25. April zum Kippa-Day zu erklären. Der Tag der Nelkenrevolution, warum nicht?

Dann aber sah ich die Ausführung.

Da war erst eine Dorothee Bär, die in der Groko das digitale Placebo spielt. Von ihrer Reise in den Iran damals, an der Seite von Dobrindt, sind leider keine Fotos überliefert,so können wir leider keine Aussagen treffen über ihre Kopfbedeckung im Land der Sittenpolizei und Israelhasser. Es ist denkbar, dass sie schon damals eine Solidaritäts-Kippa trug, mutig den Mullahs trotzend, und es uns vor lauter Bescheidenheit nur nicht wissen lassen wollte – wir werden es nie wissen. Es könnte auch andere Gründe haben, dass es keine Fotos von ihr im Iran gibt. Von heute morgen aber, da haben wir ein Foto! Doro Bär mal nicht im politisch intelligenten Bayern-Trikot, nicht im modisch mutigen Bayern-Dirndl, sondern unter einer roten Kippa – eine Frau! Ich fühlte mich erinnert an die Orientierungswochen im Kibbutz, wo amerikanische Birthright-Trip-Damen auch mal eine Kippa tragen. Selbstfindungswochen im Heiligen Land – wenn das nicht in Ordnung geht, was dann? Ich fühlte mich auch erinnert an Liberale Synagogen. Aber auch das, schwer in Ordnung. Die Doro Bär ist harmlos und nett (keine politische Auszeichnung, ich weiß, aber durchaus eine menschliche) – sie weiß, wann ihre Zeit kommen wird, und bis dahin macht sie vieles richtig und nichts falsch. Das geht alles in Ordnung. An dem Punkt fand ich die Aktion noch immer charmant und durchweg gut.

Dann aber sah ich den Herrn Maas in Kippa. Kennen Sie diese Redensart, wo man sagt, dass einem übel wurde, aber in Wirklichkeit ärgerte man sich nur ein wenig? Nun, dies war kein solcher Fall. Diesen Kerl, diesen Wortbrecher, diesen Kutscher böser Geistesdämpfe – ihn unter jenem Symbol zu sehen, für welches Männer von deutschen Wieseln ins Gas geschickt wurden, unter dieser Kopfbedeckung, die Holocaust-Überlebende mit zitternden Händen an ihre Nachkommen weitergaben, so sie ihre Kippa denn gerettet hatten, diesen Typen unter dem Deckel zu sehen, das tat mir weh.

Es war eine gute, edle Idee, dieses »Berlin trägt Kippa«, kein Zweifel, doch sie war nicht zu Ende gedacht.

Indem sie »Zeichen setzen«, können jene, die an der neuen Misere die Schuld tragen, sich allzu bequem reinwaschen. Wenn das Herzblut dieser Regierung wirklich so rein und so warm für die jüdische Sache schlägt, warum haben sie Menschen ohne Prüfung ins Land gelassen, von denen ein guter Teil dogmatisch verbrämten Antisemitismus mit der Muttermilch aufgesogen hat?

Ich weiß, dass viele heute auf der Straße es »gut meinen«, und es gut zu meinen ist nicht an sich schon ein Fehler. Und ich weiß, dass viele von denen, die heute in den Straßen Berlins demonstrativ die Kippa tragen, auch im Rest des Jahres gute, wichtige Arbeit leisten – und anders als der klebrige Herr Maas auch anständige Menschen sind, deren Wort zählt und deren Taten dem Wohl derer dienen, die ihnen zur Obhut anvertraut sind.

»Zeichen zu setzen« darf kein Freibrief sein, mit dem sich jene freikaufen, die dafür verantwortlich sind, dass immer mehr Juden bezweifeln, ob Deutschland ihnen noch immer Heimat sein kann.

Merkel stammelte diese Woche zum Thema: »Wir haben auch neue Phänomene, indem wir jetzt auch, ööhm, Flüchtlinge haben, zum Beispiel, oder Menschen arabischen Ursprungs, die wieder eine andere Form von Antisemitismus ins Land bringen, aber Antisemitismus gab es leider auch schon vorher, und dass auch vieleJahrzehnte nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland kein Kindergarten, keineSchule, keine Synagoge ohne Polizeischutz sein können, das bedrückt uns.«

Selbstverständlich versucht Merkel auch hier das, was ich in »Talking Points« die»Reductio ad Emotum« nenne: die Ablehnung von Verwantwortung et cetera durchs Reden über Gefühl (»das bedrückt uns«), doch das ist nicht anders zu erwarten. Das Problem ist, dass statt den Ursachen ins Auge zu blicken, durch Zeichensetzen und Gestammel weiter Zeit geschunden wird. Es ist fast, als wisse man bereits, dass auf Deutschland ganz andere Probleme zukommen, und hier mit billigen Zeichen nur das fürs allgemeine Ruhighalten notwendige Minimum an Symbolpolitik veranstaltet werden soll.

Marschiert mit Kippa, liebe Politiker, oder lasst es sein; es ist wenig wert, wenn ihr morgen wieder eine Politik betreibt, die realen Antisemitismus verharmlost und Judenhassern den schwarz-rot-goldenen Teppich ausrollt.

»Was zählt, ist auf dem Platz«, heißt es im Fußball. In der Politik halte ich es genauso: Tragt an diesem einem Tag eure Kippa oder tragt sie nicht, entscheidend ist die Politik, die ihr an den restlichen 364 Tagen im Jahr treibt – und da bin ich bei dieser Regierung leider frei von jeder Zuversicht.

Eine Politik, die Antisemitismus verhindert, statt ihn de facto aktiv zu fördern – das wäre mal ein Zeichen, vor dem ich Respekt hätte!

Wandere aus, solange es noch geht!
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