Lesbos: Krawalle zwischen Einwohnern und Afghanen

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Krawalle auf Lesbos (screenshot YouTube)

Nach einem gewalttätigen Zusammenstoß zwischen Griechen und illegalen Einwanderern, die in Europa Asyl beantragen, befürchten die griechischen Behörden und Menschenrechtsgruppen weiter steigende Spannungen und Konflikte auf den östlichen Inseln des Ägäischen Meeres, auf denen Zehntausende sogenannter Flüchtlinge festsitzen.

Die gewalttätigen Auseinandersetzungen auf Lesbos dauerten zwei Tage und entzündeten sich an einer Demonstration von rund 200 Afghanen, die bessere Lebensbedingungen und eine schnellere Bearbeitung ihrer Asylanträge forderten. Dafür besetzten sie mehrere Tage land einen zentralen Platz in der Hafenstadt Mytilene, dem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum von Lesbos.

Die Insel gilt als eines der am stärksten von der sogenannten Flüchtlingskrise betroffenen Gebiete. Etwa 8.700 der 60.000 Migranten, die in griechischen Lagern leben, sind dort untergebracht. Am Sonntag versammelten sich Anwohner in Mytilene, um gegen die Besetzung der Afghanen zu protestieren. Die Demonstration endete in Gewalt. Einige der Protestierenden bewarfen die Afghanen mit Fackeln, Feuerwerkskörpern und Steinen, die sie aus den Bürgersteigen ausbuddelten und sollen laut lokaler Medien gedroht haben, die Einwanderer „lebendig zu verbrennen“ berichtet The New York Times. 

Nach mehreren Stunden des Aufruhrs griffen Bereitschaftspolizisten am frühen Montag ein und transportierten die Migranten mit dem Bus zurück in die überfüllten Lager. Die Polizei nahm kurzfristig 120 Migranten und zwei Griechen in Gewahrsam. Dreißig Menschen seien  wegen Atembeschwerden und Schwindelgefühl in ein Krankenhaus gebracht worden.

Beamte auf den Ägäischen Inseln warnen seit Monaten davor, dass die Bedingungen dort unhaltbar seien und die Spannungen überkochen könnten und forderten die Regierung auf, einen Teil der Asylbewerber anderswo unterzubringen. Die Polizei verzeichnet eine Zunahme von sogenannten „Hassverbrechen“ in ganz Griechenland.

Die Krawalle am Sonntag seien „eine der härtesten Nächte auf Lesbos seit Jahren gewesen“, erklärte der Bürgermeister von Lesbos, Spyros Galinos.

„Die Wut der Bürger und der festsitzenden Migranten ist nicht überraschend“, schrieb er auf Twitter und fügte hinzu, dass es keine Toleranz für „rechtsextreme Elemente“ oder für „Gesetzlosigkeit und Anarchie“ geben dürfe.

Die Migranten-Proteste auf Lesbos begannen nur wenige Tage nachdem ein griechisches Gericht entschieden hatte, dass Einwanderer, die ab jetzt von der Türkei aus die ägäischen Inseln erreichen, nicht mehr an der Weiterreise auf das Festland abgehalten werden dürfen (jouwatch berichtete).  Diese Entscheidung stößt bei vielen der vorher angekommenen  sogenannten Flüchtlinge auf Wut, da sie für sie nicht gilt und sie weiterhin die Inseln nicht verlassen dürfen.

Wegen der aufkommenden Befürchtungen, dass das Gerichtsurteil das Abkommen zwischen der Türkei und der Europäischen Union untergräbt, versuchte die griechische Regierung zu reagieren. Die staatliche Asylbehörde setzte die Reisebeschränkungen auch für Neuankömmlinge fort und Migrationsminister Dimitris Vitsas sagte dem griechischen Rundfunk, dass Flüchtlinge gezwungen werden würden, auf den Inseln zu warten, damit ihre Asylanträge bearbeitet werden können.

Ein Beamter des Ministeriums stellte fest, dass ein parlamentarischer Ausschuss am Dienstag mit der Überprüfung von Gesetzesentwürfen begonnen habe, um die Bearbeitung von Asylanträgen zu beschleunigen – ein Hauptgrund für die Überfüllung der Migrantencamps.

Vor dem Parlamentsausschuss sagte Dimitris Vitsas, dass sich die Ankünfte auf Lesbos seit 2017 fast vervierfacht hätten. Im vergangenen Jahr seien täglich rund 54 illegale Einwanderer angekommen. Allein am Dienstag seien es 206 gewesen – eine beunruhigende Entwicklung so Vitsas. Auch an der Landgrenze zwischen Griechenland und der Türkei sei die Zahl mit 340 Ankommenden am Dienstag weiter angestiegen.

Von Januar bis April seien mehr als 7.000 Menschen auf die Ägäischen Inseln gekommen, umgleichen Zeitraum aber nur 112 in die Türkei zurückgekehrt, erklärte Vitsas.

„Wenn die derzeitige Situation anhält, wird die Frustration bei den Bürgern und den Flüchtlingen weiter zunehmen“, meint Theodoros Alexellis, der Vertreter des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen in Lesbos.

Der Flüchtlingsstrom über die Ägäis sei zwar geringer als im Jahr 2016, als Tausende  täglich versuchten, die Grenze zu überqueren. Aber sie kämen weiterhin schneller an, als die Regierung die Asylanträge bearbeiten könne, so dass die ohnehin schon beengten Camps weiter anwachsen.

Mit dem nun beginnenden besseren Wetter steigt die Zahl der Flüchtlinge, die versuchen, die europäischen Küsten zu erreichen, wieder an – es seien täglich wieder Dutzende.  Allein am Montag hätten es sechs Boote geschafft, die europäische Küste zu erreichen, sagte Alexellis. (MS)