Untertänigst: Freiheit adieu!

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Die Bayern blasen niemandem mehr den Marsch (Foto: Pixabay)

Es gab einmal Zeiten, vor allem in Bayern, zu denen die Obrigkeit einen ungleich schwereren Stand hatte, als heutzutage. Während des preußisch geführten Kaiserreichs sind Bayern regelrecht allergisch gewesen gegen Anordnungen von oben. Der Preuße war ein „Saupreiß“. Die Kulturkritik.

von Max Erdinger

Aber auch dem eigenen König gegenüber gab es Renitenz. Als bayerischer Renitenzler berühmt wurde Franz Xaver Krenkl, häufiger Sieger des Oktoberfest-Pferderennens, der es sogar wagte, die Kutsche des Königs zu überholen. Als ihm Ludwig I. zurief, er wisse wohl nicht, daß das Vorfahren verboten sei, gab der Krenkl zurück: „Wer ko, der ko!“ (Wer kann, der kann) und drückte damit aus, daß ihm selbst königliche Verbote – wie man heute sagen würde – „am Arsch vorbeigehen“.

„Wer ko, der ko“,  steht in Bayern noch heute für Selbstbewußtsein, Respektlosigkeit und anarchische Lebensart. Und das „mia san mia“ (wir sind wir) strotzt nur so vor Selbstbewußtsein. „Mia trink ma a Bier“ (wir trinken Bier) ist Teil davon.

Am 1. März 1844 gab es per königlichem Erlaß eine Erhöhung des staatlich festgesetzten Bierpreises um 1 Pfennig. Tumult und Aufruhr waren die Folge. Ungefähr zweitausend Bürger stürmten die Brauereien und richteten Verwüstungen an. Das zu Hilfe gerufene Militär verweigerte alle Befehle, da es von der Bierpreiserhöhung schließlich selbst betroffen gewesen ist. Vier Tage später hatte das Bier wieder den vorherigen Preis. Der Erlaß zum Bierpfennig wurde vom König zurückgenommen. Mehr noch: Ludwig I. verfügte sogar eine Herabsetzung des Bierpreises im Hofbräuhaus, „um dem Militär und der arbeitenden Klasse einen gesunden und wohlfeilen Trunk zu bieten“, wenn die selbigen, sitzend in den Rauchschwaden aus ihren Tabakspfeifen, durstig geworden waren.

Selbst Friedrich Engels war von der „Bierrevolution“ derartig beeindruckt, dass er einen Kommentar im englischen „Northern Star“ verfasste, einer Zeitung, die in Leeds zwischen 1837 und 1852 erschien. Unter dem Titel „Beer Riots in Bavaria“ (Bieraufstand in Bayern), appellierte Engels an die Volksmassen, dass es ebenso einfach sei, der Obrigkeit auch bei wichtigeren Angelegenheiten das Fürchten zu lehren.

In Bayern nennt man jene Jahre noch heute „die gute alte Zeit“.

Der Freistaat Bayern im Jahre 2018: Verbote, so weit das Auge reicht – und Bayern, die in einem saupreißisch verunreinigten Dialekt aufgeregt schreien: „Der derf des ober nicht!“ (Das darf der aber nicht), wenn sie eines Landsmannes angesichtig werden, der ihnen rauchend und biertrinkend im Überholverbot ihre physische und geistige Lahmarschigkeit vor Augen stellt. „Wer ko, der ko!“, wollen sie nicht mehr gelten lassen. Das preußisch-protestantische „Wo kämen wir denn hin, wenn jeder …“ und das unselige „Der hält sich wohl für etwas Besseres“ haben ihnen derartig den Verstand vernebelt, daß sie inzwischen nicht nur jeden Bierpreis bezahlen, sondern auch noch akzeptieren, nach 22 Uhr keines mehr an der Tankstelle ihres Vertrauens verkauft zu bekommen.

Schneller als der König irgendwo vor Ort zu sein, gilt inzwischen ebenfalls als verpönt. Der Aufmerksame sieht sofort: Es hat den Bayern nicht gutgetan, sich in einen nationalstaatlichen Verbund mit den engstirnigen „Saupreißn“ zu begeben.

Die saupreußische Obrigkeitshörigkeit hat in Bayern zu einem kulturellen Flurschaden geführt, der in seiner ganzen Traurigkeit noch nicht einmal annähernd begriffen worden ist. Wo früher kernige Burschen in Lederhosen und Trachtenjankern selbst nach der dritten Maß noch barhäuptig den Watzmann erklommen haben, sind heute stocknüchterne, quietschbunte Goretex-Vögel zu sehen, die sich statt einer Tabakspfeife einen Müsliriegel ins Maul stecken, ehe sie das Fahrradhelmchen auf ihren Krachschädeln gegen ein Steinschlaghelmchen austauschen, um den Berg zu erklimmen. Oft hat sich sogar Weibsvolk bei den Bergsteigern eingeschlichen, obwohl Besteigung etwas männliches ist. Und alle halten das für normal, obwohl es riefenstahlmässig „nazi“ ist.

Einen eindrücklicheren Beweis dafür, was von dem linken „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ zu halten ist, gibt es gar nicht. Verzagtheit und Verweiberung sind kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. Heutige Bayern sind so verzagt wie die Saupreußen, die sich seit eh und je nur in der disziplinierten Masse stark fühlten. Es ist lange her, daß der letzte Wilderer in seinem individuellen Freiheitskampf erschossen worden ist. Es traut sich keiner mehr. Und zwar nicht nur deswegen nicht, weil es sich bei der Wilderei angeblich um ein Eigentumsdelikt handelt, sondern weil richtige Wilderer Schußwaffen gebrauchen, Vorderlader und Hinterlader. Die sind aber mindestens so verboten wie die Wilderei als solche. Dem Bayern ist das erhebende Gefühl, der Obrigkeit eins ausgewischt zu haben, völlig abhanden gekommen. Sogar ein alkoholfreies Bier trinkt er heutzutage. Und das ist der ultimative Beweis für Degeneration.

Und deppert ist es sowieso, weil: Erstens kostet ein alkoholfreies Bier nicht weniger als eines mit 5 Prozent, und zweitens könnte der Bayer sich mit einem richtigen Bier mildernde Umstände ertrinken, wenn er wegen sexueller Belästigung vorm Kadi steht, weil er vergessen hat, daß die Resi, bei der er eigentlich fensterln wollte, eine saupreußisch-protestantisch verhunzte Feministin ist und ihr Holz vor der Hütt´n gar nichts daran ändert. Alkoholfreies Bier macht aus dem Stier einen Ochsen.

Im Jahre 2018 läßt sich der Goretex-Bayer sogar das Maul verbieten. Zum Neger der Politisch-Korrekten hat er sich degradieren lassen, indem er sich nicht einmal mehr traut, das Wort „Neger“ zu verwenden! Von sämtlichen Verboten an seiner Natur geschwächt, beklagt er sich, daß ihm der Hirschfänger von einem kleinen Menschen mit afrikanischem Hintergrund entwendet worden sei, der gebrochen preußisch gesprochen habe, anstatt daß er den Schrumpfneger allein schon für den Versuch des Hirschfängerdiebstahls ungespitzt in den Boden des Biergartens rammt und hernach dem Gerichtstermin fernbleibt, weil er bergsteigen muß. Das ist doch alles kein Fortschritt!?

Rauchen tut er nur noch vor dem Wirtshaus, in seiner Kutsche schnallt er sich an und zum Radeln setzt er einen Helm auf. Auf dem Berggipfel schüttet er ein isotonisches Getränk in sich hinein. Wenn ihm die Weiberleut mit ihren Befindlichkeiten in den Ohren liegen, senkt er schuldbewußt den Blick und schraubt verständnisvoll sein Ohrwaschel heraus, um nur ja nichts Wesentliches zu versäumen. Die Merkel hält er für die zeitgemäße Wiedergeburt von Bismarck und zum Verbleib im Verbund mit den verbotsgeilen Saupreußen erkennt er keine Alternative.

Und dieser Abstieg vom Bayern zum obrigkeitshörigen Kretin hat noch nicht einmal zweihundert Jahre gedauert. Wie schnell Degeneration geht, – das ist das eigentlich Erschreckende. Wo er früher noch ein barsches „Aber schnell!“ gebellt hätte, flötet er heute entklötet: „Fände ich es dufte, wenn Sie das zeitnah für mich erledigen könnten.“ Als nächstes schaut er sich neugierig nach frischen Verbotsschildern um und verpfeift einen Landsmann bei der Polizei, wenn der die preußische Merkel nicht mit dem Bismarck verwechselt und ihr stattdessen Hals- und Beinbruch wünscht und solches humorig einen Unfall nennt. Daß der bayerische Humor verboten worden ist, das läßt er sich auch gefallen. Jedenfalls so lange, bis ihm gerichtlich bestätigt worden ist, daß er ihn behalten darf. Dafür ist in Bayern allerdings auch schon mehr als eine Instanz nötig.

„Vorwärts nimmer, rückwärts immer!“

 

 

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