Dumm gelaufen: Von der Religion zur Zivilreligion

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Solche Gotteshäuser gehören einfach zu Deutschland (Foto: Durch Funny Solution Studio/Shutterstock)

„Was scheren Frau Merkel, Herrn Maas und Co. schon Artikel 5 Grundgesetz, geltendes EU-Recht oder deutsches Ausländer- und Asylrecht. Sie sind ja die guten Menschen…“. Mit diesem kurzen Kommentar bringt ein Jouwatch-Leser das bedrückende (un)geistige Klima in Merkels degenerierter Bundesrepublik auf den Punkt. Das allerdings führt zu weiteren Fragen.

von Max Erdinger

Eine gängige Definition des Begriffs „Säkularisierung“ geht so: „Ablösung der politischen Ordnung als solcher von ihrer geistlich-religiösen Bestimmung und Durchformung“.

Dahinter steht die Überzeugung, daß die Ablösung von Bindungen an die Religion in Fragen der Lebensführung -pardon – „segensreich“ sein wird, so man die Beantwortung dieser Fragen der menschlichen Vernunft anstatt des Glaubens überläßt. Wem sonst hätte man sie auch überlassen sollen? Daran, daß sich der Säkularisationsgedanke selbst humanistisch und aufklärerisch bis zur herrschenden Zivilreligion aufpumpen könnte, dachte niemand.

Es stellt sich gerade im jungen 21sten Jahrhundert heraus, daß die säkularisierte Gesellschaft nicht weniger gläubig ist als vor der Säkularisation. Sie glaubt jetzt eben etwas anderes und ist – pardon – „gottfroh“, daß sie keinen Gott mehr braucht, um gläubig zu sein. Woran glaubt sie in Ermangelung anderer Alternativen also? An die – pardon – „göttliche“ Kraft des eigenen Verstandes. Und was ist das wiederum? – So brunzdumm, daß einen die Gänse beißen.

Immerhin handelt es sich bei den Gläubigen an die Kraft ihres Verstandes um Individuen, die dann, wenn sie einen Verstand hätten, ganz leicht selbst feststellen könnten, wie sich das mit ihrer zerebralen Leistungsfähigkeit verhält. Der Verstand ist jenes mehr oder minder vorhandene Phänomen, das feststellen kann, wie wenig es in der Lage ist, sich die Fragen zu beantworten, die es selbst aufwirft. Der Verstand hantiert mit Begrifflichkeiten, von denen er keinen Begriff hat – und der Zivilreligöse hält das für vernünftig.

Die zeitliche Dimension: „Ewigkeit“ ist einfach zu viel für den Verstand. Daß irgendetwas – und sei es in sämtlichen denkbaren Vorstufen von sich – nie angefangen hat und nie aufhören wird, ist mit dem Verstand nicht zu begreifen. Ewigkeit ist nichts, womit der Verstand etwas anfangen könnte. Doch selbst der Zivilreligöse verwendet den Begriff.

Die räumliche Dimension: Mit der „Unendlichkeit“ ist es analog zur Ewigkeit exakt dasselbe. Unendlichkeit ist nicht zu begreifen. Selbst der Zivilreligiöse muß nolens volens an ihre Existenz – pardon – „glauben“.

Also sprach der Herr: „Ich bin der Anfang und das Ende (Alpha & Omega).“ Das ist ja immerhin schon etwas. Zu religiösen Zeiten waren Ewigkeit und Unendlichkeit wenigstens nicht unbegreiflich, sondern immerhin Gott. Das ist schon ziemlich tröstlich gewesen. Heute ist es völlig trostlos.

Das Problem, das man lange vor der Säkularisation zu behandeln vergessen hat, ist das folgende: Der Mensch mit seiner Neugier – also nicht jeder Mensch – wird alles Mögliche herausfinden, zum Beispiel, daß die Welt sehr viel älter ist als seine Religion, daß es unendlich viele Geschlechter genauso gewiss wie die Kernspaltung gibt und daß es sich bei „bunt“ um eine gesellschaftspolitische Zustandsbeschreibung handelt.

Wenn nun die Welt tausendfach älter ist als seine eigene Religion, dann wird´s wohl nicht stimmen, daß Gott die Welt erschaffen hat, weil das bedeuten würde, daß vor ungefähr 2000 Jahren die Leute schlagartig schlau geworden sind. Das wäre aber einmaliges Vorkommnis geblieben, sensationell direkt, weil dergleichen seither nie wieder beobachtet worden ist. Schlußfolgerung: Alles Kokolores. Erstunken und erlogen. Pardon – „gottseidank“ haben wir unseren Verstand. Wo wir ihn wohl herhaben? Hoffentlich nicht da her, wo sich die Frau Göring Eckardt und Frau Merkel den ihren eingefangen haben. Das wäre nämlich schlimmer als Männergrippe.

Was ist also vergessen worden? Daß man irgendwann einmal unweigerlich an den Punkt kommen wird, an dem man mit der Tatsächlicheit einer Existenz Gottes nicht mehr zurecht kommt und zugeben müssen wird, daß der christliche Gott genauso eine Erfindung ist, wie sämtliche anderen Götter der Gegenwart und der Vergangenheit.

Das hätte einen nun nicht davon abhalten müssen, den Glauben auf seine „Restverwertbarkeit“ hin abzuklopfen, etwa dergestalt, daß man sich gefragt hätte, worin denn der Segensreichtum des Glaubens angesichts der unleugbaren Grenzen des eigenen Verstandes zu sehen wäre. Und man wäre zu einer wichtigen Erkenntnis gekommen, die heute dem sogenannten „aufgeklärten“ Menschen fürchterlich fehlt: Daß man sich nämlich dem Unbegreiflichen fügen muß. Daß es deswegen unantastbare Dogmen geben – und daß man den ultimativen Richter von der Erde entfernen, also externalisieren muß, so man verhindern will, daß der unzureichende Verstand alles ins Chaos stürzt.

Die zeitgemäße Interpretation von „Gott“ hätte also „Ordnung“ werden können statt „Inexistenz“. Die göttliche Ordnung sozusagen, die dem marodierenden Verstand entzogen bleibt. Die christliche Religion – nicht ihre Verkünder auf Erden! – ist eigentlich ein revolutionärer Erkenntnisgewinn durch den Verstand gewesen – und die Leugnung dieses Erkenntnisgewinns ist die blanke Degeneration. Atheismus ist ein gewaltiger Rückschritt und keinesfalls Fortschritt.

Was glaubt er denn nun, der furchtbar schlaue Gottlose?

Alles mögliche. Daß er selbst der Allmächtige sei zum Beispiel. Würde er das nicht glauben, könnte man ihm auch eine Menge zivilreligiöser Glaubensinhalte nicht weismachen, die mitnichten seiner „Freiheit vor Gott“ dienlich sind, sondern seiner Knechtung durch die Priester des Zivilreligiösen.

Ein vollkommen lächerliches, neuzeitliches Glaubensdetail ist z.B., daß ein Fahrradhelmchen gegen das Schicksal hilft. Daß Michael Schumacher kein Fahrrad -, sondern ein Skifahrerhelmchen aufhatte, zählt nicht als Einwand. Das gefährlichste Glaubensdetail der Zivilreligiösen ist, daß der Mensch alles machen kann, Weltvernichtung durch Dieselfahrzeuge zum Beispiel. Klimaerwärmung, Klimaabkühlung – der Zivilreligiöse ist zu allem fähig.

Er hat auch seine – pardon – „Heiligenbildchen“: Haifische, denen im arktischen Winter des Atlantiks an der amerikanischen Ostküste dermaßen die Kiemen zugefroren sind, daß sie sich zum Luftholen an den Strand haben spülen lassen, wo sie dann mausetot fotografiert und zu Heiligenbildchen verarbeitet wurden, die dann über die Massenmedien unters glaubensdurstige Volk gestreut worden sind. Das ist vor wenigen Monaten tatsächlich passiert.

Da stellt es sich als nur vermeintlich vorteilhaft heraus, eine aufgeklärte Meinung zu haben, die nicht nur den christlichen Glauben, sondern auch noch das weltliche Wissen ersetzt. Haien, die sich in flüssigem Wasser bewegen, können niemals die Kiemen zufrieren, weil ihrer Umgebung die nötigen Minusgrade für ein solch eiskaltes Malheur fehlen. Was noch?

Der Zivilreligiöse glaubt fest daran, daß nach seinem Tode nichts mehr übrig bleibt von ihm. Seelen, die in den Himmel auffahren oder hinab in die Hölle zu Frau Merkel, – alles das ist Kokolores. Deswegen hat er auch vor nichts gräßlichere Angst, als davor, zu sterben. In den fürchterlichen Schrecknissen des Dreißigjährigen Krieges sind immerhin geistliche Lieder entstanden, die den Tod als Erlösung aus den Gräueln des irdischen Daseins priesen und so Aussicht und Zuversicht, mithin also Lebensmut verliehen.

Wie furchtbar ist es aber, wenn man fünf Jahre alt ist, sterben muß und gar keinen Glauben hat? Bewegend waren die Worte eines kleinen syrischen Jungen, der bei einem Angriff auf das Haus seiner Eltern alle Verwandten verloren – und selbst schwerste Verbrennungen erlitten hatte. Er werde Gott alles erzählen, sagte er, bevor er starb. Das war sein Trost. Welches – pardon – „dumme und selbstgerechte Arschloch“ fühlt sich dazu berufen, einem Menschen zu erklären, sein Glauben sei alberner Kokolores? – Der Zivilreligiöse. Der Atheist.

Man hätte bei aller Säkularisation, bei allem Humanismus und aller Aufklärung immerhin davon Abstand nehmen können, allein wegen des offensichtlich überholten Narrativs der Bibel sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen und sich der Einsicht in die eigene Begrenztheit angesichts des Unbegreiflichen fügen können. Oder anders ausgedrückt: Man muß nicht „wirklich“ an Gott glauben, um zu erkennen, wie segensreich es ins Irdische zurückwirkt, einen ultimativen Gesetzgeber externalisiert zu haben und ihn so für den Verstand unantastbar zu machen.

Der Dekalog war einmal das Fundament auch unserer säkularisierten Gesetzgebung, unserer Überzeugungen und unserer gesamten Kultur. Das wird er immer weniger. Was immer deutlicher heraufzieht, ist der gnadenlose Terror der zivilreligiösen Verstandesgläubigen in ihrer ganzen eindimensionalen, unbeseelten und monströsen Schlichtheit.