Douma: War die Gas-Attacke nur ein Sandsturm?

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Angebliches Beweis-Video (screenshot Facebook)

Der britische Reporter Robert Fisk, der seit 1976 in Beirut lebt, reiste für  Independent ins syrische Dogma. Den Ort, in dem eine angebliche Gasattacke von Präsident Assad die USA, die Briten und Franzosen zu ihrem Militärschlag veranlasste. Wie wichtig es ist, dass Reporter vor Ort mit Menschen sprechen, statt sich hinter ihren Schreibtischen auf Informationen zweifelhafter Helfer zu verlassen, zeigt seine Reportage. In ihr kommen Menschen zu Wort, die behaupten, die Gasattacke war nur ein Sandsturm.

Übersetzung von Marilla Slominski

Dies ist die Geschichte einer Stadt namens Douma, eines verwüsteten, stinkenden Ortes mit zertrümmerter Wohnblocks – und einer unterirdischen Klinik, deren Bilder des Leidens es drei der mächtigsten Nationen der westlichen Welt erlaubt haben, Syrien letzte Woche zu bombardieren.

Es gibt sogar einen freundlichen Arzt in einem grünen Mantel, der mir, als ich ihn in der Klinik aufspüre, in der die Bilder entstanden, fröhlich erzählt, dass das „Gas“ -Videoband, das die Welt entsetzte – trotz aller Zweifler – vollkommen echt ist. Doch der 58-jährigen syrische Oberarzt fügt hinzu: Die Patienten hätten nicht durch Gas, sondern durch Sauerstoffmangel in den an Atemnot gelitten. In der besagten Nacht habe Beschuss durch Regierungstruppen und einen starken Wind sowie einen Standsturm gegeben, der in die mit Müll gefüllten Tunnel und Keller eindrang, in denen sie leben.

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Angebliches Beweis-Video (screenshot Facebook)

Dr. Assim Rahaibani, der nach eigenen Angaben kein direkter Augenzeuge ist und gut ausgezeichnet Englisch spricht, bezieht sich mit seiner Aussage zweimal auf die Dschihad–Kämpfer von Jaish el-Islam, die in Douma als „Terroristen“ bezeichnet werden. Nicht nur das Assad-Regime nennt sie so, auch viele Menschen in Syrien bezeichnen die Islam-Kämpfer so. Hör ich das richtig? Welche Version der Ereignisse sollen wir glauben?

Frankreich hat inzwischen gesagt, es habe „Beweise“ dafür, dass chemische Waffen verwendet wurden, US-Medien haben Quellen zitiert, die besagen, dass in Urin- und Bluttests das bestätigen würden. Die WHO hat mitgeteilt, dass ihre Partner vor Ort 500 Patienten behandelt hätten, „die Anzeichen und Symptome zeigten, die auf toxischen Chemikalien hinweisen“.

Die Inspektoren der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) werden derzeit daran gehindert, zum Ort des angeblichen Gasangriffs zu gelangen – angeblich weil ihnen die korrekten UN-Genehmigungen fehlten.

Die Leser sollten wissen, dass die Aussage des Arztes nicht die einzige dieser Art in Douma ist. Vielen Menschen, mit denen ich in den Ruinen der Stadt geredet habe, sagen, sie hätten „niemals an die Gasgeschichten „geglaubt – die gewöhnlich von bewaffneten islamistischen Gruppen verbreitet wurden.

Diese Islam-Kämpfer überstanden den Sturm des Granatfeuers, indem sie in den Häusern anderer Menschen lebten und in riesigen, breiten Tunneln mit unterirdischen Straßen, die von Gefangenen mit Spitzhacken auf drei Ebenen unter der Stadt durch den Felsen gehauen wurden.

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Tunnelanlagen in Douma (screenshot Facebook)

Gestern bin ich durch drei von ihnen gegangen, riesige Korridore aus Gestein, in denen immer noch russische – ja, russische – Raketen und ausgebrannte Autos liegen. Die Geschichte von Douma ist also nicht nur eine Geschichte von Gas – oder gar kein Gas. Es geht um Tausende von Menschen, die sich in den letzten Wochen nicht für die Evakuierung per Bus aus Douma entschieden haben. Sie blieben bei den Bewaffneten, mit denen sie monatelang wie Troglodyten leben mussten, um zu überleben.

Ich bin gestern ganz frei durch diese Stadt gelaufen, ohne Soldaten, Polizisten oder Aufpasser, um meine Spuren zu folgen. Nur zwei syrische Freunde, eine Kamera und ein Notizbuch waren dabei. Manchmal musste ich über 20 Fuß hohe Wälle klettern, auf fast steilen Erdwänden.

Glücklich, Ausländer bei ihnen zu sehen, glücklicher immer noch, dass die Belagerung endlich vorbei ist, lächeln die meisten Menschen hier; natürlich nur diejenigen, deren Gesichter man sehen kann, weil eine überraschend große Anzahl von Doumas Frauen den schwarzen Hijab in voller Länge trägt.

Ich fuhr als Teil eines begleiteten Konvois von Journalisten zuerst nach Douma. Aber sobald ein langweiliger General vor einem zerstörten Gemeindehaus „Ich habe keine Informationen“ verkündete – diese hilfreichste Müllhalde der arabischen Beamtenschaft – bin ich einfach gegangen. Auch andere Reporter, hauptsächlich Syrer, taten dasselbe. Selbst eine Gruppe russischer Journalisten – alle in Militärkleidung –  kehrten ihm den Rücken. 

Es war ein kurzer Spaziergang zu Dr. Rahaibani. Von der Tür seiner unterirdischen Klinik – „Punkt 200“, heißt es in der seltsamen Geologie dieser teilweise unterirdischen Stadt – führt ein Korridor bergab. Dort zeigte er mir sein Krankenhaus mit den niedrigen Decken und den wenigen Betten. In einem von ihnen weinte ein kleines Mädchen, während eine Krankenschwestern den Schnitt über ihrem Auge behandelte.

Die Menschen litten wegen Staub an Atemnot – nicht wegen Gas!

„Ich war mit meiner Familie im Keller meines Hauses dreihundert Meter von hier in der besagten Nacht, aber alle Ärzte wissen, was passiert ist. Es gab eine Menge Beschuss [von Regierungstruppen] und Flugzeuge waren nachts immer über Douma – aber in dieser Nacht gab es Wind und riesige Staubwolken kamen in die Keller und Gewölbe, in denen die Menschen lebten. Die Menschen kamen hier ins Krankenhaus weil sie deswegen unter Sauerstoffmangel litten. Dann rief jemand an der Tür, ein „Weißhelm“: „Gas!“ und sofort gerieten die Menschen in Panik. Sie fingen an, Wasser übereinander zu gießen. Ja, das Video wurde hier gedreht, es ist echt, aber was Sie sehen, sind Menschen, die an Hypoxie leiden – und nicht an einer Gasvergiftung“, so der Arzt.  „

Nachdem ich mit mehr als 20 Leuten geplaudert hatte, konnte ich keinen finden, der das geringste Interesse an Doumas Rolle bei den westlichen Luftangriffen zeigte. Zwei haben mir tatsächlich gesagt, dass sie die Verbindung nicht kennen.

Es war eine seltsame Welt, in der ich mich befand. Zwei Männer, Hussam und Nazir Abu Aishe, sagten, sie wüssten nicht, wie viele Menschen in Douma getötet worden seien, obwohl einer von ihnen zugab, dass er einen Cousin hatte, der von Jaish el-Islam [der Armee des Islam] hingerichtet wurde, weil er angeblich „Regierungstreu“ gewesen war. Sie zuckten mit den Schultern, als ich nach den 43 Leuten fragte, die bei dem berüchtigten Douma-Gas-Angriff gestorben sein sollen.

Die Weißhelme – die im Westen legendären medizinischen Ersthelfer, spielten eine vertraute Rolle während der Schlachten. Sie werden teilweise vom britischen Auswärtigen Amt finanziert, und die meisten lokalen Büros wurden von Douma-Männern besetzt. Ich fand ihre zerstörten Büros unweit von Dr. Rahaibanis Klinik. Eine Gasmaske war vor einem Essensbehälter mit einem durchbohrten Augapfel und einem Haufen schmutziger Militärtarnuniformen in einem Raum zurückgelassen worden. Bewußt dort plaziert, habe ich mich gefragt? Ich bezweifle das. Der Platz war voll mit Kapseln, kaputten medizinischen Geräten und Akten, Bettwäsche und Matratzen.

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Mutmaßliche Islam-Kämpfer verlassen Douma (screenshot Facebook)
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Spielen eine zweifelhafte Rolle – die sogenannten White Helmets (screenshot Facebook)

Natürlich müssen wir auch ihre Seite der Geschichte hören, aber das wird hier nicht passieren. Eine Frau erzählte uns, dass jedes Mitglied der Weißhelme in Douma ihr Hauptquartier verlassen und in die von der Regierung organisierten und russisch geschützten Busse stieg, die sie zur Rebellenprovinz Idlib zu den bewaffneten Rebellengruppen brachte, als der endgültige Waffenstillstand vereinbart wurde.

Wandere aus, solange es noch geht!
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