Deutsche Empörung: Immer voll daneben….

Foto: Imago
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Das Echo auf den „Echo“, also die soeben absolvierte öffentliche Verleihung des Deutschen Schallplattenpreises, ist verheerend. Dabei ist der seit Tagen anschwellende Chorgesang der Empörten an Scheinheiligkeit, Fragwürdigkeit und teilweiser Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Vor, während und nach dem „Echo“ wurden und werden Songzeilen der Rüpelrapper Kollegah (33) und Fahrid Bang (31) durch Diskurse gezogen, die gar keine sind. Farid Bang und Kollegah gewannen den Echo in der Kategorie „Hip-Hop/Urban National“, obwohl einzelne Textzeilen des Duos als antisemitisch bewertet wurden. So heißt es in einer Zeile des Albums „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“: „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“. Der Ethikrat beschäftigte sich im Vorfeld für den Bundesverband der Musikwirtschaft als Veranstalter mit dieser dummen Geschmacklosigkeit, gab am Ende aber grünes Licht, so wurde es zumindest lanciert. Dann kam doch die umstrittene Verleihung, etwas Campino-Protest auf der Bühne und ein bizarrer Auftritt des Duos, weshalb Wolfgang Niedecken die beiden Brüllmeister im nach hinein knallhart als „Schein-Musikanten“ herabwürdigte.

Von Hans S. Mundi

„? Mittlerweile sind die 68er, die gegen das Establishment rebellierten, selbst das Establishment. Erleben wir mit dem Gangsta-Rap jetzt die Rebellion und Provokation der Jugend gegen diese neue Obrigkeit?
Wolfgang Niedecken: Es wäre vermutlich erhellend, sich mit den beiden mal unter sechs Augen zu unterhalten, zu schauen, was ohne dieses Gepose kommt. Von dem, was ich da bei der Verleihung gesehen habe, kann ich mir kein Bild über die Jungs machen.

? Gepose gab es auch bei Jimi Hendrix und vielen anderen.
Wolfgang Niedecken: Ja, klar. Aber ich meine natürlich dieses Macho-Gepose. Ironiefreies Gepose von Bon Jovi über Guns n’Roses bis zum Gangsterrap kann ich wirklich nicht ab. Ich frage mich auch, was das für eine Jugendkultur ist, in der man auf peinliche Auftritte steht.

? Nach der Band Frei.Wild gibt es jetzt mit Farid Bang und Kollegah erneut eine Debatte um den „Echo“-Preis. Muss die Jury etwas ändern?
Wolfgang Niedecken: Momentan könnte ich mir vorstellen, dass er aus dem Verkehr gezogen wird. Über den Fall der antisemitischen Pöbeleien hat man offenbar nicht genügend nachgedacht. Ich habe schon vor drei Jahren festgestellt, dass mich am Echo überhaupt nichts mehr interessiert. In dem Frei.Wild-Jahr 2016 hat allein Helene Fischer 4 „Echos“ gewonnen. Sie hat jedes Mal aufs Neue die gleiche kitschige Dankesrede gehalten. Für mich ist das reine Zeitverschwendung. Ein Versatzstück nach dem anderen und das soll dann Pop-Kultur sein. Es gibt eine Menge Leute, die tolle Sachen machen, dort aber niemals vorkommen werden. Da wird außer dem Lebenswerk und dem Kritikerpreis nur der Verkauf belohnt und damit ist alles wenig überraschend.“

Ergibt solch ein Protest eigentlich noch irgendeinen Sinn? Da hier wie auf Kommando plötzlich der denkbar schlimmste Vorwurf hochgespült wurde, nämlich irgendwie „rechtes Gedankengut“, Antisemitismus und NS-Verherrlichung zu propagieren, wirkte das Zurückgeben der „Echos“ von alten und neuen Preisträgern plötzlich sehr statisch. Auch Campinos Wutrede von der „Echo“-Bühne gegen die beiden Rapper war zitternd vom Blatt abgelesenes PC-Deutsch für brave Mainstreamer, weshalb mindestens noch „Homophobie“, dieses schrille Unwort, mit in den Raum geschleudert werden musste. In Campinos Aufzählung durfte der Rassismus nicht fehlen, aber Linksextremismus und Linksfaschismus sowie religiöser Wahn, Christenverfolgung und radikaler Islam scheinen nicht so schlimm zu sein, Kollegah und Fahrid Bang sind einfach schlimmer – Campino ordnete also kommenden Protest gleich ein, damit auch möglichst keiner aus der AfD auf die Idee kommt, sich dem Protest vielleicht noch anzuschließen.

Natürlich gehört solch kranker Scheiß nicht auf eine Bühne der ehrenwerten Auszeichnungen für Künstler. Aber dieser „kranke Scheiß“, so wird der „Echo-Rap nun vielfach im Internet genannt, findet das ganze Jahr über und in hunderten von Alben aus der Szene der Assi-Rapper statt. Frauen sind bei diesen Halbstarken nur „Schlampen“, Homosexuelle müssen bei vielen Zeilen um ihr Leben fürchten und Juden sind in den harten Milieus der rappenden Strassenkultur überwiegend Gegner, Feinde, Schweine. Anders erklärt: Man entzieht der Empörung jede Grundlage, wenn sie erstens erst hinterher massiv kommt, zweitens keinerlei Bezug zum Umfeld und zum eigentlich Phänomen des Judenhasses herstellt und drittens der über viele Jahre aufgebaute „Echo“ nun einfach kalt gestellt wird, man ihn wie einen Preis aus dreckigem Saustall vorführt und damit wohl letztlich zertrümmern wird. Die Gegner eines bis dato auch international anerkannten deutschen Musikpreises dürften sich freuen, dem Land wird gerade eine wichtige Säule der Musikultur genommen – denn Leistung muss belohnt, gewürdigt und reflektiert werden, auch wenn man an den Stellschrauben eines „Industriepreises“ immer herum schreiben kann. Konstruktive Kritik? Bloss nicht, das könnte ja echte Empörung auslösen.

Parallel zum „Echo“ gab es in Berlin einen ganz realen antisemitischen Überfall auf einen jugendlichen Gast aus Israel, der bewußt eine Kippa trug – allerdings in der Vermutung, dass man damit in Deutschland heutzutage völlig sicher sei. Denkste. Denn Deutschland empört man sich nur nach Kommando, im Rudel, nach Ansage der Vorbeter und vor allem wenn es regelkonform ist und möglichst alle mitmachen. Würden sich die „Echo“-Protestler nämlich in den Berliner Kiez begeben oder nach Duisburg-Marxloh, dann könnten sie sich dort Jugendhass von Predigern in den Moscheen oder deutsch-türkischen Kulturvereinen lupenrein und ohne pseudokünstlerische Ummäntelung anhören. Sie bräuchten auch nur eine jener ex-deutschen Schulen mit an die neunzig Prozent Ausländeranteil besuchen, um dort eine Atmosphäre wie im Libanon oder Meinungsbilder wie im Gaza-Streifen zu erleben.

Völlig aus dem Zusammenhang gerissen: „«Werdet erwachsen» – Amerikaner finden deutsche Empörung übertrieben“, so lautete anno 2013 eine Schlagzeile in der Süddeutschen Zeitung anlässlich des NSA-Abhörskandals. Hinter der Schlagzeile allerdings steckt eine Beobachtung, die vor allem Amerikaner seit Ende des Zweiten Weltkriegs immer wieder in Deutschland gemacht haben. So gaben US-Militärs nach Befreiung der noch lebenden KZ-Insassen und der Konfrontation der deutschen Bevölkerung damit nach 1945 denkwürdiges zu Protokoll. Die Deutschen würden auffallend deutlich Fakten wie eine Meinung behandeln. Fakten sind demnach erst Fakten, wenn sie das vorgefertigte, eigene Weltbild unterstützen. Merken Sie was? Die Deutschen haben nichts dazu gelernt. Wer erst umständlich prüft, ob ein Anlaß mit den dazugehörigen Fakten Grund für eine Empörung sein könnte, dessen Empörung kann niemals echt und überzeugend sein. Sie kommt gar nicht oder zu spät, sie kommt am falschen Ende und wirkt nicht überzeugend, weil sie entweder reines Mitläufertum widerspiegelt oder rein taktischer Natur ist.

Was sagte doch Wolfgang Niedecken oben im Interview? Bon Jovi und Guns ’n Roses – alles scheiße, nur BAP sind gut. Helene Fischer ist auch scheisse, die gewinnt immer. Schlager ist auch scheisse. Frei.Wild sind auch scheisse, die sind nicht links. Welch eine Empörung, was für weise Worte zum Thema. Man sollte daher den Wolfgang-Niedecken-Geschmacksdiktatpreis einführen, einen Selbstverherrlichungspreis, passend zum Niveau der deutschen Empörung zum „Echo“. Demnächst singen dann auch die Fischer-Chöre mit allen „Echo“-Preiszurückgebern: „Oh du liebe Scheinheiligkeit, wir kommen auch ohne den Echo aus, wir bleiben zu Haus, gelobt sei was wir sagen dürfen, denn besser wir sagen alle nichts, trallala…!“

 

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