Michael Klonovsky: Stichproben

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Ein Journalist, der bei den Wahrheits- und Qualitätsmedien arbeitet, scheut sich nicht, auch die wirklich, wie man sagt, heißen Themen zu behandeln, allerdings – und das ist der Unterschied zur Hetze und zu den Feknjuhs in den sozialen Medien – tut er dies mit Verantwortungsbewusstsein, Ausgewogenheit und unter Hinzuziehung von Experten.

Von Michael Klonovsky (Acta Diurna)

Unter der Überschrift „Die Jedermann-Waffe“ widmet sich die Süddeutsche einem Phänomen, das nicht gerade neu ist, aber speziell in diesen Tagen mit Vorurteilen und falschen Verallgemeinerungen zu einer Bedrohung für die Allgemeinheit aufgeblasen wird. Das ist Wasser auf die Mühlen von, Sie wissen schon, und wenig hilfreich. Gehen wir in medias res und lauschen wir der SZ-Redakteurin.

„Januar 2018, Lünen: Ein 15-Jähriger ersticht an seiner Schule einen Mitschüler, weil der angeblich provozierend guckte. Februar 2018, Dortmund: Auf einem Parkdeck eskaliert ein Streit zwischen Jugendlichen, Messer werden gezogen, ein Mädchen stirbt an den Stichverletzungen. März 2018, Berlin: Ein 14-Jähriger zieht in der Wohnung einer Mitschülerin ein Messer, das Mädchen verblutet im Kinderzimmer. April 2018, Hamburg: Ein 33-Jähriger attackiert nach einem Sorgerechtsstreit auf einem Bahnsteig seine Ex-Partnerin und die einjährige Tochter mit einem Messer, Frau und Kind sterben. Kaum eine Woche vergeht in Deutschland, in der nicht ein Verbrechen bekannt wird, bei dem Menschen durch Messer zu Tode kommen oder schwer verletzt werden.“

Sofort wird deutlich: Das Phänomen muss mit dem Alter der Täter zu tun haben, jeder hat eins. Doch lenken Sie bitte Ihre Aufmerksamkeit auf den Satz: „Ein 14-Jähriger zieht in der Wohnung einer Mitschülerin ein Messer, das Mädchen verblutet im Kinderzimmer.“ Im Rahmen ihrer Berichterstattung über Fälle berechtigter antifaschistischer Empörung meldet die Qualitätspresse verlässlich: „Es flogen Steine“; diese Darstellung ist in ihrer Kausalitätstoleranz noch eine Nuance subtiler. Wer jetzt auf den Zeittakt insistiert, in dem hierzulande entweder seit jeher oder bloß neuerdings Klingen in Körper flutschen – allein in Berlin geschehen im Schnitt sieben „Vorfälle mit Messern“ pro Tag (in den ersten drei Quartalen 2017 gab es 1974 davon) –, möge bitte richtig hinschauen: Unsere süddeutsche Beobachterin schreibt explizit von Verbrechen, die bekannt werden. Naturgemäß stellt sich bei einem so gewöhnlichen, ja gewohnheitsmäßigen Phänomen irgendwann rezipientenseits eine gewisse Ermüdung ein.

„Wie es zu Gewalt mit Messern kommt, ist gut erforscht: in Situationen nämlich, in denen etwas eskaliert und nicht viel nachgedacht wird.“

Zunächst einmal wollen wir solchen Forschertaten unseren Respekt zollen und nicht immer nur Krebsbekämpfern oder Astrophysikern das Feld überlassen. Soziologen sind Wohltäter des fortschrittlichen Teils der Menschheit! – und was liegt am Rest? Wer freilich aus dieser speziellen soziologischen Erkenntnis schlussfolgert, dass als interaktive Messerbenutzer speziell Angehörige von Kollektiven in Erscheinung treten, in denen Gewaltbereitschaft („Heißblütigkeit“), archaische Ehrgefühle (dito), fehlender Bildungs- und Aufstiegswille, Clandenken und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zum Habitus gehören, liegt nicht nur falsch, weil es solche Kollektive nicht gibt, sondern ist wahrscheinlich ein Rassist.

Die Gruppe, aus welcher sich die Messerer rekrutieren, ist eine andere, „hauptsächlich Männer nämlich, wie bei den meisten Straftaten“.

„Weniger klar ist, wie viele Messerattacken in Deutschland überhaupt begangen werden. Die bundesweite Kriminalstatistik schlüsselt nicht auf, wie oft bei Verbrechen wie Mord, Totschlag, Rohheits- oder Sexualdelikten Messer verwendet werden. Und die wenigen Bundesländer, die es tun, verzeichnen ganz unterschiedliche Entwicklungen: So ist in Hessen und Rheinland-Pfalz die Zahl der Taten in den vergangenen Jahren gestiegen, in Schleswig-Holstein hingegen gesunken, und in der Hauptstadt sind die Zahlen seit zehn Jahren relativ konstant.“

Nehmen wir Hessen. Dort wurden im vergangenen Jahr knapp 1200 „Fälle mit der Tatwaffe Messer“ registriert – 20 Prozent mehr als im Jahr 2012. Innenminister Peter Beuth, CDU, will deshalb Waffenverbotszonen durchsetzen. Die Polizeigewerkschaft findet die Idee gut, gibt aber zu bedenken, dass die Polizei nicht in der Lage sei, sie zu realisieren, weil es ihr für die notwenigen Stichproben (hehe!) an Personal mangele. Immerhin wurden 10 000 Schnittschutzschals und stichsichere Westen für die Beamten selbst beschafft. Obwohl, wie gesagt, unklar ist, ob sie überhaupt benötigt werden. So schürt man Ängste und gießt Wasser auf Mühlen!

Im benachbarten Nordrhein-Westfalen ließen sich sogar die Sozis von der Hysterie anstecken; jedenfalls wurden auf Initiative der SPD dortselbst aktuelle Zahlen im Zusammenhang mit dem über die Qualitätsküchen und Metzgereien hinaus beliebten Tranchierwerkzeug erhoben. Das Ergebnis: Von September 2017 bis März 2018 haben in 572 Fällen meist Männer auf andere Männer, zuweilen auch auf Frauen und Kinder eingestochen. Im Schnitt sind das gerade mal etwas mehr als drei Messerangriffe pro Tag. Innenminister Herbert Reul, CDU, Vater dreier Töchter und gelernter Soziologe, vertraute seine Folgerungen dem ZDF an: „Polizisten schützen wir dadurch, dass wir sie mit Schutzwesten ausstatten, und Bürgerinnen und Bürger werden einfach sensibler sein müssen. Man muss nicht unbedingt Menschen nah an sich ranlassen.“

Auch die Zeit beruhigt: Die „Angst vor zunehmender Messergewalt“ sei „unbegründet“. Das haben zwei ARD-Journalisten herausgefunden, und die müssen es ja wissen. Und ob die 572 Vorfälle aus Nordrhein-Westfalen „eine Zunahme der Stichwaffenkriminalität bedeuten, lässt sich nicht sagen, denn es fehlen Vergleichszahlen für die Vorjahre“.

So wie, beispielsweise, die Vergleichszahlen für Aids-Infektionen aus den 1970er Jahren fehlen? Aus dem gleichen Grund kann auch niemand sagen, ob die Gewalt gegen Rettungskräfte oder das Personal von Krankenhäusern zugenommen hat. Keine Zahlen! Warum man früher keine Zahlen erhoben hat? Nun, die einen sagen, um die Täter zu schützen und der Tourismusindustrie nicht zu schaden, wie es etwa durch das systematische Kleinreden der Massenvergewaltigungen auf dem Münchner Oktoberfest seit Olims Zeiten bewerkstelligt wird. Die anderen, die Ewiggestrigen und konservativen Spinner, behaupten, man habe die Masserattacke als Erscheinungsbild der hiesigen Alltagskriminalität früher eben nicht gekannt… – aber was liegt an den anderen? Die wollen sich bloß nicht erinnern! Wie kann man die vielen auf offener Straße massakrierten Frauen, die Kleinkinder mit durchgeschnittener Kehle, die bei Massenschlägereien in deutschen Innenstädten hundertfach niedergestochenen Jünglinge in den Achtzigern und Neunzigern einfach so vergessen?

„Wenn man die nackten Zahlen der Fälle von schwerer Gewalt bei Jugendlichen betrachtet, so kann man in den letzten Jahre keinen Anstieg beobachten“, erklärte ein Soziologe namens Dirk Baier der taz. „Die Zahlen sind stabil oder sogar rückläufig, es handelt sich momentan eher um eine zufällige Häufung.“

Der Qualitätsjournalisten-Anwärter hakte pflichtbewusst nach: „Woher kommt der Eindruck, solche Attacken nähmen zu?“

Und der Quantitätsexperte replizierte: „Das liegt meines Erachtens an der medialen Fokussierung auf das Thema, denn innerhalb kurzer Zeit wurde viel über diese Fälle berichtet. Menschen versuchen immer einen Sinn zu finden und Dinge miteinander in Beziehung zu setzen – auch wenn diese eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben.“

So wie es zum Beispiel nichts miteinander zu tun hat, dass Baier bis 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen gewesen ist, wo er zehn Jahre lang dem Gefälligkeitsthesenbeschaffer Christian Pfeiffer seinerseits Gefälliges apportierte, mit Schwerpunkt „Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus“ übrigens, bevor er eine eigene Jahrmarktsbude als Delinquenzgeistheiler und kriminalitätpräventiver Handaufleger bzw. -aufhalter in Zürich eröffnete, und dass er, Baier, derzeit dank medialer Fokussierung nun als Kronzeuge für die These auftritt, es gebe weder einen Anstieg der Zahl der Messerattacken, noch hätten importierte Gepflogenheiten oder wenigstens geschenkte Menschen etwas damit zu tun.

Manche sehen das anders. „Insgesamt ist die Zahl der Verbrechen, bei denen Messer eingesetzt wurden, in den letzten zehn Jahren um 1.200 Prozent gestiegen“, schreibt das Gatestone-Institute, das aber viel unseriöser ist als das Pfeiffer-Baier-Institut, weshalb dieser Einzelfalladditionsradau von der Qualitätspresse zu Recht nicht zertifiziert worden ist.

Doch zurück zu unserer süddeutschen Beobachterin, die uns bei so vielen Gleichgesinnten fast schon aus dem Blick geraten war. Vor allem für Jugendliche sei das Messer „eine Art Lifestyle-Produkt“ geworden, zitiert sie, na wen schon, den Herrn Baier. Gerade unter Jungs sei es längst Brauch und Sitte, ein Messer in der Hosentasche zu haben. Der „Hang, im Jugendalter aufzurüsten“, sei allerdings nicht neu, tröstet die Journalistin sogleich, „wenn man an die Halbstarken der 1950er-Jahre denkt, zu deren Machoposen immer auch Messer gehörten“. Da sie keinen Migrationshintergund hatten, wurde ihre Blutspur aber nicht weiter thematisiert.

Dennoch, fährt die SZ fort, gäben manche aktuelle Zahlen „Anlass zu Bedenken“: Einer Studie aus Niedersachsen zufolge, „die auf Befragungen unter Jugendlichen beruht, ziehen 29 Prozent der Jungen zumindest gelegentlich mit einem Messer los, Tendenz steigend.“ Sogar zur Schule!

„Und wer sind die Jugendlichen, die ihre Messer dann auch einsetzen? Oft Jungen und Mädchen, die selbst Gewalt erlebt haben oder gemobbt wurden, so Baier. Generell gilt nach Ansicht des Soziologen: Wer jung und mit Messer unterwegs ist, hat ein doppelt so hohes Risiko, eine Gewalttat zu begehen, wie Jugendliche ohne Messer.“

Die harten Erkenntnisse der progressiven Sozialwissenschaft wirken auf den ersten Blick oft simpel. Merke, zum ersten: „Gewalt ist immer auch ein Hilferuf!“ (Cl. Roth) – bzw. eben eine Reaktion auf Mobbing oder erlittene Gewalt, siehe RAF, NSU, Antifa, Vierte Gewalt usf. Merke, zum zweiten: Wer ohne Messer loszieht, geht ein geringeres Risio ein, zuzustechen. Der Herr Baier ist übrigens Professor, was ja nichts anderes heißt als: sich-zu-erkennen-Gebender.

Aber, jetzt kommt’s endlich, die Süddeutsche stellt die statistisch-willkommenkulturelle Gretchenfrage: „Immer wieder drehte sich die Diskussion der vergangenen Wochen darum, dass unter Migranten Messerangriffe zunehmen würden. Tatsächlich gibt es in der Studie, die auf Schülerbefragungen aus Niedersachsen basiert, Hinweise darauf, dass manche Gruppen häufiger Messer tragen als andere. So hätten Jugendliche aus Südeuropa, Polen, Nordafrika und dem arabischen Raum am häufigsten Messer dabei. Es sei aber Quatsch, die Taten der vergangenen Wochen und Monate ‚auf die Migrantenschiene’ zu schieben, sagt Kriminalitätsforscher Baier. Weil es schlicht keine Zahlen dazu gebe. Und weil nicht jeder, der ein Messer bei sich trage, auch kriminell werde.“

Es gibt keine Zahlen, aber der Soziologe weiß Bescheid. Und da man die täglichen Meldungen über Messerangriffe, deren ausübendes Fachpersonal fast ausnahmslos zu denjenigen gehört, die noch nicht länger hier leben, auch wenn sie als Passdeutsche firmieren, nicht verallgemeinern darf, wird eine (!) Schülerbefragung (!) herbeizitiert. Doch schauen wir allein auf die Eingangsbeispiele des SZ-Artikels: Bei drei der vier Fälle lacht uns der berühmte Hintergrund entgegen, und die 16jähriger Messermaid zu Dortmund gehört wahrscheinlich auch in diese Kategorie!

Aber die süddeutsche Hospitantin zitiert als Siegel der Kriminologen einen Herrn von der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden mit den Worten: „Es gibt keinen Kulturbegriff von Gewalt; keine Religion, keine Staatsangehörigkeit greift schneller nach einem Messer.“

Deswegen herrscht bei sämtlichen Delikten ja strikte ethnisch-kulturell-religiöse Ausgeglichenheit, deswegen ist die statistische Wahrscheinlichkeit, von einem Vietnamesen oder Sachsen niedergestochen zu werden, exakt dieselbe wie die, dass ein Syrer oder Afghane es erledigt. Fastgenau die Hälfte der Tatverdächtigen bei Messerattacken in Hessen beispielsweise besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Sieben Prozent haben jeweils die türkische und afghanische sowie 5,5 Prozent die syrische und drei Prozent die somalische Staatsbürgerschaft. Die übrigen Taten entfallen auf Menschen aus anderen Nationen. Wobei die Formulierung, die deutsche Staatsbürgerschaft „besitzen“, nicht jenes Besitzen meint, auf welches der Nazi-Slogan „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“ anspielt, sofern es sich um deutsche Väter handelt, sondern es  geht hier um einen Besitz, der kurzfristiger und erbunschuldiger sein kann, ungefähr dem eines Messers vergleichbar.

Sela, Psalmenende.

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