Die Buttermesser können nichts für das, was in den Köpfen ist

Foto: Durch Roman Pyshchyk/Shutterstock
Foto: Durch Roman Pyshchyk/Shutterstock

eißt du, warum ich ein Messer benutze? – Die Frage stellt der Joker im Batman-Film »The Dark Knight« – nicht ich, keine Angst! Und weiter sagt er: »Pistolen sind zu schnell, du kannst mit ihnen nicht alle die kleinen Emotionen auskosten. Weißt du, in ihren letzten Augenblicken zeigen dir Menschen, wer sie wirklich sind. Also, (zum Wärter) auf eine Weise kenne ich deine Freunde besser, als du sie jemals gekannt hast. Würdest du gern wissen, welche von ihnen Feiglinge waren?«

Von Dushan Wegner

So weit die monströse Ansprache des Joker. Das Gerede ist so schrecklich, weil der entscheidende Hauch zu viel Wahrheit darin ist.

Ja, es stimmt: Messer sind eine andere Art von Waffe als Pistolen.

Wer nur schießt, womöglich aus der Entfernung wie ein Scharfschütze, der will den anderen loswerden. Wer aber seinen Gegner mit einem Messer angreift, der wird (und will wohl auch) ihn leiden, bluten und womöglich sterben sehen.

London is bleeding

Sadiq Khan versprach einst, was Politiker eben so versprechen: »a safer and more secure London«. Wie es sich so ergibt, ließe sich das als »ein sichereres und sichereres London« übersetzen. In 2015 wurde Khan zum Bürgermeister Londons gewählt. Die Messergewalt in London stieg seitdem. In 2018 hat London (in der Mordrate) New York überholt.

Im Jahr 2018 wurden in New York (laut USA Today, basierend auf Statistiken der London Metropolitan Police und des New York Police Department.) im Februar 14 Menschen ermordet und 21 im März. In London waren es 15 im Februar und 22 im März. Bis Anfang April wurden in 2018 in London mehr als 50 Menschen getötet (laut New York Times) – im gesamten Jahr 2017 zuvor waren es 116 Tote, und das war ein Jahr mit Terroranschlägen. Der größte Teil der Londoner Morde in 2018 wurde mit Messern begangen.

Nicht jede Messerattacke endet tödlich, aber jede hinterlässt körperliche und seelische Narben fürs Leben. Die Zahl der »nur« Verletzten ist weit höher als die Zahl der Toten. Noch weit größer aber ist die Zahl der Menschen, deren Lebensqualität und Lebensfreude sinkt, weil ihr Viertel und ihr Zuhause, in das sie so viel Arbeit und Hoffnung investierten, zur Gefahrenzone wird.

Kampf den Buttermessern

Es ist kein Geheimnis, dass Großbritannien in Sachen »Politische Korrektheit« durchdreht. Das Land, das der Welt Monty Python und Mr. Bean brachte, wirft heute Menschen regelmäßig für »beleidigende« Witze ins Gefängnis. Der Comedian Mark Meechan etwa wurde verurteilt und eingesperrt, weil er seinem Mops beibrachte, einen verbotenen Gruß zu machen – kein Witz.

Die Debatte um Ursachen und Kontext der Welle von Messergewalt in Großbritannien werden von mindestens genauso viel politisch korrekten Redeverboten überdeckt wie in Deutschland. Das Office for National Statistics etwa erfasst ganz offiziell die ethnische Zugehörigkeit von Verbrechensopfern, aber nicht von Tätern. Über andere Wege (etwa das Justizministerium) kann man sich dann doch ein Bild machen. Nicht nur der Guardian, international bekannt für seine abgedrehten Social Justice Warriors, hat sich ganz der Aufgabe verschrieben, Erklärungsmodelle dafür anzubieten, warum die Taten von Messermördern nichts mit dem Inhalt ihres Kopfes (sprich: ihrer Kultur) zu tun haben, sondern mit allem anderen, von mangelnden Lebenschancen bis hin zur toxischen Männlichkeit als solcher. (Siehe Rubrik »Knife crime« bei theguardian.com) – Immer wieder hört man von »Gangs«, in deren Kontext die Messergewalt passiere, doch »Gang«scheint zunehmend Code zu sein für Jugendliche aus bestimmten Stadtteilen.

Was also bekämpft man, wenn man nicht fragen, sagen und denken darf, wer es ist, der mit dem Messer zusticht? Richtig. Man bekämpft die Messer.

Britische Polizeistationen machen sich derzeit auf Twitter lächerlich, indem sie stolz von neuen Waffenfunden und Sicherheitsaktionen twittern, aber in realitas von Buttermessernkleinen Gemüsemessern oder Küchenscheren reden.

Es ist absurdes Theater und viele lachen. Ja, es wurde schon gefordert, »gefährliche« Küchenmesser zu verbieten. Weniger lustig war es, als die britische Polizei in 2017 einen an Alzheimer erkrankten 73-Jährigen ins Krankenhaus taserte, weil er wie immer Essbesteck in seiner Hosentasche mit sich trug.

Kampf dem Schweinehund

Wir hofften einst, im einundzwanzigsten Jahrhundert würden wir die Krankheiten besiegt und die menschliche Bosheit überwunden haben. Wir sollten in fliegenden Autos von Sommerfrische zu Sommerfrische düsen. Unsere Nahrung sollte via Rohranschluss direkt aus der Fabrik ins Haus geliefert werden und unsere Arbeit würde von Robotern erledigt.

Wir sind noch nicht soweit.

Statt in den Straßen flanierend die alten Philosophen zu diskutieren und die Besiedelung des Mars zu planen, sammeln wir (zumindest in London) Brotmesser und Küchenscheren ein.

Mit Verlaub, es ist Irrsinn.

In der Schweiz steht in manchem Haushalt, wenn der Vater als Soldat gedient hatte, ein Gewehr – von einer Gewehrgewaltepidemie durch Banker und Fonduefans hörte man aber bislang wenig.

Das Problem sind nicht die Messer. Das Problem ist eine Charakterschule, die Macht und Bestätigung darin empfindet, das Gegenüber bluten zu sehen.

Wenn ich mit einem Menschen nichts zu tun haben will, lösche ich ihn aus meinem Adressbuch und blocke ihn auf Twitter – das genügt dann aber auch. Ich habe kein Bedürfnis, einen Menschen zu »messern«, um irgendeine Ehre aufrecht zu erhalten, im Gegenteil. Ich wurde so erzogen (sprich: programmiert), dass einen Menschen zu verletzen eine Schmach und ein Zeichen animalischen Kontrollverlustes wäre. Messertäter sind anders »programmiert« als Sie und ich – für manche Leute wäre es eine Schmach, einen Gegner nicht leidend und unterworfen zu sehen.

Wirklich gefährliche Waffen

Wir lehren unsere Kinder, dass der Klügere nachgibt. (Was den Zustand unserer Regierung, also jener, welche auf dem Weg zur Macht nicht nachgegeben haben, erklären könnte – aber das ist ein anderes Thema.) Einige von den jungen Männern wurden als Kinder gelehrt, dass nachzugeben Schwäche und Schmach bedeutet. Ich habe gelernt, dass den »inneren Schweinehund« zu überwinden die erste und wichtigste Aufgabe ist. Einige von denen haben gelernt, dass der Fremde ein Schwein und ein Hund ist – und so behandelt werden sollte.

Wenn es gelänge, alle Fleisch-, Butter- und Brotmesser einzusammeln, von Haus zu Haus zu gehen und in Razzien alles Besteck zu kassieren, dann würden sich Leute, die ihr Gegenüber bluten sehen wollen, eben spitze Stöcke vom Baum brechen und damit zustechen.

Das Problem sind nicht die Messer. Das Problem ist das, was im Kopf manchen »jungen Mannes« drinsteckt.

Dereinst werden Bücher geschrieben werden darüber, wie es »so weit kommen konnte«. Sie werden unsere Absurditäten sehen und sie werden sich fragen: Hat wirklich niemand gemerkt, dass es absurd ist, dass es keinen Sinn ergibt?

Eine der Absurditäten, über deren schiere Möglichkeit man sich dereinst den Kopf zerbrechen wird, ist diese: Die politisch korrekte Klasse verlangt von uns, den Westlern, eine Selbst-Umprogrammierung des eigenen Denkens in orwellscher Dimension, unter schmerzhafter Vernachlässigung von Verstand, Logik und Anschauung – gleichzeitig ignoriert sie in besorgniserregender Blindheit alle »Programmierung«, die Menschen anderer Kulturen in ihrer Kindheit mitbekommen haben.

Einige der gefährlichsten Waffen enthalten nicht Klingen oder Gewehrläufe, sondern Ideen von Ehre und Unterwerfung. Lasst den Menschen ihre Küchenmesser! Die wirklich gefährlichen Waffen sind im Kopf.

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