Rheine: Letzter Überlebender von Brandanschlag gestorben – Ein Nachruf gegen das Vergessen

Symbolfoto: Durch Vadim Axel/Shutterstock
Symbolfoto: Durch Vadim Axel/Shutterstock

Am 20. August 1997 zündete der Kosovo-Albaner Isuv R. das Wohnhaus der rußlanddeutschen Familie Wallmann in der westfälischen Stadt Rheine an. Kurz nach Mitternacht  hatte er einen Molotow-Cocktail ins Treppenhaus geworfen, die schlafenden Hausbewohner hatten keine Chance, den Flammen zu entgehen. Frau Wallmann, ihre Mutter und fünf Kinder starben sofort , ein überlebender Sohn drei Monate später.  Der Familienvater Viktor Wallmann überlebte nur deswegen, weil er in der Tatnacht außer Haus zur Arbeit war. Der kurz darauf gefasste  Täter lebte schon länger in Rheine.  Als Motiv gab er  verschmähte Liebe an. Die damals 20-jährige Olga Wallmann hatte ihm eine Woche zuvor den Laufpass gegeben, für den muslimisch sozialisierten 17-Jährigen  offensichtlich eine unerträgliche Ehrverletzung. Er wurde nach dem Jugendstrafrecht abgeurteilt und hat, soweit bekannt, acht Jahre im Gefängnis verbüßt.

Von Eberhard Kleina

In der Öffentlichkeit sind die Anschläge auf ein Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen vom August 1992, Mölln vom November 1992 und Solingen vom Mai 1993 noch lebendig in Erinnerung, zumal in Mölln drei Tote zu beklagen waren und in Solingen fünf Tote. Die Täter waren Einheimische, die als Rechtsextremisten verurteilt wurden. Bis heute halten Medien und Politik diese Untaten im Gedächtnis. Die Familien der von den NSU-Mördern umgebrachten Opfern erhielten eine hohe Entschädigungssumme, Straßen und Plätze wurden nach den Ermordeten umbenannt. Das soll auch nicht kritisiert werden. Wer aber erinnert sich noch an die umgebrachte Familie Wallmann?  Passt der Täter als Kosovo-Albaner nicht in das politisch-korrekte Täterbild?  Wäre die Erinnerung an die ermordete Familie Wallmann noch genau so lebendig wie die Erinnerung an Mölln, Solingen und die NSU-Morde, wenn der Täter ein einheimischer Rechtsextremist mit Hass auf Rußlanddeutsche gewesen wäre??

Fakt ist, und das ist auffällig, daß die acht Toten der Familie Wallmann  schnell aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwanden, eine hohe Entschädigungssumme hat Viktor Wallmann nicht bekommen, es gab auch keine Straßenumbenennung. Man hat das beklemmende Gefühl, daß es Opfer erster und zweiter Klasse gibt. In dieses Bild passen auch die Morde von Ahrensbök/Hamburg im Jahre 1993, wo ein Türke eine fünfköpfige deutsche Familie getötet und sich schnell in die Türkei abgesetzt hat. Man hörte nie wieder etwas darüber. Wie Olga Wallmann (und ihre Familie) mußte auch Mia Valentin aus Kandel/Rheinland-Pfalz im Dezember 2017 sterben, weil sie ihren muslimischen Freund nicht mehr wollte. Wie viele andere Frauen sind schon aus verletzter Ehre umgebracht worden, wie viele mag es angesichts der hohen muslimischen Einwanderung noch treffen? Was ist nur aus diesem Land geworden? Ist dies das neue multi-kulturelle Deutschland?

Nach der Katastrophe begann für Viktor Wallmann eine unerträgliche Leidenszeit. Drei Monate besuchte er täglich seinen überlebenden neunjährigen Sohn in einer Klinik in Duisburg. Er hatte gehofft, daß wenigstens dies Kind ihm bliebe, vergeblich.  Besonders tragisch war, daß die Familie seiner toten Frau ihm die Schuld am Brandanschlag gab:

„Hättest du dich nicht wie deine Tochter gegen den Kosovo-Albaner gestellt….. .“ Man verbot ihm den Zugang zu den Gräbern seiner Familie. Nein, Irrtum, die Schuld lag nicht bei Viktor Wallmann und seiner Tochter, die Ursache lag im muslimischen Frauenbild, wo es für die Ehre eines Mannes unerträglich ist, von einer Frau, die generell weit unter dem Mann steht, zurückgewiesen zu werden.

In seiner Verzweiflung besorgte Viktor Wallmann sich in Rußland eine Waffe, wohl in der Absicht, den Mörder seiner Familie zu töten. Er wurde aber verhaftet, bevor er selbst Unheil anrichten konnte, kam für drei Jahre ins Gefängnis. Die genaue Anklage ist unbekannt. Jedenfalls wurde er auf diese Weise bewahrt, selbst zum Mörder zu werden.

Viktor Wallmann, zum Zeitpunkt des Todes seiner Familie 42 Jahre alt, war psychisch völlig zerstört und körperlich schließlich auch, saß eine Zeitlang im Rollstuhl. Kinder, denen er auf der Straße begegnete, lösten bei ihm schmerzhafte Erinnerungen und Tränen aus. Zu einer geregelten Arbeit war er nicht mehr fähig. Der Alkohol bestimmte in den folgenden Jahren bis zu seinem Tod weitgehend sein Leben. Obwohl er nie gewalttätig wurde, hielten es Lebensgefährtinnen nicht lange bei ihm aus.

Ein Tiefschlag für ihn war, als er erfuhr, daß der Mörder seiner Familie wieder auf freien Fuß kam. Ein Tiefschlag auch war Jahre später die Anfrage des zuständigen Versorgungsamtes, das wissen wollte, ob von der nicht besonders großen Lebensversicherung seiner verstorbenen Frau noch etwas übrig war und ob Zinserträge angefallen seien. Es ga  in der Tat eine Lebensversicherung, soweit bekannt, in Höhe von 25.000 bis höchstens 30.000 DM, zu der Zeit nicht in Euro. Verwaltungsmäßig sicher alles korrekt. Und trotzdem faßt man es nicht: Ist eine amtliche Stelle nicht in der Lage, einen mitfühlenden Brief zu verfassen und überhaupt sich vorzustellen, was von so einer kleinen Versicherung übrig bleibt.  Viktor Wallmann selbst war in seinem neuerlichen Verzweiflung nicht in der Lage, darauf zu antworten. Das haben Bekannte besorgt und einen streitbaren Brief verfaßt, ob man sich vorstellen könne, daß die Beerdigungskosten für acht Personen wohl vollständig aufgebraucht worden seien. Viktor Wallmann mußte sich sogar noch Geld leihen, damit alle Angehörigen in Würde bestattet werden konnten. Das Versorgungsamt hat nie wieder nachgefragt.

Nach etlichen Jahren bekam er Rentennachzahlung ausgezahlt, weil man eine zu niedrige monatliche Summe überwiesen hatte. Diese Nachzahlung war erst nach einem zähen Ringen erfolgt und nur der Initiative eines Pastors geschuldet, der sich der Sache angenommen hatte, Viktor Wallmann selbst hatte keinen Überblick.

Nun ist er völlig vereinsamt irgendwann Mitte März 2018 an seinem letzten Wohnort Espelkamp verstorben. Der genaue Todeszeitpunkt ist unbekannt. Nachbarn wurden nach Tagen aufmerksam, weil ein Lebenszeichen von ihm fehlte. Nach dem Aufbrechen der Wohnungstür fand man ihn tot. Er ist 63 Jahre alt geworden. Damit ist niemand mehr von der Familie am Leben.

Nach dem Gesetz war die Stadt Espelkamp für die Abwicklung der Beisetzung zuständig, was sie auch gemacht hat. Aber um ein Haar wäre er still und leise aus unserer Gesellschaft verschwunden, obwohl die Stadtverwaltung darüber informiert war, daß Bekannte vom Verstorbenen Abschied nehmen wollten, und versprochen hatte, rechtzeitig Bescheid zu geben. Dies geschah nicht, die Urne mit der Asche des Toten stand schon zum Versand nach Bremen bereit, wo er auf einem anonymen Urnengräberfeld beigesetzt werden sollte, die billigste Variante einer Beisetzung. In allerletzter Minute hatten andere Bekannte vom Versenden der Urne erfahren und konnten mit Hilfe einer mitfühlenden Mitarbeiterin bei der Stadt Espelkamp und  des beauftragten Bestattungsunternehmens am 28. März 2018 noch eine würdige Trauerfeier gestalten. Der Gedanke war unerträglich, daß der Verstorbene wie ein Müllsack entsorgt werden könnte. Ist nicht jeder Mensch Gottes Ebenbild?  Formal war sicher alles in Ordnung, man kann aber einen Menschen eben nicht einfach „abwickeln“.  Es waren noch 16 Personen, die im Trauergottesdienst  Viktor Wallmann die letzte Ehre gaben.

Die tote Familie Wallmann hat ebenso wie die Toten von Mölln und Solingen ein Anrecht darauf, nicht totgeschwiegen zu werden und nicht  im Vergessen zu verschwinden. Es darf nicht Tote erster und zweiter Klasse geben. Möge Viktor Wallmann seinen Frieden gefunden haben, auch wenn er nicht bei seinen toten Angehörigen ruhen darf.

 

 

 

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